https://www.faz.net/-gsb-94xrq

Dokuserie „Wormwood“ : Wie fiel Frank Olson aus dem dreizehnten Stock?

  • -Aktualisiert am

Kniefall: Die New Yorker Polizei kommt zu einer Festnahme, doch das ändert an der Rätselhaftigkeit des Falls nichts. Bild: Netflix

Im November 1953 starb ein mit geheimen biowissenschaftlichen Forschungen betrauter Wissenschaftler in New York. Die atemberaubende Dokuserie „Wormwood“ auf Netflix stellt die Frage, ob die CIA einen unbequemen Zeugen ermordete.

          3 Min.

          1953, 28. November, 2.30 Uhr nachts. Dr. Frank Olson, ein Agrarwissenschaftler, der zuletzt mit geheimen biowissenschaftlichen Forschungen in der militärischen Sondereinrichtung Fort Detrick beschäftigt war, stirbt bei einem Fenstersturz aus dem New Yorker Hotel Pennsylvania. Was sich zum Zeitpunkt seines Todes im Hotelzimmer 1018A abgespielt hat, ist trotz Tausender Seiten Material, die die CIA dem Sohn Eric Olson überlassen musste, trotz Entschuldigungstreffen der Familie mit Präsident Gerald Ford, trotz Kongressanhörungen, trotz der Exhumierung und Untersuchung der Leiche 1994 und trotz Investigativrecherche des Watergate-Journalisten Seymour Hersh bis heute nicht bekannt.

          Gesichert, weil von den inzwischen verstorbenen Beteiligten aus CIA und Army übereinstimmend bestätigt, ist, dass Frank Olson neun Tage vor dem Fenstersturz bei einem Ausflug zum Fischen und Jagen am Deep Creek Lake, Maryland, heimlich LSD verabreicht und er einem Verhör unterzogen wurde. Danach habe sich eine suizidale Neigung, von der niemand etwas gewusst haben will, verschlimmert. Seine Frau Alice berichtete, dass er nach dem Treffen ungewöhnlich schweigsam gewesen sei, kündigen wollte. Sein Freund und Kollege Vincent Ruwet, eine Verbindungsfigur von Army und CIA, habe ihn mit anderen Teilnehmern des Treffens, darunter dem CIA-Mitarbeiter Lashwood und dem Leiter des Experiments, Sidney Gottlieb, zu Dr. Abrams, einem New Yorker Psychiater, zur Behandlung gebracht.

          Allerdings war Dr. Abrams nicht Psychiater, sondern ein Allergologe, der auch mit Drogen experimentierte. Der psychische Zustand Olsons, so die Zeugen, verschlimmerte sich. Er wirkte labil, schien zu halluzinieren. Am 28. November schlug er nachts an der 7. Avenue auf dem Pflaster auf. War es ein Selbstmord oder die Exekution eines Sicherheitsrisikos durch die CIA? War Olson dem „Projekt Artischocke“ auf die Spur gekommen, das Verhörmethoden durch Gewalt und biologische Mittel beschrieb, oder wollte er sich nicht am mutmaßlichen Einsatz biologischer Kampfstoffe im Korea-Krieg mitschuldig machen, wie sein Sohn Eric zu belegen sucht?

          Dabei haben Hotels in New York kein 13. Stockwerk

          Eric Olson beschäftigt der Fall bis heute – obsessiv. 750.000 Dollar Schadenersatz erhielt die Familie, nachdem das Drogenexperiment bekanntgeworden war. Das Geld erwies sich als Danaergeschenk. Ansprüche gegen die Regierung kann die Familie nicht mehr erheben. 1996 eröffnete ein New Yorker Staatsanwalt gleichwohl Ermittlungen, außer dem Aktenhinweis „Verdächtige Umstände“ ohne Ergebnis. Unter frankolsonproject.org kann man die aktuellen Entwicklungen der Nachforschungen des Sohnes immer noch verfolgen. Er ist eine tragische Figur wie Hamlet, Prinz von Dänemark

          Ihm stand, heißt es hier, einst eine große Karriere als Harvard-Professor für Psychologie bevor. In dem juristischen Vergleich liegt eine von vielen Unschärfen, die die Aufklärung nach wie vor begleiten. Einen Kinofilm über Luther („hier stehe ich und kann nicht anders“) soll Vater Frank gesehen haben, bevor er sich zum Ausstieg entschloss. Stimmt das? Oder ist das ebenso konstruiert wie andere „Wahrheiten“, mit denen die atemberaubende Netflix-Serie „Wermut“ (Wormwood) des Regisseurs Errol Morris den Zuschauer geschickt auf Holzwege führt, um ihn zum Komplizen der Wahrheit – oder einer sagenhaften Verschwörungsgeschichte – werden zu lassen.

          „Wermut“ zeichnet den Fall als dokufiktionale „Real Crime“-Story nach. Filmästhetisch aufwendig rekonstruiert die Serie in sechs Kapiteln den Sturz Olsons mit immer neuen Versionen. Eric Olson selbst führt in Interviewgesprächen durch das Geflecht von Zeitungsartikeln, privaten und öffentlichen Filmaufnahmen, durch Hinweise, Rätsel und Palimpseste hindurch und immer tiefer hinein in ein Universum möglicher Bedeutungen. Zeichen verweisen auf Zeichen, aber am Grund dieser Semiotik liegt doch eine einzige, mysteriös ungreifbare Wahrheit, die mit der Kommunistenangst der Zeit und den Machenschaften der CIA unter Direktoren wie Alan Welsh Dulles oder William Colby ihre polithistorische Bedeutung erlangt. „Wermut“ collagiert dabei Shakespeare zu Texten der Apokryphen, akribisch ausgestattete Räume zu LSD-Rauschbildern und spielt sein Wahrheitssuchspiel diskret auch mit dem Betrachter. Es heißt, Frank Olson sei aus dem 13. Stock gestürzt. Hotels in New York haben kein 13. Stockwerk. Auf 12 folgt 14. Der Hinweis könnte glatt von der CIA kommen.

          Weitere Themen

          Ganz er selbst, auch schon in jungen Jahren

          Neun Erzählungen Prousts : Ganz er selbst, auch schon in jungen Jahren

          Ein Band bislang unveröffentlichter früher Texte zeigt, wie Marcel Proust denkt und sortiert, aussortiert, anders justiert – noch ohne konkretes Ziel. Von den allermeisten dieser Erzählungen war nicht einmal die Existenz bekannt.

          Topmeldungen

          Trump hat sich Erdogan gegenüber benommen wie ein hysterischer Liebhaber.

          Trumps Syrien-Politik : Härte und Liebe

          Trump hat eine Feuerpause für Syrien aushandeln lassen und feiert sich nun als Friedensstifter. Doch seine Siegerpose wirkt lächerlich. Erdogan hat von Amerika alles bekommen, was er wollte.
          Bei der aktuellen Sonntagsfrage verliert die AfD an Zustimmung.

          Sonntagsfrage : AfD fällt auf 13 Prozent

          Die AfD fällt damit auf den tiefsten Stand seit drei Monaten. Die SPD hingegen kann leicht Boden gutmachen - und zieht mit 15 Prozent an der AfD vorbei.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung beantragt Brexit-Verschiebung

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.