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Neue Netflix-Serie „Glow“ : Frauen am Rande des Nasenbeinbruchs

  • -Aktualisiert am

Als reine Stil-Show ist „Glow“ tatsächlich glamourös und so shabby-chic wie alte Hulk-Hogan-Sammelbildchen oder Jane Fondas Aerobic-Videos. Bild: Erica Parise/Netflix

Mehr Asche als Glut: Die neue Netflix-Serie „Glow“ kreist lässig cool ums Frauenwrestling. Das Dekor hingegen stimmt bis zur letzten Föhnwelle. Nur eine Geschichte wird nicht erzählt.

          3 Min.

          So schnell kann ein Traum verglühen. Da ist man Mitte der achtziger Jahre ein liebenswürdig chauvinistischer, ständig zugekokster B-Movie-Kultregisseur in schön bescheuerter Aufmachung mit Bürstenschnauzer, Koteletten, Kassengestellbrille und angeklebter Fluppe, den andere Lebenszeitvergeuder anerkennend mit „You look like shit, man“ grüßen (die gerührte Antwort: „Ich weiß, ich altere schlecht“), und dann muss man erfahren, dass die so grandios durchgeknallte Filmidee mit dem Jungen, der eine missglückte Zeitreise in die Fünfziger macht und von der eigenen Mutter, zu jener Zeit noch ein Teenager, angebaggert wird, dass also diese als Drehbuch längst fertige Geschichte, für die man seit Jahren keinen Produzenten findet, soeben von jemandem namens Robert Zemeckis in die Kinos gebracht worden ist.

          Was dem Regisseur Sam Sylvia (Marc Maron, nicht nur Comedian, Schauspieler und Podcaster, sondern auch die heimliche Hauptfigur von „Glow“) widerfährt, das wollten Liz Flahive und Carly Mensch sowie Jenji Kohan und Tara Herrmann (die Erfinderin von „Orange Is the New Black“) wohl gleich ausschließen, denn auf dem überhitzten Serienmarkt ist die Gefahr groß, selbst bei noch so abgedrehten Agenten-, Fantasy- oder Science-Fiction-Stoffen auf den letzten Metern überholt zu werden. So haben sich die Autorinnen, Produzentinnen und Showrunnerinnen für ihren neusten Netflix-Streich den umständlichsten Nicht-Plot des Jahres ausgedacht.

          Den Glutkern von „Glow“, das in wilder Achtziger-Jahre-Opulenz vom Schweißband bis zur Rollschuhdisko schwelgt, bildet das Dekor.

          „Glow“ erzählt die ausgedachte Vorgeschichte zu einer meschuggen, aber realen amerikanischen Achtziger-Jahre-Fernsehshow, die ebenfalls „Glow“ hieß, in Los Angeles produziert wurde und besonders comedyhaft überzeichnete Frauen-Wrestlingkämpfe zeigte. Die „Glorious Ladies of Wrestling“ waren in der Regel Schauspielerinnen oder Models mit Karrierehoffnungen.

          Den Frauen am Bildschirm ließ sich das als Gipfel des Fitnesstrends verkaufen, den Männern, um einmal mehr Sam Sylvia zu zitieren, als „Porno, den man endlich mit der ganzen Familie gucken kann“ – das amerikanische „Tutti Frutti“ gewissermaßen. Und so wenig einen die Pitches und Proben der Hulahula-Striptease-Show von RTL plus interessieren würden, so dröge ist diese Dimension tatsächlich auch bei „Glow“ (aufgepeppt ebenfalls mit manchem Striptease). Nur gibt es hier an Handlung fast nichts anderes, denn was an verwaschenen Seifenopernklischees noch hinzukommt, ist kaum der Rede wert.

          Die Konzentration aufs Damenbiotop verbindet „Glow“ mit der berühmten Frauenknast-Serie, nur eben unter Absehung von aller Dramatik.

