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Netflix-Film „El Camino“ : Jetzt ist Jesse dran

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Muss durch ein Fegefeuer: Aaron Paul als Jesse Pinkman. Bild: AP

Vince Gilligan hat die legendäre Serie „Breaking Bad“ erfunden. Jetzt schiebt er den Film „El Camino“ nach. Er handelt von Jesse Pinkman, der Nummer zwei der Drogensaga. Lohnt sich die Reprise?

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          Ein Pilgerweg, fürwahr: Mit „El Camino“, dem vieldeutigen Titel des „Breaking Bad“-Films auf Netflix hat Vince Gilligan seiner bahnbrechenden Serie ein neues Kapitel hinzugefügt. Der Film ist in mancher Hinsicht ein Ableger, aber er könnte ebenso gut als Serienfolge (oder drei, angesichts einer Länge von 125 Minuten) der Geschichte des unscheinbaren Chemielehrers Walter White fungieren, der nach einer Krebsdiagnose Methamphetamin-Dealer wird und, vermeintlich um seiner Familie ein Auskommen zu sichern, zum gefürchtetsten Drogenboss des amerikanischen Südwestens aufsteigt.

          „Breaking Bad“ handelte von Walter White (Bryan Cranston), der seinen ehemaligen Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) in eine kriminelle Partnerschaft zwingt, die von der Ungleichheit der beiden wie von der Drogenbehörde DEA und den skrupellosen Figuren im Rauschgifthandel bedrängt ist. „El Camino“ ist Jesses Geschichte. Sie beginnt, wo „Breaking Bad“ endete – mit einem traumatisierten Jesse, der soeben der monatelangen Gefangenschaft einer Gruppe von Neonazis um den früheren Komplizen Todd Alquist (Jesse Plemons) entkommen ist.

          Jesse ist in Todds Chevrolet El Camino (der Wagen spielt auch in Flashbacks, welche die Film-Story anfüttern, eine wichtige Rolle) auf der Flucht. Er ist der Hauptverdächtige eines Blutbads unter seinen Peinigern. Zu den Toten zählt auch Walter White, Jesses Mentor und Nemesis – womit hier übrigens etwaige Zweifel an Walts tatsächlichem Ableben am Ende der Serie ausgeräumt werden. Die Frage, die bleibt, lautet: Was nun, Jesse Pinkman? „Das Schlimmste, was man als Autor tun kann, ist, einen Antagonisten zum Idioten zu machen, nur damit der Protagonist sich durchzusetzen vermag“, sagte der Serienschöpfer Vince Gilligan einst gegenüber dieser Zeitung. Und so wünschte er Jesse nach dem Serienende zwar eine gelungene Flucht. Wahrscheinlicher sei aber, dass Jesse von der Polizei geschnappt würde.

          „El Camino“ verhandelt diese Aussichten mit der aus „Breaking Bad“ gewohnten hohen Dringlichkeit und mit jenen haarsträubenden Wendungen, die die Serie zu einem solchen Vergnügen machten: Jesse muss eine Viertelmillion Dollar auftreiben, damit ihn der Staubsaugermann Ed Galbraith (Robert Forster) mit einer neuen Identität versorgt und ins Nirgendwo umsiedelt, bevor ihn die Cops schnappen. Ed hatte in „Breaking Bad“ Ähnliches für Walter White und dessen windigen Anwalt Saul Goodman bewerkstelligt. Jesse hat bereits einen Plan, wie er an das nötige Geld kommt. Freilich lässt Gilligan seinen Protagonisten die Durchsetzung ihrer Pläne gern an kleineren oder größeren Details scheitern, und das ist auch hier der Fall. Ein Highlight des Films und purer „Breaking Bad“-Genuss ist Robert Forsters Szene mit Aaron Paul, in der Jesse mit Ed über die Konditionen von dessen Dienstleistung streitet. Traurigerweise verstarb Forster, der seine Karriere einst neben Liz Taylor und Marlon Brando gestartet und nach langer Durststrecke mit Filmen wie „Jackie Brown“, „Mulholland Drive“ und „The Descendants“ ein Comeback gefeiert hatte, am Tag der Premiere von „El Camino“ im Alter von 78 Jahren. Aaron Paul bezeichnete Forster in einer Reaktion auf dessen Tod als „wahren Gentleman“ und „Legende“.

          Man muss „Breaking Bad“ nicht gesehen haben, um seine Freude an „El Camino“ zu haben, aber natürlich strotzt der Film nur so vor Anspielungen. Sie reichen vom Rap mit Skinny Pete (Charles Baker) und Badger (Matt Jones) darüber, wer der schlechtere Autofahrer sei, über eine Szene, die mehr Hommage an die Western-Elemente der Serie denn glaubhafte Handlungssequenz ist, bis zum überraschenden (und nicht immer notwendigen) Erscheinen vielgeliebter Verblichener aus der Serie – neben Walter White selbst taucht der von Walt ermordete Aufräumer Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) auf, sowie Jesses im Heroinrausch erstickte Freundin Jane (Krysten Ritter) und der fiese, am Serienende von Jesse strangulierte Todd (Jesse Plemons). Dass Letzterem in den Rückblenden, die das Geschehen von „El Camino“ ins Rollen bringen, der größte Platz eingeräumt wird, ist eine schöne Wendung – Gilligans Faible gilt schließlich beklemmenden Figuren, die sich Klischees auf beunruhigende Weise entziehen.

          Gilligan, der die Serie schrieb, inszenierte und produzierte, spielt abermals virtuos mit den Erwartungen der Zuschauer, und die Kritiker applaudierten dem Film fast einhellig als Fan-Bonbon; ebenso einhellig allerdings stellten sie auch seine Notwendigkeit vor dem Hintergrund in Frage, dass „Breaking Bad“ ja zu einem Finale gelangt war, wiewohl zu einem umstrittenen. Viele bemängelten, dass Walter White am Ende seines düsteren Abstiegs eine Art Heldentod vergönnt war, nachdem er Jesse rettete und in seinem geliebten Labor verendete. Doch die Serie zog ihren Reiz ja gerade daraus, Kategorien von Gut und Böse zu unterlaufen und sich moralischer Eindeutigkeit zu widersetzen.

          „Breaking Bad“ bestach erzählerisch oft damit, dass jeder Ausweg immer nur in eine noch prekärere Lage führte. Das Ende von „El Camino“ bietet nun zwar fairerweise dem arg gebeutelten Jesse eine Art Erlösung; kaum etwas mögen sich die Fans, die den Tod von so vielen zentralen Figuren verkraften mussten, wie es nur „Game of Thrones“ zu überbieten vermochte, sehnlicher gewünscht haben. Aber Gilligan hat in „Breaking Bad“ die Verwandlung des Walter White vom Paulus zum Saulus nie romantisiert, er hat die Buße stets weniger als reuige Umkehr oder gerechte Abstrafung denn schlicht als brutale Konsequenz brutaler Entscheidungen gefasst. Ein Happy End kann der Schluss des Films, der vieles offenlässt, also nicht sein. Die „New York Times“ bemerkte denn auch spitz, Vince Gilligans Figuren könnten zwar bestrebt sein, aus Albuquerque zu verschwinden. „Aber solange es ein bereitwilliges Publikum gibt, findet Netflix dich überall.“

          El Camino ist bei Netflix verfügbar.

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