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Serie „Zeit der Geheimnisse“ : Haus der Frauen

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Welches Geheimnis verbirgt sie: Corinna Harfouch als Mutter und Großmutter. Bild: Katalin Vermes/Netflix

Eine deutsche Weihnachts-Miniserie auf Netflix mit Corinna Harfouch und Christiane Paul erzählt von der familiären Aufarbeitung alter Verletzungen. Das ist unprätentiös, zum Verlieben schön und sollte ARD und ZDF eine Lehre sein.

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          Ein wenig beschämend ist das schon. Dass die finanzstarken deutschen Sender den internationalen Serienproduktionen der Streaming-Portale wenig entgegensetzen können, daran hat man sich gewöhnt, aber dass Netflix unserem öffentlich-rechtlichen Fernsehen jetzt vormacht, welches Niveau die kleine Fiktion erreichen kann, wenn man ihr nur genug Freiheit lässt, das muss wachrütteln. Denn was Netflix mit „Zeit der Geheimnisse“ als Miniserie annonciert, ist in Umfang, Dramaturgie, Besetzung und produktionstechnischem Unterbau durchaus ein waschechter deutscher Fernsehfilm, allerdings im Ergebnis so bezaubernd, dass man sich die Augen reibt.

          Schon der Einstieg – ein Tablett fällt zu Boden – spielt mit Sehgewohnheiten. Das auf Familien-Dramödien geeichte Publikum weiß gleich, dass die Hausherrin das Zeitliche gesegnet hat, bis uns aufgeht, dass die ansonsten zurückgenommene Regie von Samira Radsi einen Scherz mit uns treibt. Keineswegs neu ist auch die Idee, die zusammengekommene Familie über das Aufbrechen lange unterdrückter Konflikte zuerst ins totale Chaos und dann zur weihnachtlichen Versöhnung zu führen.

          Im Drehbuch von Katharina Eyssen aber erstreckt sich die Handlung komplex verschachtelt und doch wunderbar leicht erzählt über mehrere Generationen hinweg. Drei Zeitstufen stehen im Vordergrund. In der Gegenwart reisen die jungen Frauen Vivi (Svenja Jung) und Lara (Leonie Benesch) für die Feiertage in das so idyllisch wie einsam in den Dünen gelegene Haus der Familie an, in dem sie mit Großmutter Eva (Corinna Harfouch) und Haushälterin Ljubica (Anita Vulesica) aufgewachsen sind. Überraschend taucht ihre sprunghafte Mutter Sonja (Christiane Paul) auf, was neben dem Eva-Schock die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anstößt.

          Schwerer Gang: Die Protagonistinnen von „Zeit der Geheimnisse“.

          Auf einer mittleren Zeitstufe erhalten wir wohltuend unaufdringlich Einblick in Vivis und Laras Jugend, die überschattet war von der Sehnsucht nach der abwesenden (Raben-)Mutter, die nur hin und wieder an Weihnachten wie ein Wirbelwind aus fernen Landen hereinschneite, um ihre Liebe ebenso großzügig zu verteilen wie egozentrisch wieder zu entziehen. Auf einer noch früheren Zeitebene sehen wir jene Sonja als junge, aufmüpfige, zugleich liebenswerte Studentin, die auch ein enges Verhältnis zu ihrer – nur halb – verwirrten Großmutter (Barbara Nüsse) hatte. In kleineren Szenen hangelt sich der Film aber noch weiter zurück bis in Evas Kindheit. Überzeugend wird ausgemalt, wie Charaktermerkmale von Generation zu Generation fortleben und welche Auswirkungen Entscheidungen und Versäumnisse über lange Zeiträume haben.

          Ein handelsübliches Buch hätte jeder der Frauen Geheimnisse angedichtet, die sich gegenseitig aufheben. Hier aber sind die Geheimnisse anders verteilt, es sind verbindende Leerstellen der Liebe, Rätsel der Angst, Absprachen in guter und doch verletzender Absicht, zurückgehaltenes Wissen, Kapitulationen gegenüber dem Zeitgeist, uneingestandene Schwächen, wortlose Trauer.

          Dies alles so spielen zu können, dass es über zunächst verwirrende Zeitsprünge hinweg in den Bann schlägt, ist eine grandiose Ensembleleistung. Corinna Harfouch verleiht ihrer Figur gebückte Größe, eine vibrierende Undurchschaubarkeit, die mit Sonjas draufgängerischer Wehrlosigkeit in einen Ringkampf über viele Runden tritt. Die schauspielerische Leistung von Jung und Benesch hält in dieser Klasse mit. Wie die Töchter innere Versehrtheit in Wut, Zynismus und Furcht umlenken, dabei doch kindlich liebesbedürftig bleiben, das wirkt höchst authentisch. Alle Dialoge der Frauen untereinander haben eine Unmittelbarkeit und Wucht, als wären sie am Set improvisiert worden.

          Männer spielen keine große Rolle in diesem Film. Sie werden als leicht affige Verlobte mitgebracht und dann links liegen gelassen (Dennis Herrmann), tapsen als jahrzehntelang unerhörte Dauerverehrer herum (Golo Euler, Maik Solbach, Thilo Prothmann) oder es widerfährt ihnen, wenn sie misanthropische Stinkstiefel sind wie Evas Gatte (Hans-Uwe Bauer), Erstaunliches. Sie werden aber nicht verachtet, die Männer. Erstaunt stellen sie fest, dass es für (fast) jeden hier wenigstens etwas Schnaps und Zuneigung gibt. Und man versteht ihre Faszination für dieses Haus der verrückten Frauen, in die man sich samt und sonders verlieben muss, zumal die härtesten Schuldzuweisungen stets noch – die Augen verraten es – von Liebe getragen sind. Deshalb wirken auch die fröhlichen Szenen nie aufgesetzt, sondern aus einem Humus der Güte heraus entwickelt.

          Unablässig schaut das an der Oberfläche aufgewühlte, aber in der Tiefe unwandelbare Meer auf das Geschehen, eine Trope, die zum eigenen Protagonisten wird. Es kommen dann doch Geheimnisse ans Licht, die vielleicht eine Spur zu exaltiert, zu fernsehfilmartig sind, aber diese locker ans Gesellschaftspolitische angedockte Seitenhandlung dominiert die Serie zu keiner Minute. Die in Budapest und an der dänischen Küste gedrehte, durch Stefan Unterbergers Kamera stark aufs Mimische konzentrierte und von enormer Spielfreude getragene Produktion geht jedenfalls als Favorit ins Rennen um den diesjährigen (Vor-)Weihnachtsfilm der Herzen.

          Zeit der Geheimnisse ist von heute an auf Netflix abrufbar.

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