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„Polizeiruf“ aus Magdeburg : Unter der Haube

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Beim Verhör: die Kommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke). Bild: MDR/filmpool fiction//Stefan Erh

War es Mord oder Fahrlässigkeit? Der Magdeburger „Polizeiruf“ nähert sich der adrenalinberauschten Raser-Szene aus der Opferperspektive. Ben Becker hat einen bärenstarken Auftritt.

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          Das Auto als Tatwaffe ist ein alter Hut. Auch die libidinöse Beziehung anerkennungsbedürftiger Jungs zu ihren pferdeherdestarken Untersätzen ist seit James Dean ein Thema. David Cronenberg hat die Auto-Erotik in „Crash“ (1996) schließlich in befremdlichen Unfall-Fetischismus übersteigert. Was soll ein deutscher Fernsehkrimi in Zeiten von Car-Sharing und Dieselfahrverbot da noch draufsetzen? Ganz klar: den auf jede PS-Faszination verzichtenden Gegenblick vom Zebrastreifen aus.

          Gleich zu Beginn wird hier eine junge Frau von einem 150 Stundenkilometer schnellen Straßengeschoss erfasst und getötet. Es geht im Folgenden darum, wer am Steuer saß: ein klassischer Whodunit also. Aber es geht auch um die Frage, ob der Tod eines Menschen bewusst in Kauf genommen wurde. Es war vorauszusehen, dass sich der Sonntagskrimi dem umstrittenen und inzwischen vom Bundesgerichtshof (in diesem Einzelfall) revidierten Mord-Urteil des Landgerichts Berlin gegen zwei Raser widmen würde. Der „Polizeiruf 110“ schickt dazu nun zwei seiner besten Ermittler ins Rennen.

          Trotz der Titelanspielung hat der von Torsten C. Fischer (Regie) nüchtern realistisch inszenierte und von Florian Langmaack (Szenenbild) gekonnt auf die nächtlich leeren Straßen von Magdeburg verlegte Film nichts mit Kronenbergs Lust-Raserei zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein vorzüglich geschriebenes Milieu-Drama aus der Feder des für seine vorurteilsfreien Szene-Studien – Hooligans; Obdachlose; aggressive Jugendliche – bekannten Autors Wolfgang Stauch. Erzählt wird das überschaubare Geschehen dabei einigermaßen vielschichtig, weil viele Stränge abrupt zu enden scheinen, aber zu einem späteren Zeitpunkt doch wieder wichtig werden.

          Gruppenbild mit Rasern: Karl Schaper, Dirk Borchardt, Dennis Mojen, Jeff Wilbusch, Anton von Lucke und Gerdy Zint (von links) spielen die Gang „Le Magdeburg“.

          Schnell erhärtet sich der Verdacht der Kommissare Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke), dass der flüchtige Unfallfahrer aus der Magdeburger Raser-Szene stammen könnte, schließlich fand in der fraglichen Nacht ein mehrfach bezeugtes illegales Rennen statt. Im Rausch der Geschwindigkeit sei vieles möglich, glaubt Brasch, die selbst eine Vergangenheit als Windsbraut hat. Dann stellt sich aber heraus, dass das Opfer viel enger mit den Adrenalin-Junkies verbandelt war. Der sich inzwischen hemmungslos an die unterkühlte Kommissarin heranwerfende Polizeipsychologe Wilke (Steven Scherf) scheint mit seiner küchenfreudianischen Theorie – „Es geht immer um Sex“ – also doch nicht ganz falsch zu liegen. Brasch zieht die naheliegende Konsequenz.

          Unsympathisch ist die Raser-Clique nicht. Sogar ein Hauch von „Manta, Manta„-Komik ist dabei, wenn die mental eher tiefergelegten Amateurpiloten ihre Gockeltänze aufführen. Der liebenswürdig prollige Messebauer Axel (Gerdy Zint), der spielsüchtige Leif (Karl Schaper), der tuntige Autoknacker René (Jeff Wilbusch), der frustrierte Paketbote Tommy (Dennis Mojen) und der sich als Clanchef gerierende Autohändler Thore (Dirk Borchardt) fristen ein so leicht zu durchschauendes Kleinkriminellendasein, dass sie sich prompt auf diverse Deals einlassen: „alles Kronzeugen, jeder gegen jeden“. Die hellste Zündkerze auf dem Kuchen scheint noch der wohlstandsverwahrloste Schnösel Henry (Anton von Lucke) zu sein, der freilich wie so oft eine platte Oberschichten-Karikatur darstellt. Er tritt aus purem Ennui beim Rennen an. Das Fernsehen und die Reichen, ein Trauerspiel.

          Stärker im Fokus stehen freilich die bislang einander eher abstoßenden Kommissare selbst. Die Draufgängerin und der Sensible haben endlich zu einer tragfähigen Balance aus gegenseitigem Respekt gefunden, und das ist spannend anzusehen, weil Michelsen und Matschke ihre Rollen so nuancenreich auszuspielen vermögen. Brasch, die kinderlose Einzelgängerin, muss sich abermals eingestehen, dass ihre Verachtung von Familienidyllen in einer ungestillten Sehnsucht gründet.

          Eine weitere Figur ragt aus der durchschnittlichen Handlung hervor: Ben Beckers Darstellung des verzweifelten Vaters des getöteten Mädchens überwältigt durch emotionale Wucht. Das allein reißt vieles heraus, etwa die Sache mit den dilettantisch auffälligen Verfolgungsfahrten oder die zwar pfiffig erzählte, aber inhaltlich doch recht unbefriedigende Auflösung. Dass Stauch und Fischer für ihre tödliche Raser-Story ein recht gemächliches Tempo gewählt haben, hat wiederum eine gute atmosphärische Verdichtung zur Folge, zu der auch das düstere Setting beiträgt. Und so nimmt man die Erkenntnis mit, dass rücksichtslose Protzkistenrennen kein fragwürdiges Macho-Hobby sind, sondern eine veritable Sucht. Außerdem sind „die Dresdner jetzt die neuen Wessis“. Man lernt nie aus.

          Der Polizeiruf 110: Crash, am Sonntag, 23. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

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