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TV-Serie: „Low Winter Sun“ : Unter der Lackschicht lauert das Böse

Und willst du nicht mein Bruder sein: Agnew (Mark Strong, links) fühlt sich von Geddes (Lennie James) verraten. Bild: ZDF

Ist der Kollege tot, kann das Spiel beginnen: In der Serie „Low Winter Sun“ folgen wir zwei mörderischen Polizisten durch die Unterwelt von Detroit. Die Stadt auf dem Weg nach unten ist der eigentliche Star.

          3 Min.

          Wenn ein Kerl wie er heult, muss etwas Furchtbares geschehen sein - oder noch passieren. Unheildrohend pulst der Beat, als die Kamera den kahl rasierten Schädel von Detective Frank Agnew umkreist, so nah, dass wir nur die Ohren, die Augen, den Mund ausmachen im Dunkeln - und wie Tränen die Falten hinabrinnen und vom Kinn tropfen. Sekunden später wird sich Mark Strong als Agnew noch einen Schluck Whiskey aus der Flasche nehmen, sagen: „Ich bin kein schlechter Mensch“ und mit seinem Kollegen Joe Geddes (Lennie James) einen dritten Polizisten packen, um ihn im Hummerbecken einer verlassenen Bar zu ertränken. Geddes wird seine schwarz glänzenden Stirn fast an Agnews fahles Antlitz pressen und hervorstoßen: „Die einen reden über Moral, als wäre sie schwarzweiß. Andere wollen mit ihrem Intellekt angeben und sagen, sie ist grau. Aber weißt du, was sie wirklich ist? Sie ist ein Stroboskop.“ Erinnerungsfetzen zerlegen die Sequenz, dann wird es schwarz.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Low Winter Sun“ (Regie: Ernest R. Dickerson und andere) ist oft so dunkel, dass man an den Einstellungen seines Fernsehers zweifeln kann. Als Noir-Krimi in zehn Teilen breitet die Serie des amerikanischen Senders AMC Folgen und Vorgeschichte des Mordes aus, dessen Zeuge wir gleich in den ersten Minuten werden - und weitet die Verbrechensgeschichte zu einem düsteren Panorama Detroits, einer Industriestadt auf dem Weg nach unten. Was Geddes antrieb, den Mann zu töten, mit dem er jahrelang gemeinsam ermittelt hatte, bleibt vorerst ein Rätsel. Frank Agnew jedoch handelte aus Rache: Das Opfer, ein in Drogengeschäfte verwickelter, durch und durch korrupter Cop, soll Agnews Geliebte bestialisch ermordet haben. Die Komplizen versenken die Leiche ihres Kollegen im Detroit River, es ist der perfekt fingierte Selbstmord. Doch dann werden die Dinge erst kompliziert, bald unbeherrschbar. Das Spiel hat begonnen.

          Ein verwöhntes Publikum

          Dass AMC die Serie unmittelbar im Anschluss an „Breaking Bad“ sendete, zeigt das Vertrauen, dass der Sender in sie setzte. Das Publikum ist verwöhnt. Allein damit, nun in anderer Konstellation dem Bösen zu folgen statt denen, die es jagen, ist es längst nicht mehr getan. „Low Winter Sun“ entwirft ein Strebewerk von Figuren und arbeitet sich bei dessen Enthüllung ruckweise voran, wie man einen Spatel ansetzt, um eine Lackschicht nach der anderen abplatzen zu lassen. Was dann sichtbar wird, sind die Verbindungen zwischen den Figuren - und in manchen Fällen beinahe so etwas wie ihr Kern. Wobei es mit der psychologischen Nachvollziehbarkeit an mehr als einer Stelle hapert - warum morden für eine Frau, die man kaum kennt und von der nicht einmal sicher ist, dass sie tot ist? - und der Plot (Drehbuch: Chris Mundy und andere) an mehr als einer Stelle mehr zurechtgehämmert als -gebogen wirkt.

          Dafür ist die Atmosphäre wie aus einem Guss, sie verdankt sich vor allem der hervorragenden Kameraarbeit, die zwei exzellente Hauptdarsteller in Szene setzt. In schneller Folge rücken unsere Blicke Strong und James so nah auf den Leib, dass die Bedrängnis ihrer Charaktere fast physisch wird, dann stehen die beiden wieder im offenen Raum, mit anderen Figuren zu Tableaus geordnet: am Tatort, auf dem Revier, und immer wieder in den Kulissen einer verkommenen Stadt. Detroit ist der eigentliche Star.

          Die Position eines jeden Spielers in dieser Partie ist unbestimmt, trauen kann man keinem. Natürlich werden ausgerechnet die Mörder damit beauftragt, den Tod ihres Opfers aufzuklären. Interne Ermittler und die Drogenmafia kommen ihnen in die Quere. Das ist mehr Versuchsanordnung als Realismus, und „Low Winter Sun“ scheut nicht das Klischee. Die Barfrau als Ganovenbraut, Drogendealer und Schutzgelderpresser, gute und böse Cops, es ist alles da, was es braucht für ein Unterweltstory. Was als Vexierspiel aufpoliert daherkommt, wirkt deshalb auch ausgesprochen altmodisch. Es gibt - abgesehen von einer professionell gelöschten Festplatte - kaum technische Spielereien, die Blicke auf Abscheulichkeiten wie eine zerstückelte Leiche sind kurz, dafür ringen zwei Männer darum, wie sie aus der Sache rauskommen, notgedrungen gemeinsam, obwohl sie einander bald an die Gurgel gehen.

          Dass oft nicht wirklich viel passiert, könnte aber auch britisches Understatement sein. „Low Winter Sun“ ist die Adaption einer BBC-Miniserie gleichen Namens von 2006. Mark Strong verkörperte auch damals schon den seelenwunden Polizisten Agnew - mit gleicher Ausstrahlung, aber im Original mit anderem Akzent, denn das Ganze spielte in Birmingham. Nach einer Staffel war in Amerika Schluss für die Serie. Daueranspannung im Dunkeln kann auf Dauer ja auch ganz schön ermüdend sein.

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