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Sechsteiler „Sedwitz“ im Ersten : Wo, bitte, geht’s hier zur großen Freiheit?

Durch dieses Trafohäuschen muss er kommen: NVA-Grenzsoldat Ralle Pietzsch (Thorsten Merten) findet seinen ganz persönlichen Weg in den Westen. Bild: BR/Günther Reisp

Kurz vor dem Fall der Mauer findet ein DDR-Grenzsoldat einen Weg in den Westen. Er macht rüber, kehrt aber wieder zurück: Die Serie „Sedwitz“ erzählt von einem kleinen, irren Grenzverkehr im Kalten Krieg.

          Von der Transformationsstation geradewegs ins Haus der Muttergottes und mit ihrem Beistand – Maria hat geholfen – in die freie Welt: So hat sich der DDR-Grenzoffizier Ralle Pietzsch (Thorsten Merten) das Umspannwerk zwischen den Systemen wirklich nicht vorgestellt. Eigentlich will er auch gar nicht in den Wechselstrom westwärts eintauchen, sondern nur in der bundesrepublikanischen Hälfte des von der innerdeutschen Grenze geteilten Dorfes Sedwitz, das es nur in der gleichnamigen ARD-Serie gibt, einen Zauberwürfel auftreiben. Denn der ist im Arbeiter-und Bauern-Staat anno 1988 ebenso in Mode wie jenseits der Mauer, aber nicht zu bekommen, obwohl er doch aus dem sozialistischen Ungarn kommt. Und der Geburtstag von Ralles Sohn naht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Da greift der Grenzer zum Schlüssel zu Trafohäuschen 257, den ihm ein sterbender Stasi-Mann anvertraute. Im Häuschen liegt der Eingang zu einem Tunnel. Er führt vom thüringischen Sperrgebiet Ost ins Zonenrandgebiet West, genauer gesagt in eine Kapelle im fränkischen Niemandsland. Vor der liest den in eine Sportkluft der „Armeesportvereinigung Vorwärts“ gehüllten Republikflüchtling auf Zeit ausgerechnet der Bundesgrenzschützer Hubsi Weißpfennig (Stephan Zimmer) auf, die joviale Naivität in Person. „ASV“ liest er auf dem Dress des anderen, der sich als Ernst Thälmann vorstellt, dann schnackelt es: „Augsburger Sportverein, aha!“, und Ralle kommt erst mal mit in die Kneipe.

          Der alltägliche Aberwitz des Kalten Krieges

          Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall, sechzehn Jahre nachdem Leander Haußmanns „Sonnenallee“ in den Kinos lief und zwölf Jahre nach der Filmkomödie „Good Bye, Lenin“ leistet sich das Erste eine sechsteilige Serie, die das Ende der DDR humoristisch aufs Korn nimmt. Ist das nicht Verharmlosung eines Unrechtsstaats? Natürlich, sonst wäre diese Provinzposse nicht witzig, die vor Harmlosigkeit nur so strotzt – vor Ostalgie dagegen nicht. Aber die Staatsgewalt des real existierenden Sozialismus ist in „Sedwitz“ – Achtung, sprechender Name – längst ein zahnloser Tiger und die Mauer eine Farce. Selbst ein vom DDR-Fernsehen zwecks Frontreportage geschickter Fernsehfuzzi kann sie mühelos überspringen und erhält dabei noch Amtshilfe. Und der von seinem Westabstecher zurückgekehrte Ralle Pietzsch kennt die „Provokateure“ auf der anderen Seite, denen er bei Patrouillen ins Auge blickt, nun persönlich. Noch steht die Mauer. Doch in ihrem Schatten nimmt der kleine Grenzverkehr, den Ralle Pietzsch ins Rollen bringt, bald mächtig Fahrt auf und stürzt ihn in immer verwickeltere Verwicklungen.

          Der Drehbuchautor Stefan Schwarz, der mit seiner Vorlage für „Sedwitz“ an das geteilte bayerisch-thüringische Dorf Mödlareuth erinnert, will vor allem den alltäglichen Aberwitz des Kalten Krieges aufspießen, und so reiht er eine Absurdität an die nächste. Jedes Klischee wird bedient, und das mit Wonne. Paul Harather inszeniert das Ganze in Kulissen, mit Kostümen und einer Ausstattung (Szenenbild Andreas C. Schmid, Kostüme Friederike Tabea May und andere), die in den rückblickend befremdlich wirkenden, modischen Entgleisungen der achtziger Jahre im Westen wie im muffigen Dederon-Chic des Ostens gleichermaßen schwelgt. Optisch unansehnlich und musikalisch verirrt, so die Botschaft der Koproduktion von Bayerischem und Mitteldeutschem Rundfunk, war man da wie dort, aber der Westen war bunter und verrückter und bietet so viel ungeahnten Raum zur Entfaltung, dass der bisher so systemkonforme Grenzer Ralle Pietzsch seinen Lockungen nicht widerstehen kann.

          Von dem aufgemotzten Intro, das den Ost-West-Konflikt in dramatischen Farben malt als das, was er war, nämlich Hintergrund eines drohenden Atomkriegs und keine drollige Angelegenheit, sollte man sich nicht täuschen lassen. In „Sedwitz“ ist all das nur Kulisse für ein Schelmenstück, das in der vorgezogenen Verbrüderung von Ossis und Wessis münden muss. Unterhaltsam anzusehen ist das trotz aller Vorhersehbarkeit und obwohl so manche Pointe reichlich lahm ist, weil die Ernsthaftigskeitskarte konsequent nicht gezogen wird. Hier gibt es keine Belehrungen und Lehren, hier schlawinert sich einer durch eine durchgedrehte Welt, die sich in zwei durchgedrehte Hemisphären mit lauter verschrobenen Charakteren teilt. Jede Figur ist eine Karikatur, aber eine sympathische: der russische Offizier, der Ralle auf die Schliche kommt (Robert Palfrader), der NVA-Major, der sich wie ein römischer Zenturio in einem „Asterix“ vorkommen muss (Olaf Burmeister), die friedensbewegte Lehrerin mit den langen roten Haaren (Judith Richter), die Ralle im Westen trifft, das Aerobic-Wunder Debbie (Eva Mähl) oder der windige Gastwirt Franz (Hannes Ringlstetter).

          Ralle Pietzsch tut erst einmal nicht mehr, als sich anzuhören, was sie so an systembedingten Worthülsen oder Schlaumeiereien von sich geben, dazu zupft der Blues. Irgendwann wird Ralle Pietzsch schon einfallen, was er selbst zu sagen hat.

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