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„New York Times“ gegen Trump : Am offenen Herzen der Demokratie

  • -Aktualisiert am

Besprechung: Die Redakteure Adam Goldman, Matt Apuzzo, Mark Mazzetti und Mathew Rosenberg (von links) von der „New York Times“. Bild: © Aletheia Films LLC

Liz Garbus’ Dokumentation aus dem Inneren der „New York Times“ zeigt, was Donald Trump für Medien in Amerika bedeutet: Gefahr, Umbruch und Rausch.

          4 Min.

          Diese Serie ist ein Hammer. Wer alle vier Teile hintereinander weg schaut und dabei die jüngere Zeitgeschichte aus nächster Nähe als atemlosen Politthriller erlebt, als wild rotierendes Schelmen- und Schurkenstück, das selbst „House of Cards“ in Fragen der Egomanie und des Stils hinter sich lässt, dürfte eine Ahnung von dem Adrenalinrausch bekommen, in den die gegenwärtige Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika ihre zum Feind erklärten Qualitätsmedien versetzt hat. Man sieht aber auch, was diese Medien für die (einst) so stolze Demokratie bedeuten. Sie sind die letzte Brandmauer in einer tief gespaltenen Gesellschaft.

          Ökonomisch zermürbt, an den heftigen Umstrukturierungen hin zu Realzeit-Online-Foren (mit teils neuen Standards) laborierend und sich dabei auch noch einem gesellschaftlichen Klima oftmals offener Ablehnung gegenübersehend, wachsen die politischen Journalisten zugleich über sich hinaus. Fast täglich scheint in den ehrwürdigen Zeitungen und Sendern heute eine Bob-Woodward-Karriere möglich, so grenzwertig ist der Politikstil, dem man nur mit unbestechlichen, abgesicherten Informationen beikommt.

          Auch in der „New York Times“, die noch niemandem einen so tiefen Einblick in ihre tägliche Arbeit gewährt hat, fühlen sich viele Mitarbeiter an die Zeit der Watergate-Affäre erinnert: Aus politischen Ungeheuerlichkeiten können Sternstunden der Publizistik werden. Und die Informanten stehen Schlange. Es gab wohl lange keine Zeit mehr, in der es derart spannend, kräftezehrend, wichtig und erfüllend war, die Fahne der vierten Gewalt hoch zu halten.

          Fit to print? Julie Hirschfeld Davis und Elisabeth Bumiller (rechts) vollenden einen Artikel.
          Fit to print? Julie Hirschfeld Davis und Elisabeth Bumiller (rechts) vollenden einen Artikel. : Bild: © Aletheia Films LLC

          Die internationale Showtime-Koproduktion „The Fourth Estate“, an der auf deutscher Seite die Produktionsfirma Sutor Kolonko, der WDR und Arte beteiligt waren, läuft nun pünktlich zu den Halbzeitwahlen, deren Vorlauf überschattet wurde von einer Bombenserie gegen Politiker, einem Neonazi-Anschlag auf eine Synagoge und Hetztiraden gegen Armutsflüchtlinge.

          Es ist nichts besser geworden seit dem ersten Jahr von Donald Trumps Präsidentschaft, um das sich Liz Garbus’ aufwendiger Film dreht. Die oscarnominierte Filmemacherin zeigt uns dieses Jahr ganz aus der Perspektive der Politikredaktion der „New York Times“ (NYT). Gefilmt werden durfte bei wichtigen Konferenzen, Ad-hoc-Besprechungen und Aufmacher-Freigaben ebenso wie bei hochrangigen Terminen, etwa bei einem Interview von Jeremy Peters mit Steve Bannon in der „Breitbart Embassy“. Diese Seite der Entstehung von Nachrichten bleibt normalerweise verborgen.

          Sind diese Risse noch zu kitten?

