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Neue Comedy-Serie bei Netflix : Was „ich liebe Dich“ alles bedeuten kann

Drei Generationen: Chia-Yen Ko, Billie Wang und Alyssa Chia (v.l.) Bild: Netflix

In Taiwan sieht Comedy etwas anders aus als bei uns: „Mom, Don’t Do That!“ ist bunt, schrill und schnell. Da fliegen einem die Untertitel nur so um die Ohren. Und doch können wir am Ende auch etwas lernen: über die Liebe.

          3 Min.

          Zu bunt, zu laut, zu grell und zu überladen – all das ist die taiwanische Comedy-Serie mit dem sperrigen Titel „Mom, Don’t Do That!“. Und dennoch, nein, deshalb, kann sie dem Zuschauer viel Freude bereiten. Basierend auf dem Buch „My Mother’s Interracial Marriage“ der Autorin Chen Ming-min, erzählt die Serie von drei Frauen aus drei Generationen – die titelgebende Mutter Wang Mei Mei (mit raubtierhaftem Charme: Billie Wang) und ihre beiden Töchter Ru-rong (Alyssa Chia) und Ruo-min (Chia-Yen Ko) –, die etwas verloren haben: Mei Mei ihren Partner, ihre Töchter den Vater.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Auch ihre Beziehungen sind kompliziert. Nicht nur untereinander. Mei Mei versucht es mit einer Affäre. Ihre Tochter Ru-rong, Autorin zahlreicher Liebesromane wie „Heirate einen reichen Mann“ oder „Fünf Athleten und eine Umkleide“, hat niemanden, dafür aber viel Entrüstung übrig für ihre vermeintlich naive Mutter. Das Nesthäkchen Ruo-Min ist mit dem entsetzlichen Tunichtgut Cha (Austin Lin) zusammen, den Ru-rong als Ungeziefer und Parasit bezeichnet.

          Drei Frauen und eine Wette

          Und so wird aus einem Streit, in dem alle sich mit Vorwürfen überbieten, der jeweils andere habe sein Leben nicht im Griff, die Wette geboren, dass diejenige, die sich zuerst erfolgreich einen Mann angelt, ihre Ruhe und eine von den Verliererinnen bezahlte Überseereise finanziert bekommt, während die anderen reuig am Grab des Vaters knien sollen.

          Stracks macht sich Mei Mei auf einem Dating-Portal zwanzig Jahre jünger, während Ru-rong, die sich mit einem Job als Lehrerin über Wasser hält, zunächst versucht, ihrer Mutter die Geschichte einer lesbischen Liebe zu verkaufen. Nur Ruo-Min hält tapfer an ihrem lächelnden „Parasiten“ fest, der bald als fünftes Rad am Wagen im Hause Wang lebt.

          Zugegeben, unsere Seherfahrung in Sachen taiwanischer Seifenopern oder Comedy-Serien ist begrenzt. Zudem musste „Mom, Don’t Do That!“ im Original mit Untertitel gesichtet werden – was allerdings dem Spaß nicht abträglich ist. Im Gegenteil, kann es durchaus sein, dass man die Serie, durch eine Art Exotik- und Sprachfilter gesehen, mit mehr Milde betrachtet, als man es einer amerikanischen oder deutschen Produktion zugestehen würde.

          Denn eigentlich ist alles erst einmal ungewohnt bis anstrengend: Die Geschwindigkeit der Wortgefechte schlägt sich im Vorüberziehen des Untertitels nieder, während Trick-Elemente wie animierte Blumen, Filtereffekte und Zeitlupen in einer Dicke aufgetragen werden, dass einem der Kopf schwirren müsste. Zugleich wird fast jede Geste, jeder Satz, jeder Gesichtsausdruck mit einem Cartoongeräusch­effekt – Hupen, Wiehern, Pfeifen – unterlegt, so als trauten die Macher dem Humor ihres Werks nicht. Das Verblüffende ist nur, hier funktioniert all das technische Beiwerk, weil es einem minutiösen Timing unterliegt und abstrakte Gefühle und Regungen wie eine Art „Augmented Reality“ sichtbar macht, anstatt einfach nur schlechte Pointen zu kaschieren.

          Man kann sich davon rauswerfen lassen. Wer sich darauf einlässt, erlebt, wie Taiwans Kreative mit dem Thema Trauerbewältigung umgehen. Denn selbstverständlich schwebt der verstorbene Hausherr über allem, was seine Familie tut.

          Szenisches Spektakel mit Liebes-Lektion

          Funktionieren kann die hohe Effektdichte allerdings auch nur dank der schauspielerischen Leistung und dem Zusammenspiel von Billie Wang, Alyssa Chia und Chia-Yen Ko. Wenn Chias Augen im Streit mit Ko so irritiert hin und her schnellen, als stünden drei Versionen ihrer Spielpartnerin vor ihr, dann meint man fast, die beiden seien wirklich miteinander aufgewachsen. Doch ist das Ganze kein Kammerspiel, das sich nur in der vollgestopften Wohnung der drei Damen entfaltet. „Mom, Don’t Do That!“ ist ein szenisches Spektakel, das aus japanischen Animes, chinesischen Geisterfilmen und Videospielen ebenso viel gelernt hat wie aus amerikanischen Cartoon- und Teenieserien. Über die Schleichwerbe-Momente für eine japanische Minimarkt-Kette lässt sich hinwegsehen, weil diese im taiwanischen Alltag in der Tat ihren festen Platz hat.

          Außerdem lernt das geneigte Publikum abseits des konsumistischen Blendwerks auch etwas über die Liebe: „Ich liebe Dich“, erklärt die große ihrer kleinen Schwester, „kann zwei Bedeutungen haben: Entweder, ich möchte, dass du etwas für mich tust. Oder, ich möchte etwas für dich tun.“ Was also kann der Zuschauer für diese Serie tun? Ihr zuschauen.

          Mom, Don’t Do That! läuft bei Netflix, allerdings zurzeit nicht im deutschen Angebot.

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