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„New York Times“ gegen Trump : Am offenen Herzen der Demokratie

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Später geht es um die Kämpfe der Trump-Administration gegen Sonderermittler Robert Mueller. Beinahe täglich werden dem Präsidenten, der tourettehaft von „Fake News“ spricht und auch schon einmal seine Anhänger auf die Journalisten im Raum hetzt („These are sick people!“), Unwahrheiten nachgewiesen. All dies verleiht dem Film den Status eines Zeitdokuments. Nach den in brutalen Bildern festgehaltenen Ereignissen von Charlottesville und Trumps Weigerung, die Rechtsextremen klar zu verurteilen, beschleicht selbst hartgesottene Reporter die Sorge, dass diese Risse nicht mehr zu kitten sind.

Eigentlich sei nun ein Milliardär wie bei der „Washington Post“

Ebenso interessant aber ist der Blick ins Innenleben der Redaktion. Obwohl die NYT mehr Menschen als je zuvor erreicht, graben ihr Facebook und Google das Wasser ab. Liz Garbus bekommt mit, wie ganze Etagen im ikonischen New Yorker Tower geräumt werden, um Geld zu sparen. Man sieht Chefredakteur Dean Baquet an, wie unangenehm es ihm ist, Entlassungen von Redakteuren (zugunsten von Reportern) zu rechtfertigen, während die Belegschaft lautstark gegen diese Pläne demonstriert. Eigentlich sei nun ein Milliardär wie bei der „Washington Post“ nötig, heißt es an einer Stelle.

Die Journalisten selbst werfen auch die Frage auf, ob durch die Hinwendung zu schnellen Kurzkommentaren über Twitter oder Facebook nicht Qualität und Ruf der „New York Times“ leiden. Ein Redakteur wird mit Twitter-Verbot belegt, aber es dreht sich doch bezeichnend oft darum, die entscheidende Nachricht als Erster – und das heißt meist: vor der „Washington Post“ – zu haben. Das eigene Audioangebot „The Daily“ hingegen ist eine in die Tiefe gehende Nachbereitung. Und die Leiterin der Washingtoner Niederlassung der NYT, Elisabeth Bumiller, ist eine Vollblutjournalistin alten Schlags, die sich nicht drängeln lässt, wenn Genauigkeit gefragt ist.

Was wir sehen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der „New York Times“. Das Feuilleton, die Wirtschafts- oder die Sportredaktion kommen nicht vor. Nur an einer Stelle spielt eine Nachricht ohne direkten Trump-Bezug eine Rolle: der Artikel von Jodi Kantor und Megan Twohey über die Vorwürfe sexueller Nötigungen gegen Harvey Weinstein, der die #Metoo-Bewegung auslöste.

Diese Debatte holt schließlich die Redaktion selbst ein, einer der angesehenen Journalisten, Glenn Trush, wird wegen Vorwürfen unangemessenen Verhaltens gegenüber Journalistinnen von seinem Posten als Weißer-Haus-Reporter abgezogen. Auch hier hat man sich für volle Transparenz entschieden. Ob Offenheit und Qualität genügen, um gegen die hasserfüllte „Lügenpresse“-Stimmung und wirtschaftliche Engpässe anzukommen, ist noch nicht entschieden. Die Pulitzer-Preise, mit denen das dokumentierte Jahr endet, machen Hoffnung. Ein Crashkurs in Sachen Hochklassejournalismus ist diese Dokuserie, die zu Recht für einen Emmy nominiert war, allemal.

Mission Wahrheit. Die New York Times und Donald Trump läuft heute, Dienstag 6. November, mit allen vier Teilen um 20.15 Uhr bei Arte und morgen, Mittwoch 7. September, um 22.55 Uhr (als Zweiteiler) im WDR.

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