          Wir blicken Reportern und Redakteuren beim Verfassen von Artikeln über die Schulter, deren Auswirkungen uns allen bekannt sind: Mark Mazzetti und Matt Apuzzo informieren die Weltöffentlichkeit über die russische Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf; Maggie Haberman telefoniert mit Trump, nachdem sein Plan, Obama-Care abzuschaffen, gescheitert ist; Michael Shear hat zufällig exklusiv erfahren, dass FBI-Direktor James Comey entlassen wird und schreibt seinen Artikel, noch bevor Comey selbst von dieser Entwicklung weiß; Michael Schmidt deckt das „Loyalität-Dinner“ auf, den Versuch Trumps, Comey zur Einstellung der Russland-Untersuchung zu drängen.

          Später geht es um die Kämpfe der Trump-Administration gegen Sonderermittler Robert Mueller. Beinahe täglich werden dem Präsidenten, der tourettehaft von „Fake News“ spricht und auch schon einmal seine Anhänger auf die Journalisten im Raum hetzt („These are sick people!“), Unwahrheiten nachgewiesen. All dies verleiht dem Film den Status eines Zeitdokuments. Nach den in brutalen Bildern festgehaltenen Ereignissen von Charlottesville und Trumps Weigerung, die Rechtsextremen klar zu verurteilen, beschleicht selbst hartgesottene Reporter die Sorge, dass diese Risse nicht mehr zu kitten sind.

          Eigentlich sei nun ein Milliardär wie bei der „Washington Post“

          Ebenso interessant aber ist der Blick ins Innenleben der Redaktion. Obwohl die NYT mehr Menschen als je zuvor erreicht, graben ihr Facebook und Google das Wasser ab. Liz Garbus bekommt mit, wie ganze Etagen im ikonischen New Yorker Tower geräumt werden, um Geld zu sparen. Man sieht Chefredakteur Dean Baquet an, wie unangenehm es ihm ist, Entlassungen von Redakteuren (zugunsten von Reportern) zu rechtfertigen, während die Belegschaft lautstark gegen diese Pläne demonstriert. Eigentlich sei nun ein Milliardär wie bei der „Washington Post“ nötig, heißt es an einer Stelle.

          Die Journalisten selbst werfen auch die Frage auf, ob durch die Hinwendung zu schnellen Kurzkommentaren über Twitter oder Facebook nicht Qualität und Ruf der „New York Times“ leiden. Ein Redakteur wird mit Twitter-Verbot belegt, aber es dreht sich doch bezeichnend oft darum, die entscheidende Nachricht als Erster – und das heißt meist: vor der „Washington Post“ – zu haben. Das eigene Audioangebot „The Daily“ hingegen ist eine in die Tiefe gehende Nachbereitung. Und die Leiterin der Washingtoner Niederlassung der NYT, Elisabeth Bumiller, ist eine Vollblutjournalistin alten Schlags, die sich nicht drängeln lässt, wenn Genauigkeit gefragt ist.

          Was wir sehen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der „New York Times“. Das Feuilleton, die Wirtschafts- oder die Sportredaktion kommen nicht vor. Nur an einer Stelle spielt eine Nachricht ohne direkten Trump-Bezug eine Rolle: der Artikel von Jodi Kantor und Megan Twohey über die Vorwürfe sexueller Nötigungen gegen Harvey Weinstein, der die #Metoo-Bewegung auslöste.

          Diese Debatte holt schließlich die Redaktion selbst ein, einer der angesehenen Journalisten, Glenn Trush, wird wegen Vorwürfen unangemessenen Verhaltens gegenüber Journalistinnen von seinem Posten als Weißer-Haus-Reporter abgezogen. Auch hier hat man sich für volle Transparenz entschieden. Ob Offenheit und Qualität genügen, um gegen die hasserfüllte „Lügenpresse“-Stimmung und wirtschaftliche Engpässe anzukommen, ist noch nicht entschieden. Die Pulitzer-Preise, mit denen das dokumentierte Jahr endet, machen Hoffnung. Ein Crashkurs in Sachen Hochklassejournalismus ist diese Dokuserie, die zu Recht für einen Emmy nominiert war, allemal.

          Mission Wahrheit. Die New York Times und Donald Trump läuft heute, Dienstag 6. November, mit allen vier Teilen um 20.15 Uhr bei Arte und morgen, Mittwoch 7. September, um 22.55 Uhr (als Zweiteiler) im WDR.

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