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Netflix-Serie „Bridgerton“ : Liebe ohne Vorurteil

It’s prom night and I’m not lonely: Ruby Barker als Marina Thompson in „Bridgerton“ Bild: LIAM DANIEL/NETFLIX

Wie wahrscheinlich ist es, dass der Duke of Hastings von einem Schauspieler verkörpert wird, der in Simbabwe geboren ist? Die Serie „Bridgerton“ schildert Klatsch und Tratsch im London der Regency-Zeit – mit schönen Nebenwirkungen.

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          Natürlich, und das wissen wir alle, sind Klatsch und Tratsch absolut verwerflich, und man soll sich als verantwortungsvoller Mensch an solchen Umtrieben nicht beteiligen. Gute Vorsätze diesbezüglich halten allerdings nie lange, denn Klatsch ist auch das Schmiermittel, das eine Gesellschaft am Laufen hält. Und so eine Gesellschaft kann, wenn neueste Gerüchte gleich im Dutzend lanciert werden, durchaus hochmotorisch heißlaufen.

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

          Im Fall von Bridgerton trägt die Quelle aller Indiskretionen das Pseudonym „Lady Whistledown“. Wir befinden uns im London der Regency-Zeit, einer Ära, in der gesellschaftliches Ansehen alles bedeutet und ein Skandal existenzvernichtend sein kann. Und in diesem Klima publiziert diese „Lady Whistledown“ (als Erzählstimme: Julie Andrews) regelmäßig Blättchen, in denen sie die neuesten Indiskretionen vor aller Augen genüsslich aufspießt: wessen Ehe kriselt, wer wem lange und intensiv in die Augen geschaut hat und wer zu Beginn der Ballsaison die beste Partie abgibt. Eine Prämisse, die lose an die Serie „Gossip Girl“ erinnert, in der die jungen Damen der New Yorker High Society im Visier einer anonymen Klatschbase standen.

          Ablenkung in Form pikanter Neuigkeiten

          Eine der besten Partien gibt die junge Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor) ab, das findet nicht nur Königin Charlotte, die bekanntermaßen mit einem der Geisteskrankheit anheimgefallenen Gatten gestraft ist und daher für alle Ablenkung in Form pikanter Neuigkeiten äußerst dankbar. Daphne findet leider auch das Wohlgefallen von Nigel Berbrooke (Jamie Beamish), der sich als unangenehmer und hartnäckiger Verehrer in Stellung bringt. Was das Beste für Daphne ist, darüber haben allerdings auch ihre Mutter und ihr älterer Bruder Anthony (Jonathan Bailey) dezidierte Meinungen.

          Entnervt von Heiratsmarkt, Bruder und Verehrer schließt Daphne einen Pakt mit dem leichtlebigen Simon Basset, dem Duke of Hastings (Regé-Jean Page), der einen hervorragenden Mr-Darcy-Verschnitt abgibt, dem Helden aus „Stolz und Vorurteil“ – Regency-Stoffe sind ohne Jane-Austen-Anleihen kaum denkbar, zu sehr haben ihre Romane unsere Sicht auf diese Zeit geprägt. Eine Saison lang wird das junge Paar also so tun, als stehe es kurz vor der Verlobung. Das hat Vorteile für beide: Simon hat seine Ruhe vor der kuppelwütigen Verwandtschaft, und Daphne kann sich umschauen und jemanden finden, der ihr besser gefällt als Nigel Berbrooke, ohne dass ihr Bruder dauernd dazwischenfunkt. Aber ganz so glatt, wie die beiden sich das vorgestellt haben, funktioniert das am Ende natürlich nicht.

          „Bridgerton“ basiert auf einer Buchreihe der amerikanischen Autorin Julia Quinn, vergnügliche Unterhaltungslektüre, die sich weltweit bestens verkauft hat. Produziert wurde die Serie von Shonda Rhimes, bekannt durch Serien wie „Greys Anatomy“ und „How to get away with murder“. Rhimes hat im Jahr 2017 einen mehrjährigen Exklusivvertrag mit Netflix abgeschlossen, und „Bridgerton“ ist nun das erste Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Vor allem ihr ist es wohl zu verdanken, dass die Rollen trotz des historischen Settings ganz selbstverständlich nicht nur mit weißen Schauspielern besetzt wurden, ohne dass deren Hautfarbe groß zum Thema gemacht wird. Sehr bald, das ist die schöne Nebenwirkung, fällt es einem überhaupt nicht mehr auf, warum wer welchen Hintergrund hat und wie wahrscheinlich es ist, dass der Duke of Hastings von einem Schauspieler verkörpert wird, der in Simbabwe geboren ist.

          Viel interessanter sind da die wirklich herrliche Ausstattung und die filmreifen Kostüme, die – es ist schließlich eine Komödie – manchmal etwas überkandidelt ausfallen dürfen. „Bridgerton“ hat alles, was Unterhaltung braucht: Witz, Tempo, schöne Menschen, schlagfertige Dialoge – man sollte, wenn es geht, im englischen Original schauen – und interessante Charaktere bis in die Nebenfiguren hinein. Die Schauspielerin Nicola Coughlan, die die kluge, aber etwas naive Penelope Featherington spielt, kennt man eventuell schon als vorlaute Clare aus „Derry Girls“. Claudia Jessie spielt Daphnes kleine Schwester Eloise mit herrlicher burschikoser Enerviertheit. Und weil das Leben nicht nur aus Bällen, Blumen und flatternden Kleidern besteht, gilt es noch ein paar finstere Familiengeschichten aufzudecken. Die acht einstündigen Folgen kommen mit ihrer herzerwärmenden Qualität also gerade recht in einer Zeit, in der man angesichts sozialer Distanz vermutlich etwas einsamer ist als sonst und dürften gerade so bis Silvester reichen.

          Bridgerton ist bei Netflix verfügbar

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