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Letzte Staffel „Dark“ : Wozu der Aufwand, wenn wir alle sterben?

Die „echte“ Martha weiß noch nichts von der Existenz zweier Welten Bild: Netflix

Déjà-vu in Winden: Mit der dritten und letzten Staffel wird das Universum von „Dark“ vollständig. Und unser Seriengedächtnis noch einmal kräftig gefordert.

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          Sagen wir, der Untergang einer hochkomplexen, gefährdeten Welt wäre zu verhindern, wenn man gar nicht erst geboren würde: Wäre man bereit, die eigene Existenz zu opfern? Wenn sich dann aber herausstellte, dass sich in dieser Welt rein gar nichts ändert, sich das Schicksal nicht überlisten lässt, es keinen Ausweg aus dem Kreislauf der Zeit gibt und man am Ende, ganz gleich, welchen Weg man wählte, vor einem Scherbenhaufen stünde: Könnte es sich bei dem Szenario auch um einen sehr trüben Spiegel unserer realen Existenz handeln? Und mal ehrlich: Wer lässt sich so viel verworrene Düsternis als Unterhaltung verkaufen?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Immerhin die letzte Frage lässt sich guten Gewissens beantworten. Im Nebel liegende Schulhöfe, verschollene Kinder und tiefdunkle Wälder waren seit jeher das namensgebende Instrumentarium der Hoffnungslosigkeit in „Dark“, und daran ändert auch die dritte Staffel der Serie zunächst nichts. Wie sehr sich die Helden von Winden, dem deutschen Ort mit dem Atomkraftwerk und den Zeitreiseportalen, auch bemühen, sei es im Jahr 1915, 1987 oder 2019, das Ende ist unausweichlich, denn sie befinden sich in einem selbstkonsistenten Universum. Der Verlauf der Geschichte lässt sich nicht verändern wie in „Zurück in die Zukunft“, jedenfalls nicht durch Reisen in der Zeit. Die erste neue Erkenntnis, die uns Staffel drei offenbart, lautet allerdings: Die Frage ist nicht mehr, aus welcher Zeit ein Reisender kommt, sondern, aus welcher Welt. Und das ist so ziemlich alles, was „Dark“-Kenner vorerst wissen müssen. Hier wird ein Paralleluniversum angekündigt. Vielleicht doch noch ein Ausweg aus dem tödlichen Kreislauf?

          Kam der tote Junge wirklich aus einem Loch in der Wand?

          Die erste Netflix-Serie, die in Deutschland entwickelt, produziert und gefilmt wurde, gehörte von Anfang an zu den favorisierten Produktionen von Streaming-Angebern. „Game of Thrones“ führte schon minütlich neue Handlungsstränge ein, „Westworld“ sprang tückisch durch die Zeit, die Schöpfer Jantje Friese und Regisseur Baran bo Odar setzen in ihrer Serie ein Kaleidoskop von gealterten oder verjüngten Versionen ihrer Protagonistinnen obendrauf. Wer behauptet, immer zu wissen, welche Figuren da gerade welche Ziele verfolgen und warum eine Frau die Mutter ihrer Mutter sein kann, muss ein großer Denker sein. Und wenngleich das narrative Konstrukt, die kunstvolle Bildwelt und der Detailreichtum seit 2017 „Dark“ viel Aufmerksamkeit und Netflix den ersten Grimme-Preis eingebracht haben, gab es auch jene, die sich ärgerten, weil ihnen Logikfehler und aus dem Off eingestreute Sinnsprüche über den freien Willen des Menschen als tiefgründiges Epos verkauft wurden.

          Um das Schicksal nicht zu sehr herauszufordern, hat Netflix für die finale Staffel eine Spoilerliste bereitgestellt, die allzu große Offenheit beim Schreiben über den Plot verhindern soll. Was wir trotzdem vorwegnehmen: Die erste Folge der neuen Staffel ist parallel zur allerersten Folge konstruiert. Martha Nielsen (Lisa Vicari) übernimmt die Rolle des Auserwählten Jonas Kahnwald (Louis Hofmann) im gelben Regenmantel. Die Handlung der Parallelwelt beginnt im November 2019. 2020 wird auch hier das Leben auf der Erde ausgelöscht. Wieder einmal wird ein Junge vermisst. Diverse Charaktere reisen auf der Suche nach verlorenen Geliebten, Exmännern und Kindern durch die Zeit, hin und wieder tauchen Jahreszahlen wie Orientierungstonnen im Fahrwasser der Zeitebenen auf. Jonas und Martha sollen noch einmal versuchen, die Welt zu retten. Der Himmel ist überwiegend grau, der Wald kahl. Der Schauer setzt wohldosiert ein. Szenenbilder und Kameraführung erinnern an aufwendige Musikvideos, was auch dem Soundtrack zu verdanken ist, den der Technomusiker Apparat mit der Österreicherin Soap&Skin für die Serie geprägt hat. Die Inszenierung ist makellos.

          Mit den Worten des in seiner neuen Rolle als spätpubertierender Emo großartigen Magnus Nielsen (Moritz Jahn) ließe sich nun einwenden: „Wozu der ganze Aufwand, am Ende sterben wir eh alle.“ Vielleicht sorgt gerade diese Erkenntnis für die nötige Gelassenheit. Familienprägung, kindliche Traumata und Generationenspannungen werden wieder einmal kunstvoll verwoben und in kleinen Dosen verabreicht. Überhaupt: Mit Spannungabfall hat diese Staffel kein Problem. Dafür müssen jetzt auch keine toten Vögel mehr vom Himmel fallen. Der Gedanke an „Stranger Things“, die amerikanische Serie der Duffer-Brüder über verschwundene Jugendliche und ein namenloses Unheil aus der Tiefe, ist gar nicht mehr so naheliegend, obwohl es auch dort eine umgekehrte Welt gab („The Upside-Down“).

          In „Dark“ aber ist das Monster der Mensch selbst. Wie es sich gehört für eine Serie in der Riege der Großen, ist genug Raum für Ambivalenzen. Und, ganz am Ende, für neue Fragen nach dem Sinn: dem der Welt jenseits von Winden. Und dem des eigenen Tuns.

          „Dark“ läuft auf Netflix.

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