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„BoJack Horseman“ auf Netflix : Lasst euch was vom Pferd erzählen!

  • -Aktualisiert am

In der Netflix-Serie „BoJack Horseman“ sind die Grenzen zwischen Tragik und Komik so flüchtig wie die zwischen Mensch und Tier. So kommt einem das zynische Pferd auch in der zweiten Staffel erstaunlich nahe.

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          Sex zwischen Menschen und Tieren ist ja eigentlich ziemlich verpönt. Wenn er einen Platz hat, dann ist er auf irgendwelchen ominösen Internetseiten, von denen man lieber nichts Genaueres wissen will. Umso erstaunlicher, dass es eine Serie schafft, den offen gezeigten Beischlaf zwischen einer (menschlichen) Frau und einem Pferd völlig normal erscheinen zu lassen. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Pferd am laufenden Band Whisky trinkt, ein luxuriöses Haus in den Hollywood-Hills bewohnt und in den Neunzigern der Star einer erfolgreichen Sitcom namens „Horsin’ Around“ war. Und dass es zur Hälfte Mensch ist. Außerdem ist es oder besser er manisch depressiv und versucht verzweifelt und erfolglos, seine Biographie zu schreiben. Sein Name und gleichzeitig Titel dieser abgedrehten Zeichentrickserie aus dem Hause Netflix: BoJack Horseman.

          Seit vor einem Jahr die erste Staffel herauskam, ist das Internet voller Lobeshymnen über die geschickt bemessene Mischung aus Sarkasmus, Ernst und califonicationhafter Melancholie. Die Dialoge sind zu genau richtigen Teilen lakonisch, grenzüberschreitend - und dann doch immer wieder berührend. Was nicht zuletzt an den hervorragenden Sprechern liegt: Neben dem aus „Arrested Development“ bekannten Will Arnett, der BoJack in unvergleichlich trotzigem Selbstmitleid spricht, glänzen der „Breaking Bad“-Star Aaron Paul (als BoJacks punkig-verpeilter Mitbewohner Todd) und Alison Brie (als BoJacks Ghostwriter, heimliche Liebe und Freundin seines Konkurrenten Mr. Peanutbutter - eines ständig unerträglich gut gelaunten Hundemenschen und ebenfalls Ex-Sitcom-Star). Die Charaktere entfalten ihren ambivalenten Charme jenseits von Stereotypen: BoJack selbst ist dafür in seiner Mischung aus Arschlochsein, sympathischer Hilflosigkeit und überraschenden Momenten des Mitgefühls das beste Beispiel.

          Eine ziemlich tragische Geschichte

          Auf den ersten Blick ist „BoJack Horseman“ vor allem eine Mediensatire: Die klassischen Sparten liegen so ziemlich am Boden (insbesondere der - natürlich von einem Pinguin vertretene - Penguin-Verlag) oder parodieren sich selbst mit immer absurderen Innovationsvorschlägen (hier hat „Quentin Tarantulino“ einen unvergesslichen Auftritt). Die typische Sitcom nach „Friends“-Muster kriegt in den regelmäßigen Rückblenden sowieso ihr Fett weg. Und die Fernsehnachrichten ergehen sich in fanatischem Hyperpatriotismus, dessen Opfer in herrlich absurder Weise auch BoJack wird, während sie gleichzeitig eine konsequente Entpolitisierung ihrer Zuschauer vorantreiben. Zwischen den „bloß“ lustigen Momenten tauchen so immer wieder Momente kluger Gesellschaftskritik auf.

          Immer wieder aber geht es auch um mehr. Der große Vorteil am Streaming-Format, wie es Netflix betreibt, ist ja, dass es von vornherein auf das Hintereinanderwegschauen angelegt ist. Daran haben sich auch die Autoren von „BoJack“ gehalten. Neben dem reinen Unterhaltungswert und der absurden Komik erzählt die Serie eine ziemlich tragische Geschichte, in deren Verlauf einem das zynische Pferd erstaunlich nahe kommt.

          Ethische Fragen werden nicht gelöst

          Zu dieser Geschichte gehört etwa, dass ein alter Freund und Kollege BoJacks aus seiner eigenen Show gekickt wird, weil er schwul ist und das den Erfolg beim konservativen Publikum gefährdet. BoJack folgt der Logik des Business und lässt ihn fallen. Jahre später plagen ihn Gewissensbisse, beide treffen noch mal aufeinander. Aber die erhoffte Absolution bleibt ihm verwehrt. Die Serie schafft es dabei nicht nur, die Zuschauer über die Tragik zum Lachen zu bringen, sondern auch, eine ernsthafte Geschichte zu erzählen, ohne zu moralisieren und ohne dabei ihren sarkastischen Grundton aufzugeben.

          Der eigentliche Clou der Serie besteht aber darin, dass sie Menschen und humanoide Tiere völlig selbstverständlich zusammen leben lässt, ohne dass das jemals explizit thematisiert würde. Und auch ohne dass die Widersprüche oder ethischen Fragen, die das aufwirft, gelöst würden. Sie konfrontiert einen einfach mit Tatsachen. Das führt dann eben auch mal zu Szenen wie der eingangs beschriebenen: Sex zwischen Pferdemann und Menschenfrau - wobei das Problem in solchen Momenten nicht in diesem „widernatürlichen“ Zusammentreffen liegt, sondern darin, dass BoJack gleichzeitig eine alte Folge seiner Sitcom schauen muss, um zum Orgasmus zu kommen. Und dass das Girl noch im Bett BoJacks erotische Eigenarten per Smartphone auf Promiwatch veröffentlicht.

          Subtiles Plädoyer für Transhumanismus

          Gleichzeitig geht die Serie völlig offen mit dem tierischen Anteil der Figuren um: Der charmante Mr. Peanutbutter hechelt bei jedem Klingeln reflexhaft zur Tür oder knurrt den Postboten an. In einer Restaurant-Szene sieht man am Rande, wie eine menschliche Kuh ein Steak serviert - und dem peinlich berührten Gast (wie dem Zuschauer) mit einer bloß tadelnd erhobenen Augenbraue das Groteske dieser Situation vorführt. Auf die Sorge seines Mitbewohners, ob er etwa betrunken sei, antwortet BoJack: „I am a horse. It takes a lot of beer to get me drunk.“

          So lässt sich die Serie auch als subtiles Plädoyer lesen, die anthropologische Differenz in Frage zu stellen. Im Bewusstsein, wie variabel diese Grenze historisch ist, praktiziert sie, ohne groß Aufhebens zu machen, einen Transhumanismus, jenseits des Traums von der optimierten Menschmaschine: im Sinne einer Inklusion des vermeintlich Andersartigen, Tierhaften. Das heißt nun nicht, dass die Serie zu Sex mit Tieren aufruft. Das Tierische ist hier vor allem Platzhalter. Aber sie imaginiert eine Welt der hybriden Identitäten, in der die Grenzen zwischen Ich und Anderem flüchtig geworden sind.

          „This is a situation comedy. No one watches this show to feel feelings. Life is depressing already.“ So heißt es in der zweiten Staffel über BoJacks Sitcom. „BoJack Horseman“ beweist, dass sich beides nicht ausschließt. Sondern dass jede gute Comedy ihre Zuschauer lachen und Gefühle fühlen lässt.

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