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„Nachtschicht“ im ZDF : Von den Toten auferstanden

Sie haben ein Problem: Murathan Muslu (links) und Frederick Lau spielen die Zuhälter Claude und Angelo. Bild: ZDF und Christine Schroeder

In der Jubiläumsfolge seines „Nachtschicht“-Krimis treibt es der Regisseur Lars Becker auf die Spitze. Da stirbt ein Mann gleich zweimal, und die Verbrechensaufklärung ist fragwürdig. Das macht aber nichts. Im Gegenteil.

          Johnny de Groot hat eine große Klappe. „Wir möbeln dich auf“ lautet der Spruch, mit dem er im Video für seinen Möbelmarkt wirbt. Johnny trägt Cowboyhut und macht einen auf großer Macker. Seiner Frau erzählt er auf die Mailbox, dass er noch einen Geschäftstermin habe, sie kenne das ja.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und schon liegt Johnny im „Sex House“ neben seiner Lieblingsprostituierten Zora und – sagt nichts mehr. Sein Herzfehler scheint ihm zum Verhängnis geworden zu sein. Für die Zuhälter Angelo und Claude wird er so zum Problem. Da Zora den Notfallknopf gedrückt hat, rückt umgehend die Polizei in Person der Kommissare Erichsen und Zekarias an. Den beiden geben Angelo und Claude den leblosen Johnny, wie er da am Tresen hängt, als volltrunken aus. Die Polizisten ziehen wieder ab. Doch sie werden zurückkehren, und es wird mehr als einen Toten geben.

          Lars Becker, der sich diese Geschichte unter dem Titel „Es lebe der Tod“ ausgedacht und sie inszeniert hat, ist ein Souverän. Er ist der Souverän eines Genres, das er im deutschen Fernsehen selbst geschaffen hat. Das Genre heißt „Nachtschicht“. Es ist ein Krimi, der mal als schwarze Krimikomödie, mal als Tragödie, mal hart, mal mit Augenzwinkern, aber immer mit menschlicher Nähe und Bodenhaftung daherkommt, ähnlich dem Hardboiled-Stil, wie man ihn von den Amerikanern, den Klassikern der Schwarzen Serie in der Literatur, und bei uns aus den Romanen des früh verstorbenen Jakob Arjouni mit seinem Detektiv Kayankaya kennt.

          Sie glaubt ihr kein Wort: Barbara Auer (links) als Kommissarin Lisa Brenner, Almila Bagriacik als Zora.

          Die „Nachtschicht“ hat Lars Becker vor fünfzehn Jahren entwickelt, „Es lebe der Tod“ ist sein fünfzehnter Film, und er hält sich an die Ursprungsform. Die Handlung spielt an einem Abend, in einer Nacht und am Morgen danach, während einer Schicht, welche die Beamten vom Kriminaldauerdienst, Lisa Brenner (Barbara Auer), Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi), Erichsen (Armin Rohde) und Elias Zekarias (Tedros Teclebrhan) absolvieren. Sie haben es mit absurden Vorfällen zu tun, mit Alltagskriminalität, mit dem Milieu, mit Gescheiterten, Angebern und Spinnern, mit kleinen Gaunern und dem organisierten Kapitalverbrechen, jedes Mal geht es um Leben und Sterben.

          Die Episode „Es lebe der Tod“ treibt das auf die Spitze, denn in ihr stirbt ein Mann gleich zweimal, und nur ein Vogelforscher, der durch den Wald pirscht, um mit seinem Richtmikrophon Gezwitscher aufzunehmen, ist Zeuge. Was unweigerlich zu einer weiteren Verknotung der Ereignisse führt, welche den unglückseligen Johnny (Roland Koch), seine Frau Anita (Natalia Wörner), die Prostituierte Zora (Almila Bagriacik), die Zuhälter Angelo (Frederick Lau) und Claude (Murathan Muslu), den Anwalt Klein (Gustav Peter Wöhler) sowie die Geldeintreiber Roda (Kida Khodr Ramadan) und Attila (Prince Kuhlmann) zueinander in engere Beziehung setzen, als ihnen lieb und ihrer Gesundheit zuträglich ist.

          Diese Figuren sind in der Mehrheit, wie die Schauspielerin Barbara Auer sagt, „Verlierer, Randfiguren der Gesellschaft“, die Lars Becker zu „Helden“ macht. Und zwar nicht, indem er sie überhöht, sondern schildert, wie sie sind. Er macht sie nicht um irgendeiner Aussage willen größer, nicht kleiner, nicht besser, nicht schlechter. Der Krimi, sagt Armin Rohde, der wie Minh-Khai Phan-Thi in der „Nachtschicht“ von Beginn an spielt, ist für den Regisseur und Autor Lars Becker, „ein Vorwand, um Menschen in Extremsituationen zuzuschauen“. Es geht ihm um den Menschen.

          Und um all diese Figuren, die Lars Becker mit großer Zugewandtheit entwirft, darzustellen, darum scheinen sich die Schauspieler zu reißen. Die Besetzungsliste der „Nachtschicht“ ist ein „Who is Who“ der Branche. Das Line-Up der aktuellen Folge gibt davon Zeugnis und jede und jeder einzelne der Auftretenden gibt ihrem und seinem Charakter den allerletzten Schliff, so dass man sich denkt: Genau so würde ich sie oder ihn gerne auch bei anderen Gelegenheiten aufspielen sehen, und nicht in vorgeformten Rollen aus der Schublade. Da möchte man bei „Es lebe der Tod“ niemanden ausnehmen, nur Natalia Wörner ein wenig herausheben. Den dankbarsten Part in der Stammbesetzung haben diesmal indes Barbara Auer und Armin Rohde. Ihre Figuren hatten sich über die Jahre heftig in der Wolle. Nun kommt es zu einer Aussprache über Frauen und Männer, Polizisten und das Leben an sich, auf die wir schon lange gewartet haben.

          „Jede Folge ein anderes Thema, ein anderes Milieu, ein anderer Beat, ein anderes Rockalbum“, das solle seine „Nachtschicht“ sein, sagt Lars Becker. „Zugleich Drama, Noir, Comedy, Thriller versus Jazz, Pop, Hiphop oder Rock“, Mord, Totschlag, Rassismus, Witz und Charme und – nicht zu vergessen – „immer am Rande der Legalität“. Möge das ZDF noch schön lange bei diesem Randphänomen bleiben. Was sagt Erichsen, als ihm der Zuhälter Angelo seine vermeintliche Rolle beim unweigerlichen Showdown erklärt, die selbstverständlich komplett erlogen ist? „Alles klar, gute Story.“

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