          So hat die Hauptfigur der Serie, die erfolglose Schauspielerin Ruth (Alison Brie, bekannt als arme reiche Trudy Campbell aus „Mad Men“), eine Miniaffäre mit dem Mann ihrer besten Freundin Debbie (Betty Gilpin), einem abgemeldeten Soap-Sternchen mit Baby. Den wohl prototypisch gemeinten Mann spielt übrigens Rich Sommer, als Harry Crane ebenfalls ein alter „Mad Men“-Hase, weshalb man ihn nur bedauern kann ob dieser Unterforderung.

          Der Seitensprung-Konflikt soll uns tatsächlich durch zehn Episoden tragen. Debbie nämlich taucht beim Training für die Wrestling-Show auf und vermöbelt ihre Nebenbuhlerin mit Schmackes, was dem Regisseur umgehend eine Catfight-Vision verursacht, die in ihrer Dämlichkeit tatsächlich an Trashfilme des unschuldigen Zeitalters heranreicht. Die Furie wird kurzerhand als All-American-Star ins Ensemble aufgenommen, und nun folgen viele Stunden lang Teambuilding, Haareziehen, Bodyslam- und Kopfnusstraining, angereichert mit Partyszenen – hierfür ist Playboy-Produzent Bash (Chris Lowell) zuständig – und kleinen Streichen, was selbst in den besten Momenten von jedem Hanni-&-Nanni-Film überstrahlt wird.

          Alle gecasteten Frauen müssen eine eigene Persona entwickeln (Wolf-Lady, „Grace Kelly auf Steroiden“, schäbige Kommunistin), damit die Zweikämpfe zumindest ansatzweise eine Geschichte erzählen, und wir müssen ihnen bei diesem mühsamen Geschäft tatsächlich von Anfang bis Ende zusehen. Erst in Episode zehn findet die denkbar öde Fernsehaufzeichnung endlich statt. Natürlich waren zuvor noch ein paar Finanzierungsprobleme zu lösen, besonders idiotische sogar, aber das macht dieses Power-Dutzend, das von Bikini-Autowäsche bis zur kuhäugig fingierten Beichte geläuterter Drogensünderinnen alle Fundraising-Tricks draufhat, einfach mit links.

          Die Konzentration aufs Damenbiotop verbindet „Glow“ mit der berühmten Frauenknast-Serie, nur eben unter Absehung von aller Dramatik: Hier regiert die langweiligste Alle-für-eine-Moral, selbst der luschige Senderchef hat nie Einwände. Nichts steht auf dem Spiel. So wenig Handlung war lange nicht mehr, man versteht die Verzweiflung des koksenden Regisseurs. Das will uns Netflix als nächsten Binge-Watch-Hit verkaufen? Auch die von den Macherinnen suggerierte, leichtgewichtige feministische Interpretation des platten Plots als emanzipatorische Subversion des Exploitation-Genres lässt sich nur mit sehr viel gutem Willen nachvollziehen.

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          Den Glutkern von „Glow“, das in wilder Achtziger-Jahre-Opulenz vom Schweißband bis zur Rollschuhdisko schwelgt, bildet vielmehr das Dekor. Es handelt sich um Retro-Kitsch im Quadrat: vorwärts in die Vergangenheit, Marty McFly im doppelten Rückwärtsgang. Der Soundtrack, die schmutzig-grobe Ästhetik und Sam Sylvias lässig cowboyhafte Attitüde zahlen ebenfalls auf dieses Nostalgie-Konto ein. Vor allem um die Frisuren aber geht es. Sie sind mehr Mähne als Haar, tonnenweise muss Festiger und Volumen-Pimper versprüht worden sein. In dieser Hinsicht, als reine Stil-Show, ist „Glow“ tatsächlich glamourös und so shabby-chic wie alte Hulk-Hogan-Sammelbildchen oder Jane Fondas Aerobic-Videos. Und irgendwie ist es ja auch authentisch achtzigermäßig, einfach den Inhalt vergessen zu haben.

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