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Netflix-Doku „Unser Planet“ : Noch ist die Erde nicht verloren!

  • -Aktualisiert am

König von Madagaskar und Schrecken aller Lemuren: Ein Fossa auf der Pirsch. Bild: Netflix

Spektakulär, mahnend: Die Netflix-Dokumentation „Our Planet“ rüttelt auf durch Bilder voller Schönheit, die so vielleicht nicht mehr lange möglich sind. Es sei denn, wir handeln.

          In einer der amüsantesten Szenen der seit Jahren von Netflix angekündigten, gemeinsam mit dem World Wildlife Fund (WWF) realisierten und nun endlich veröffentlichten Natur-Dokumentation „Unser Planet“ sieht man einem Fisch, genauer einem Lamprologus-callipterus-Männchen, dabei zu, wie es unermüdlich Schneckenhäuser sammelt. Die im zentralafrikanischen Tanganjikasee endemische Cichlidenspezies ist so versessen auf die konischen Häuschen, weil sich darin bestens brüten lässt. Die Weibchen verhalten sich peinlicherweise vollkommen unemanzipiert und bevorzugen stumpf das Männchen mit dem größten Schneckenhaushaufen, daher die Schufterei.

          Der wahre Schuft aber, das sieht man in einer etwas weiteren Einstellung, wohnt nebenan auf einem bis zu diesem Zeitpunkt deutlich kleineren Immobilienberg (Mobilienberg eigentlich) und einer geradezu mickrigen moralischen Einstellung. Dieser Nachbar also huscht bei jeder sich bietenden Gelegenheit herüber und stiehlt dem sich abrackernden Dummbarsch die wertvollsten Gehäuse, was sich schnell auszahlt, denn bald schon hat er eines der begehrten Weibchen verführt.

          Nun hinkt zwar jeder Vergleich, aber vielleicht darf man den schlitzohrigen Barsch in diesem Fall doch metaphorisch kurzschließen mit dem Streamingdienst selbst, der sich frech bei der traditionellen Konkurrenz bedient. Der schuftende Fisch wäre also die hehre BBC, die höchst aufwendige Naturdokumentation im wiedererkennbaren Stil zu einem ihrer Markenzeichen entwickelt hat. Dafür zuständig war über viele Jahrzehnte der Großmeister Sir David Attenborough. Gemeinsam mit Produzent und Regisseur Alastair Fothergill steht Attenborough in jüngeren Jahren für so ikonische BBC-Serien wie „The Blue Planet“, „Frozen Planet“ und „Planet Earth“. Dass Netflix für sein nicht zufällig an die Ästhetik der genannten Formate erinnerndes Produkt, das auch noch den „Planet“-Titel kopiert, ausgerechnet Fothergill als Produzenten und Attenborough als Sprecher gewinnen konnte, ist ein veritabler Coup und genialer Schachzug, denn trotz seines leicht fortgeschrittenen Alters – Attenborough wird am 8. Mai 93 Jahre alt – ist eine bessere, überzeugendere Off-Stimme einfach nicht denkbar. Man sollte sich die mächtig erhaben mit einem Blick vom Mond auf die Erde beginnende Serie also unbedingt in der englischen Fassung ansehen (Untertitel sind vorhanden), so gut sich der auch nicht eben wenig renommierte Christian Brückner in der deutschen, allerdings recht übersetzt klingenden Version schlägt.

          Hier taucht ein Adélie-Pinguin blitzschnell auf und schießt aus dem Wasser – die beste Art, einem am Eisrand lauernden Seeleoparden zu entgehen. Aber eine wesentlich größere Gefahr ist die Erwärmung im Ozean und an Land. Durch frühe Schneeschmelzen oder noch nie dagewesenen Regen wird sich das auf die Nistplätze auswirken und die Verfügbarkeit von Krill und Fisch beeinflussen. Die Natur-Doku „Unser Planet“ widmet sich auch diesem Thema, sie erscheint als Buch (UNSER PLANET, 39,90 Euro, DuMont Reiseverlag) und bei Netflix an diesem Freitag. Bilderstrecke

