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Real-Life-Serie auf Amazon : Der Gegenschlag

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Er konnte tun, was er wollte, er landete immer wieder vor Gericht, jetzt präsentiert der Rapper Meek Mill seine Abrechnung mit der amerikanischen Justiz. Bild: dpa

Die amerikanische Justiz hat den Rapper Meek Mill übel behandelt. Der wehrt sich mit Songs, Anwälten und nun einer Real-Life-Serie. Ist das schon politischer Aktivismus?

          Hierzulande gäbe es dafür den Bambi Integration: Ein schwarzer junger Mann entkommt dank seines musikalisch-poetischen Talents dem Getto-Kreislauf aus Perspektivlosigkeit und Kriminalität, verhält sich während einer frappierend langen Bewährungsstrafe mustergültig, ermutigt Jugendliche aus armen Verhältnissen, an sich zu glauben, und entwickelt sich zu einem höchst reflektiert auftretenden Rapper, was auch bedeutet, sich in der lustvoll materialistischen Goldketten-Branche nicht nur als Dicke-Hose-Liebhaber luxuriöser Autos und klobiger Uhren, sondern auch als liebevoller Vater und Vorkämpfer für Gleichheit vor dem Gesetz zu inszenieren. Mehr Vorbild geht kaum.

          In Philadelphia, Pennsylvania, aber ist einiges anders. Meek Mill, mit bürgerlichem Namen Robert Rihmeek Williams, Rapper und Superstar, entkommt ein Jahrzehnt lang dem amerikanischen Überwachungs- und Strafsystem nicht mehr, nachdem er im Jahre 2008 aufgrund eher dürftiger Beweise wegen Drogenhandels und unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt worden war.

          Mit geradezu böswilliger Energie lädt die für Williams zuständige Richterin Genece Brinkley den Rapper immer wieder vor. Aufgrund von Lappalien, die sie als Verstöße gegen Bewährungsauflagen wertet (etwa der spontane Wechsel der Location eines Videodrehs innerhalb Philadelphias, ohne vorher eine Genehmigung einzuholen), brummt sie ihm Hausarreste, Tour- und Arbeitsverbote auf: Dreißig Millionen Dollar sollen Meek Mill so entgangen sein. Seine Alben werden trotz der Probleme immer erfolgreicher. Mehrfach verlängert Brinkley die Bewährungszeit. Schließlich bringt sie Meek Mill Ende 2017 wegen gefährlichen Motorradfahrens (ein Wheelie) sowie einer Rauferei – beide Vorfälle führten nicht einmal zu einer Anklage – für bis zu vier Jahre hinter Gitter.

          Diese dritte Haftstrafe war auch die Initialzündung für die #Freemeek-Bewegung, mit der öffentlicher Druck aufgebaut wurde. Meek Mill avancierte zur Ikone im Kampf gegen ein vorurteilsanfälliges Justizsystem, das er zum Battle herausforderte: „Seen my dreams unfold, nightmares come true / It was time to marry the game and I said ,Yeah, I do‘.“ Wenn selbst jemand wie er, der Millionen Dollar in Anwälte investieren kann und zuletzt gar die Staatsanwaltschaft auf seiner Seite hatte, der Willkür einer Richterin ausgesetzt bleibe, dann lasse sich erahnen, wie viele vor allem schwarze Menschen in den Vereinigten Staaten ungerechtfertigterweise gegängelt würden oder im Gefängnis landeten, argumentierten die führenden Aktivisten der Bewegung über Eck, aber nachvollziehbar.

          Im Januar 2019 schließlich gründeten der auf Kaution freie Meek Mill, der Rapper Jay-Z und der Unternehmer Michael Rubin, Milliardär und Miteigentümer des Basketballclubs „Philadelphia 76ers“, eine „Reform-Allianz“, die sich der Durchsetzung einer tiefgreifenden Justizreform verschrieben hat. Die von Jay-Z (und seinem Label Roc Nation) gemeinsam mit der Produktionsfirma The Intellectual Property Corporation für Amazon Prime produzierte, fünfteilige Dokumentation „Free Meek“ gehört in diesen Kontext. Dass sie programmatisch Partei ergreift, so ehrenwert das Ziel auch sein mag, macht diese Real-Life-Drama-Serie eigenwillig, aber auch interessant.

