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Netflix-Serie „Messiah“ : Lassen Sie mich durch, ich bin Jesus

  • -Aktualisiert am

Heute der Nato-Draht, früher die Dornenkrone: Der vermeintliche Messiah, Al-Masih (Mehdi Dehbi) testet seine Grenzen aus. Bild: Hiba Judeh/Netflix

In „Messiah“ wird an Einwanderungsbehörden, Medien und Kirchenfanatiker die Frage gerichtet: Was würde es bedeuten, wenn der Heiland heutzutage auf der Erde wandeln würde?

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          Dreißig Tage und Nächte ohne Essen und Trinken steht der Mann, der sich „Das Wort“ nennt, betend auf dem Marktplatz in Damaskus, im Zentrum eines Sandsturms von biblischen Ausmaßen. Die syrische Stadt ist voller Flüchtlinge, steht, kurz vor dem Fall, unter dem Beschuss des IS. Dann ist der Spuk vorbei. Die schwarzen Männer des „Kalifats“ sind mangels Nachschub abgezogen. Der Wind hat sich gelegt wie im Handumdrehen. Die muslimischen Flüchtlinge aus Palästina, unter ihnen der junge Gläubige Jibril (Sayyid El Alami), formieren sich zur Gefolgschaft. Der Wundermann gibt ihnen neue Hoffnung auf eine eigene Nation, aber der eigentliche Plan dieses Propheten, der aussieht wie Jesus Salvator und der junge Mahatma Gandhi in einem, bleibt ein Rätsel. Welche Religion hat er? Keine einzelne, sagt er. Arabisch, Hebräisch, Englisch spricht er wie jemand vor der babylonischen Sprachverwirrung, als Gott den Menschen wegen ihres Turmbaus auftrug, einander fortan misszuverstehen.

          Ist der Mann bloß ein Sprachmystiker? Hat er die Wiederbelebung des Universalienstreits vor? Ist er gar ein Vertreter des semantischen Realismus? Ihm ist das Allgemeine nur im Wort wirklich. Außerhalb gibt es nichts von Bedeutung. Wenn man glauben möchte. So etwas verwirrt auch die hysterischen „Follower“, die ihm bald zu Tausenden nicht nur auf Instagram hinterherreisen. Für die CIA-Agentin Eva Geller (Michelle Monaghan) ist der Friedens- und Ökomissionar aus dem Pulverfass Mittlerer Osten zuallererst ein iranischer Terrorist neuartigen Typus. Er scheint unberechenbar und gefährlich. Ihre Bibel ist Samuel P. Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Islamische Glaubenswächter urteilen ähnlich: Das muss der Teufel höchstselbst sein. Die Schrift zitiert er nicht wortgenau. Er folge Gottes Ruf, sagt der „Al-Masih“ Genannte (Mehdi Dehbi) immer wieder in den Folgen der als Dekalog angelegten amerikanischen Netflix-Serie „Messiah“.

          Liebe, Güte, Frieden

          Seine sonstige Botschaft ist ein „Best-of“ populärer Glaubenslehren: Liebe, Güte, Frieden und „Erkenne dich selbst“. Manchen allerdings bringt er, ob absichtslos oder unverantwortlich, das Schwert und die Apokalyptischen Reiter. Er führt sein Volk, das bald hungert und darbt, durch die Wüste ins Westjordanland, zur schwer gesicherten israelischen Grenze, an der umgehend die Weltpresse, CNN-Reporterin Miriam Keneally (Jane Adams) vornan, Aufstellung nimmt. Offenbar ist sein Ziel Jerusalem. Zuvor wird der Prediger vom israelischen Geheimdienst verhaftet und vom Schin-Bet-Agenten Aviram (Tomer Sisley) verhört. Bevor er spurlos aus seiner Zelle verschwindet und auf dem Tempelberg einen von israelischen Soldaten im Tumult erschossenen Jungen wieder zum Leben erweckt. Palästinenseraufstände sind die Folge. Später, in Amerika, beginnen Aufstände in vielen großen Städten. Die Unzufriedenen nutzen ihre Chance. Irgendwann fährt der Konvoi der neuen Jünger beim Marsch auf Washington an der Abzweigung nach Waco vorbei. Eine Sekte auf dem Weg zum kollektiven Selbstmord?

          Was wäre, wenn Jesus in der jetzigen geopolitisch angespannten Situation und unter den Bedingungen der globalen Social-Media-Meinungsbildung, Sintfluten und Plagen im Reisegepäck, auf die Erde kommen würde? In Amerika, so wendet es der Serien-Showrunner Michael Petroni (Regie James McTeigue und Kate Woods), würde er umgehend als illegal Eingereister zur Deportation verhaftet und von der „Homeland Security“ unter Generalverdacht gestellt. In Israel betrachtete man ihn, obwohl von einer jüdischen Mutter geboren, als Intifada-Aufwiegler. Fragen zu möglichen Verbindungen nach Russland und Whistleblowern im Exil wären unausweichlich. Proselytenmacher und Bible-Belt-Evangelikale würden ihn vereinnahmen. Und alle Sinnsucher und Sünder auf diesem Planeten stellten sich die Gretchenfrage.

          Die Fragen nach der Natur dieses „Messias“ ist der dramaturgische Motor der Serie, die, zum Teil ernst, zum Teil ironisch, vor allem die Geschichten seiner Jünger und Gegner erzählt. Verzweifelte und Neu-Hippie-Spinner, Freaks und Todkranke treten auf. Agentin Geller findet belastendes Material. Der Präsident der Vereinigten Staaten, ein Mormone, kommt in Versuchung. Nur die Russen bleiben eine unbekannte Größe. Außer dem „Guardian“, der „Messiah“ als „,Homeland‘ mit göttlichem Twist“ lobte, fand die Kritik, allen voran „Variety“, die Serie eher flach und klischeehaft. Dort störte insbesondere, dass die Messias-Figur zwar schön anzusehen ist, aber seltsam leb- und hintergrundlos bleibt, während die Geschichten der Nebenfiguren allzu plastisch und episch erzählt würden.

          Der Grundkonflikt der Serie ist einfach, und sie zieht sich im mittleren Teil durch vielerlei Kleinstentwicklungen und Skrupeldarstellungen in die Länge. Dass der Messias eher als spiegelnde Leerstelle erzählt wird, weitet allerdings den Raum für die Schauspieler um ihn. John Ortiz als zweifelnder texanischer Baptisten-Reverend Felix, der zum Kultorganisator wird; Stefania LaVie Owen als seherisch – oder epileptisch – veranlagte Tochter und vor allem Beau Bridges als „Millionärs-Televangelist“ Ed, der seine TV-Gottesdienste in Riesenkirche wie eine Präsidentschaftskandidatur-Parteiveranstaltung abhält, zeigen zusammen mit den Vorgenannten einige sehenswerte Figuren. Ein Serienflop sieht anders aus. Dass die Serie dagegen manch religiöses Gefühl radikal mit Füßen tritt, liegt auf der flachen Hand. Auf der in „Messiah“ gelegentlich ein Kornfeld wächst.

          Messiah ist bei Netflix abrufbar.

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