          Die visuelle Wucht der acht Folgen, für die zahlreiche Teams unter Einsatz der neusten 4K-Technik vier Jahre lang in fünfzig Ländern gedreht haben, oft an äußerst unzugänglichen Orten, ist schlicht überwältigend. So nah dran waren die Zuschauer wohl noch nie. Man krabbelt mit Ameisen in ihren Bau, jagt mit Geparden durch die Steppe, gleitet inmitten von Fischschwärmen dahin oder stürzt im Kamikazeflug mit Tölpeln auf die Sardellen vor Perus Küste. Die Pilotfolge umrundet in Siebenmeilen stiefeln einmal den Planeten und dient als langes Intro, bevor die weiteren Episoden das spektakuläre Bildmaterial zur stimmungsvollen Musik von Steven Price dann thematisch auffächern.

          Dass einige Szenen früheren Dokumentation ähneln, lässt sich kaum vermeiden: Luftaufnahmen von Gnu-Herden in der Serengeti oder von Karibus im hohen Norden; eine Blauwalmutter mit Kalb; die Tänze der Paradiesvögel in Neuguinea (bereits ein Highlight in „Planet Erde“). Und doch überrascht jede Folge mit neuen, atemberaubenden Perspektiven: sei es das Wegbrechen einer ganzen Eisbergwand, ein Haigetümmel in Polynesien, das dramatische Erlegen eines Kaimans durch einen hungrigen Tiger, packende Adlerkämpfe oder die verboten niedliche Fellpflege von Seeottern. Etwas häufig wird freilich die Einzigartigkeit der Aufnahmen betont. Blutige Jagdszenen gibt es hingegen nur sehr wenige. Zudem wurde wie in den meisten Naturdokumentationen der Faktor Mensch bis auf wenige Ausnahmen ausgeblendet. Einmal sieht man Fischer am Mekong; an Floridas Küste stehen im Hintergrund einige Häuser; auch die ökologisch verheerenden Ölpalmenplantagen von Indonesien werden gezeigt. Ansonsten aber: sehr viel wilde Natur.

          Die wohlfeile Kritik einer beschönigenden Idealisierung, die in den vergangenen Jahren auch an Attenboroughs Haltung, einer von der Natur stark entfremdeten Zivilisation als Köder zunächst einmal deren Schönheit zu zeigen, geübt wurde, greift hier nicht. Zum einen macht sich Attenborough glaubhaft für Naturschutz stark. Die (nicht nur) britische Anti-Plastik-Kampagne des vergangenen Jahres geht zu guten Teilen auf die letzte Folge von „Blue Planet 2“ zurück. Zum anderen besteht das erzählerische Leitmotiv dieser Serie – anders als etwa in der jüngsten, Tiere arg vermenschlichenden BBC-Produktion „Dynastien“ – gerade in der Betonung der Gefahr, die unsere Lebensweise für das Ökosystem bedeutet: Wasser- und Luftverschmutzung, Regenwaldzerstörung, Flussbefestigungen, Monokulturen, Erderwärmung, Wasserverbrauch oder Überfischung (ein noch größeres Problem als Plastik in den Meeren) bedrohen die Artenvielfalt und uns selbst ganz akut.

          Am Ende jeder Episode steht der Verweis auf die Website „ourplanet.com“, die wiederum zum WWF führt und zum Aktivwerden aufruft. Andererseits möchten die Filmemacher aber nicht durch Apokalyptik entmutigen. Hartnäckig heben sie auf immer noch bestehende Paradiese und auf die erstaunlichen Selbstheilungskräfte der Natur ab, die nur etwas Unterstützung von uns brauchten. Das Finale der Serie in den Ruinen von Tschernobyl, in denen sich trotz aller Strahlenbelastung ein quirliges Biotop entwickelt hat, ist freilich ein so wagemutiger (und vielleicht blauäugiger) Twist einer Natur-Doku, wie man ihn dann vielleicht doch nur Netflix zutraut.

          Our Planet ist von heute an auf Netflix abrufbar.

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