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Serie „Ratched“ bei Netflix : Nerven wie Haarteile

  • -Aktualisiert am

Kühl bis ans Herz: Sarah Paulson spielt die berüchtigte Schwester Ratched. Bild: Netflix

Eine Hochstaplerin schleicht sich in eine psychiatrische Klinik – und in den Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“. Netflix erzählt die Geschichte der Mildred Ratched, aber völlig überproduziert.

          3 Min.

          Moment mal, war die Welt der vierziger Jahre gar nicht in Schwarz-Weiß? Mildred Ratched (Sarah Paulson), die eine einsame Detektivin und Femme fatale zugleich ist, fährt mit ihrem türkisfarbenen Wagen in das kalifornische Tausend-Seelen-Dorf Lucia, wo der Himmel ein buntes Gemälde ist. Sie tauscht das rote „R“ auf ihrer Brust gegen die blaue Uniform der hiesigen Psychiatrie. Diese beißt sich leider mit ihren schrill-roten Lippen, die sie vor ihren krummen Winkelzügen nochmals nachschminkt. Geht ihr Plan auf und kommt es wieder zur Katastrophe, färbt sich sogar das Bild rot oder giftgrün ein.

          Kostüme, Ausstattung und Postproduktion der psychologischen Thriller-Serie „Ratched“, die heute auf Netflix anläuft, verspotten das Genre des Film noir. Für private Missionen hat Ratched einen ganzen Regenbogen teurer Kostüme zur Verfügung; dazu bunte Kopftücher, wie sie es sich bei den Filmstars ihrer Zeit abguckt. Jeder Auftritt von ihr hat kalkuliertes Meme-Potential, dient als Symbolbild für die Waffen einer Frau. Die Garderobe, aber auch der ohrenbetäubende Soundtrack dieser Serie, die aus einem Fünf-Jahres-Deal zwischen ihrem Schöpfer Ryan Murphy und Netflix hervorging, wirken völlig überproduziert. Elf Millionen Dollar hat dieses Farbfeuerwerk gekostet.

          Für den Laien mag das riskant klingen

          Dass die Oberschwester Ratched – laut einer Befragung des „American Film Institute“ die zweitgrößte Schurkin der Filmgeschichte – manipulativ sein kann, wusste man ja längst aus Ken Keseys Psychiatrie-Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1962) und Miloš Formans gleichnamiger Verfilmung (1975). In der neuen Serie, die den Spieß umdreht und nach einer Diagnose für die Figur der Schwester sucht, indem sie eine Vorgeschichte und in Flashbacks eine düstere Kindheit für sie imaginiert, ist Ratched allerdings auch eine Hochstaplerin. Mit gefälschter Einladung und mehreren Intrigen erschleicht sie sich ihre neue Stelle und daraufhin ihre mächtige Stellung in der Klinik.

          Wozu das ganze Theater? Pünktlich zu Ratcheds erstem Arbeitstag in Lucia wird der „Priester-Killer“ Edmund Tolleson (Finn Wittrock) eingewiesen und entgeht dadurch der Todesstrafe. Man quartiert ihn zur Sicherheit im Weinkeller der Anstalt ein, wo er fortan oberkörperfrei Liegestützen macht und verschwörerischen Besuch von der neuen Schwester erhält. Zumindest zum Tanzball der Beleg- und Patientenschaft darf er an die Oberfläche zurückkehren. Das mag für den Laien bei einem Serienmörder wie Tolleson riskant klingen, ist als nächster Schritt aber nur logisch. Da der Chefarzt Dr. Hanover (Jon Jon Briones) gern Cocktails trinkt, liegen ohnehin viele Bar-Messer in Tollesons Reichweite herum. Und auch schon vor dem romantischen Ballabend nimmt Mildred Ratched des öfteren die Gesichter von Patienten oder Kollegen zwischen ihre sanften Hände, um ihnen etwas Intimes einzuflüstern. Also alles nach Protokoll.

          Ihr größter Betrug: Der berühmte Name aus Keseys Roman

          Im Wahlkampf wird der Fall Tolleson dann zu einem Politikum, wie es die psychiatrische Praxis tatsächlich jahrzehntelang war. Hier sind die Fronten aber simpler: Erst will der Gouverneur (Vincent D’Onofrio) ein progressiver Reformer sein. „Heilen, nicht strafen“ ist seine Devise, er sagt psychischem Leid den Kampf an, indem er staatliche Gelder für die Klinik in Lucia lockermacht. Dr. Hanover wähnt sich kurz vor der Therapierevolution und probiert alles aus, was ihm in die Finger kommt: Lobotomie, Hypnose oder LSD. Doch so, wie der Gouverneur sein Steak schneidet und sexistische Witze reißt, ist klar, dass er es nicht zu ernst mit den Reformen meint. Bald will er lieber menschliches Fleisch brennen sehen.

          Was immer die acht einstündigen Folgen an Kehrtwenden und Enthüllungen aufbieten – den größten Betrug beging Ratched bereits, als man ihr den berühmten Namen aus Keseys Roman gab. Damit weckt die Serie falsche Erwartungen. Franchising lohnt sich ja nur, wenn man wenigstens grob dasselbe Publikum wie das Original ansprechen will. Dem ist hier nicht so. Auch die Anthologieserie „American Crime Story“, für die Ryan Murphy bereits mit Sarah Paulson und Jon Jon Briones zusammengearbeitet hat, ist die falsche Referenz, weil zu ernsthaft. Die aktuelle Serie ist eher mit einer anderen amerikanischen Geschichte eng verwandt: Der „American Horror Story“ aus Murphys Feder. Wie dort verschießt er sein Pulver bei „Ratched“ für Grotesken und Horror. In Ersterem ist er so gut, dass man hier über seine Plot-Kapriolen lachen kann. Allein sechs der Figuren werden sich nach Mexiko absetzen.

          Und für Letzteres, den Horror, ist die damalige Psychiatrie ein echtes Eldorado. Die ganze Exposition der Patienten besteht darin, dass sie zu einer Folterstrafe erscheinen, die ihnen als Behandlung präsentiert wird. Besonders die „Hydrotherapie“ für homosexuelle Frauen ist nur für Zuschauer ab sechzehn Jahren geeignet, wie Netflix es empfiehlt. Dabei handelt es sich um eine abschließbare Badewanne, deren Wasser beliebig erhitzt werden kann. Spätestens, wenn die Autoren bei jedem Szenenwechsel tauschen, welche Krankenschwester Nerven wie Drahtseile hat und bei welcher sie blankliegen – beides für sich schon Klischees –, ist die Schmerzgrenze erreicht.

          Ratched ist auf Netflix abrufbar.

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