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Netflix-Serie „The Politician“ : Denn er weiß genau, was er tut

  • -Aktualisiert am

Feuerwehrmann steht nicht auf seiner Berufswunschliste: Payton Hobart (Ben Platt) fühlt sich zu höchsten Weihen berufen. Bild: Netflix

Was passiert, wenn jemand von Kindesbeinen an weiß, er muss Präsident der Vereinigten Staaten werden? In der Netflix-Komödie „The Politician“ nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Eine Starbesetzung gibt es obendrauf.

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          Es ist nie verkehrt, sich große Ziele zu setzen: Payton Hobart, Adoptivsohn einer stinkreichen Dynastie, die selbst im Zimmer der Hausangestellten Picassos hängen hat und für das Weihnachtskartenfoto Annie Leibovitz engagiert, bereitet sich darauf vor, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, seit er lesen kann. Der eigentümliche Junge weiß deshalb genau, was gerade jetzt, in seinem letzten Jahr an der Saint Sebastian High School, zur Verwirklichung seines Traums zu tun ist: Er muss Schülersprecher werden (wie weiland Ronald Reagan oder George Bush Sr.) und anschließend in Harvard studieren, das mehr Präsidenten als jede andere amerikanische Universität hervorgebracht hat.

          Und Payton muss selbstverständlich schon jetzt so denken und reden und handeln, wie Politiker es tun. Payton hat das drauf, ob er nun erzählt, im Zweifel könne er auch auf Sohn einer Kellnerin machen oder nur deshalb weinen, weil man es von ihm erwartet. Die neue Netflix-Serie „The Politician“, die eine Komödie ist und den Karriereweg Payton Hobarts in weiteren Staffeln verfolgen will, erzählt von einem High-School-Wahlkampf, der mit derselben eiskalten Berechnung, derselben Skrupellosigkeit und denselben Sprechblasen geführt wird wie manch große Präsidentschaftskampagne.

          Zu diesem Wahlkampf gehören blasierte Berater ebenso wie rein strategisch ausgewählte Vize-Kandidaten (Hobart wählt eine Krebskranke, die Konkurrenz eine feministische Afro-Amerikanerin), Umfragewerte sind ständig verfügbar, die Öffentlichkeit wird mit inszeniertem Herzschmerz-Gossip versorgt, und in den Stunden vor der Stimmabgabe kommt eine Social-Media-Analyse zum Einsatz, über die unentschiedene Wähler, in diesem Fall ein dauermasturbierender Gamer ohne jedes Polit-Interesse, bis an die Toilettentür verfolgt werden können.

          Eine Riesensause! So wird Netflix gedacht haben, als der renommierte Serienentwickler Ryan Murphy, Erfinder von „Glee“, „American Horror Story“ und „Pose“, mit dem Konzept ums Eck bog. Und das dachten vermutlich auch der Hauptdarsteller Ben Platt, der aus der Musical-Komödie „Pitch Perfect“ bekannt ist, Gwyneth Paltrow, die als philantrophische Mutter Paytons zu sehen ist, oder Jessica Lange, die eine überschminkte Seniorin spielt. Auch die Tennis-Legende Martina Navratilova ließ sich zu einem Kurzauftritt überreden – als verliebte Lesbe, wie die Serie überhaupt eine Lanze für die gleichgeschlechtliche Liebe zu brechen versucht: Präsident in spe Payton Hobart hat sich, durchaus auch für Frauen schwärmend, in seinen Mandarin-Nachhilfelehrer River (David Corenswet) und damit ausgerechnet in den Mann verliebt, der ebenfalls zum Präsidenten der Schülerschaft gewählt werden will.

          Statt der erhofften Sause ist „The Politician“ aber nur eine Soapklamotte geworden. Die Gags sind selten so bissig und überdreht, wie man es von einer Polit-Satire erwartet. Elegante Bezüge zur Wirklichkeit (Ben Platt schwitzt bei einer Diskussion mit seinem Konkurrenten wie weiland Nixon im Duell mit John F. Kennedy) werden per Erklärung entzaubert („schwitzt wie Nixon“). Und der Überdruss am High-School-Format, das allein bei Netflix in den unterschiedlichsten Varianten bespielt wird, von „Pretty Little Liars“ bis „Elite“, gibt der Serie beinahe den Rest.

          Gerettet wird die Produktion von den jungen Schauspielern, allen voran dem Hauptdarsteller mit den Kulleraugen. Als Interpret eines Schülers mag Ben Platt, Jahrgang 1993, ein wenig zu alt sein. Aber er schaut so bierernst aus der Wäsche, dass selbst öde Szenen ins Amüsant-Absurde gezogen werden. Und auch in dieser Serie ist zwischendrin seine samtene Gesangsstimme zu hören, wie in „Pitch Perfect“ oder dem Broadway-Musical „Dear Evan Hansen.“ Und das Ganze wirkt noch viel schräger, weil Paytons Berater James, McAffee und Alice (Theo Germaine, Laura Dreyfuss, Julia Schlaepfer) ihrem Boss, mit dem sie irgendwann auch im Weißen Haus sitzen wollen, Alice als First Lady, in Sachen Schluss-mit-lustig–Miene in nichts nachstehen.

          Nur über diese vier Schauspieler und einen Überraschungsgast erklärt sich das Wunder der Serie, das sich in der letzten Folge ereignet: Die wunderbare Bette Midler taucht plötzlich auf. Sie spielt eine Frau, die weit mehr politische Erfahrung als die Jungspunde hat, und verwandelt alles Gesehene zur Vorgeschichte eines neuen Wahlkampfs. Der unerwartete Effekt: Wir vergessen, wie sehr wir uns zwischendurch gelangweilt haben, wollen Paytons Truppe unbedingt weiter auf ihrem Weg sehen. Staffel zwei ist beschlossene Sache.

          The Politician startet am Freitag bei Netflix.

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