          Gleich vier Regisseure hat man an Bord geholt (Greg Purpura, Gregg de Domenico, Chris Stevens und Luke McCoubrey), und die machen ihre Sache passabel, auch wenn das Material bis zur Mitte eine Verdichtung vertragen hätte. Neben Interviews mit Meek, Angehörigen und Freunden werden Archivausschnitte und leicht haarig nachgestellte Szenen etwa aus dem Gerichtssaal verwendet.

          Jubelt uns der Film eine Stalking-Perspektive unter?

          Die vielen Wiederholungen stören kaum, weil meist weitere Informationen eine bereits gezeigte Aussage in ein neues Licht rücken. Als neutral scheinende, am Film allerdings beteiligte Beurteilungsinstanz kommt immer wieder der bestens informierte, aber zu pathetischen Sätzen neigende „Rolling Stone“Journalist Paul Solotaroff zu Wort. Überhaupt ist die Emotionalisierung zu stark geraten. In ihrer Bildsprache ruft die Serie Meek Mill geradezu zum neuen Martin Luther King aus. Die David-gegen-Goliath-Pose wirkt jedoch etwas übertrieben, wenn derart viel Geld im Spiel ist.

          Erzählt wird nach kurzem Intro chronologisch. In das klassische Aufstiegsnarrativ – von Straßen-Battles über die Zusammenarbeit mit dem Rapper und Produzenten Rick Ross zum neuen Star der Szene an der Seite von Jay-Z – sind dabei detaillierte Informationen über den seit 2008 stets prekären juristischen Status Meek Mills eingefügt. Es zeigt sich, dass der Fall sehr individuell gelagert ist. Zwar wird angedeutet, die Richterin, selbst Afroamerikanerin, könne zum Überkompensieren neigen und stehe durchaus für die diskriminierende Haltung der amerikanischen Justiz, aber zugleich scheint es, als habe sie, die in einer Ad-personam-Wendung als regelrecht klagegierig dargestellt wird, ein ungewöhnlich persönliches Interesse an ihrer Macht über einen so prominenten Künstler.

          Meek Mills Widersacherin: Richterin Genece Brinkley

          Sie soll Meek Mill nahegelegt haben, als Zeichen seines guten Willens ihren Namen in einem Remix unterzubringen. Das ist unbewiesen – Brinkley dementiert –, dokumentiert jedoch sind mehrere Aussagen, die zeigen, dass die Richterin davon ausgeht, Meek Mill habe seine Karriere eigentlich ihr zu verdanken. Dennoch ist man unsicher: Jubelt uns der Film eine Stalking-Perspektive unter?

          Wirklich interessant ist das letzte Drittel, denn nun sehen wir, wie durch die Arbeit einer Privatdetektei die ursprüngliche Anklage, die alles Weitere nach sich zog, in sich zusammenfällt. Zeugen sagen vor der Kamera aus, die Polizeieinheit, die Williams festnahm, sei höchst korrupt gewesen; der „Arresting Officer“ (ein Schwarzer wie fast alle Beteiligten) habe Beweise nach Gutdünken gefälscht. Williams’ Aussage, nie mit der Waffe auf einen Polizisten gezielt und nie gedealt zu haben, sei glaubhaft.

          Tatsächlich überzeugten diese Argumente auch die Justiz, denn über die sich immer noch gegen jedes neue Aufrollen des Falles sträubende Richterin Brinkley hinweg hat der Superior Court von Philadelphia vor zwei Wochen entschieden, die Verurteilung von 2008 aufzuheben. Ob es zu einem neuen Prozess kommt, muss die Staatsanwaltschaft noch entscheiden.

          Wie ernst die Reform-Allianz es mit ihrem Anliegen meint, obwohl Meek Mill nun endlich den Klauen der Justiz entkommen scheint, wird man also sehen. Ob es aber wirklich zu begrüßen ist, wenn nun reiche Prominente das Genre des Dokumentarfilms fast ohne Einbezug von Gegenmeinungen (nur zweimal kommt kurz und unglücklich der Anwalt der so massiv angegriffenen Richterin zu Wort) für ihre womöglich berechtigten, aber dennoch privaten Interessen nutzen – das bleibt dahingestellt.

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