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Netflix-Serie „Rilakkuma“ : Was in so einem Bären alles drinsteckt

Pelzig-gefiedertes Miteinander: Kaoru, Rilakkuma, Korilakkuma und Kiiroitori Bild: Netflix

Mehr als seelenlose Maskottchen: In „Rilakkuma und Kaoru“ stellt sich eine junge Japanerin mit pelzigen Freunden den Tücken des Alltags.

          In Japan machen sie nicht so viel Wind um Dinge, die nicht einfach zu erklären sind. Nicht, wenn eine junge, aber erwachsene Japanerin mit zwei Bären und einem gelben Vogel zusammenwohnt. Und auch nicht, wenn mindestens einer dieser kauzigen Mitbewohner nicht ist, was er zu sein vorgibt. In der Stop-Motion-Serie „Rilakkuma und Kaoru“ wird Letzteres nur am Rande thematisiert. Kaoru (gesprochen von Mikako Tabe) lebt in einem kleinen Appartement in einem Reihenhaus mit blauen Dachziegeln. Ihre pelzigen Mitbewohner waren irgendwann einfach da: Rilakkuma und Korilakkuma – nur der gelbe Vogel Kiiroitori gehörte bereits zum Haushalt. Rilakkuma ist ein Portemanteau aus „rirakkusu“, der japanischen Transliteration für das englische „relax“, und dem japanischen Wort für Bär: „kuma“.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ursprünglich war er nicht mehr und nicht weniger als ein seelenloses Maskottchen, erfunden vom Illustrator Aki Kondo für das Unternehmen San-X, um Merchandise-Produkte aller Art unter das Volk zu bringen. Ähnlich wie seine ältere Kollegin von „Hello Kitty“ aus dem Hause Sanrio ist er Teil des japanischen Niedlichkeitskultes, der außerhalb des Landes immer etwas verkürzt mit dem Wort „kawaii“ umschrieben wird, was süß, liebenswert oder auch kindlich bedeuten kann. In Japan hat diese überzuckerte Niedlichkeit auch im Leben Erwachsener Platz. Das vermeintlich „Kindische“ (piepende, brummende, miauende Flausch-Charaktere) und das vermeintlich „Erwachsene“ (Arbeit, Einsamkeit, Freundschaft, Liebe, Sex, Verantwortung, Älterwerden) führen in der japanischen Popkultur eine friedliche und bisweilen herrlich absurde Koexistenz.

          Einfluss einer harten Fernfahrerdroge

          Manchmal kaschiert das Niedliche auch das Unaussprechliche. Manchmal dient es als dessen Ventil. Man sollte sich also nicht von der Schlichtheit der Figuren und der Aufmachung der Serie abschrecken lassen. An Sympathiewert können es Kaoru und Co äußerlich nicht mit ihren englischen Kollegen von „Wallace & Gromit“ aufnehmen. Kaoru wirkt mit ihren stets aufgerissenen Augen, als stehe sie unter dem kontinuierlichen Einfluss einer harten Fernfahrerdroge. Und doch entfaltet jede der zwölfminütigen Folgen eine ganz eigentümliche Qualität.

          Was oberflächlich als Kleine-heile-Welt-Erzählung daherkommt, zeigt auf rührende, aber nie naive Art und Weise, wie man mit den Nickligkeiten und zerstörerischen Kräften des Alltags, des Jobs, des Wetters und des allgemeinen Weltschmerzes umgeht. Traditionell schafft Speis und Trank in Japan dabei am verlässlichsten Abhilfe. Der Bär – mit der Möglichkeit, dass es sich um einen kleinen Mann mit einem großen Fetisch in einem Pelz-Anzug handelt, wird weiterhin nur gespielt – hegt denn auch eine große Vorliebe für Reiskuchen-Bällchen („dango“) und mit Reis gefülltes Omelett („omuraisu“). Ansonsten tut er, was so ein Haus-Bär eben tut: essen, schlafen, Unordnung machen – während Kaoru in der Firma mit dem klingenden Namen „Haiinsel“ (Samejima) um Anerkennung und die Aufmerksamkeit des Lieferboten sowie gegen die drohenden Überstunden kämpft.

          Zu klimpernder Klaviermusik, die aus einem Stummfilm stammen könnte, biegen die Folgen immer wieder ganz leise ab ins Irrwitzige. Einmal, während der Regenzeit, liegt der Bär den lieben langen Tag im Zimmer, während der um Ordnung bemühte gelbe Vogel gegen Pilze kämpft, die plötzlich überall aus dem Fußboden und auch dem Fell des Bären schießen. Als man auch nach dem Ausräuchern und mit Kaorus Hilfe der Plage nicht Herr wird, stellt man kurzerhand einen Zimmergrill auf und legt die Pilze darauf. Nach dieser Wenn-dir-das-Leben-Zitronen-gibt-Logik funktioniert die Bewältigung von Alltagsproblemen in „Rilakkuma und Kaoru“ häufig – jedoch ohne Garantie des Gelingens.

          Die Pilze, von denen ausgerechnet ein kecker Laubfrosch kostet, der durchs Fenster Eingang fand, haben eine sehr anregende Wirkung auf diesen. Am Ende wird das muffige Fell des Bären, auf dessen Rücken der Reißverschluss stets gut zu sehen ist, gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Sein Innenleben versteckt sich unter der Bettdecke.

          Ob „Pu der Bär“ oder „Paddington“, der domestizierte Bär funktioniert als Sinnbild heimischer Geborgenheit und – trotz visueller Parallelen – dennoch anders, als es uns der Hygge-Trend weismachen will. Irgendwo zwischen bäriger Einfalt und Gerissenheit, zwischen dickem Pelz und empfindlicher Nase, machen Rilakkuma und Kaoru ihren Frieden mit Hilfe der kleinen Dinge. Man kann ihnen, ganz gleich in welchem Alter, mit viel Vergnügen dabei zuschauen – wenn man bereit ist, einen zweiten Blick zu riskieren. Besonders an einem dieser Sonntagabende, wenn die Restwärme des Wochenendes im kalten Hauch der nahenden Werktage zu vergehen droht. Man sollte zuvor allerdings gut gegessen haben.

          Die Serie Rilakkuma und Kaoru ist auf Netflix abrufbar.

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