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Letzte Folge von „Rosa Roth“ : Am Ende sitzt sie auf der Anklagebank

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Unfassbar, was sich gerade vor ihren Augen abgespielt hat: Iris Berben als Rosa Roth in der letzten Folge der Serie Bild: Stephanie Kulbach

Die ZDF-Serie „Rosa Roth“ findet nach 30 Folgen ein würdiges Ende. In ihrer Abschiedsvorstellung wird die Heldin auf eine Art schuldig, die ihr trotz Freispruchs moralisch das Genick bricht.

          Ein Mädchen stirbt. Es wurde angeschossen, notoperiert, im künstlichen Koma stabilisiert, bis es zu Komplikationen kommt und die Ärzte im Operationssaal abermals um sein Leben kämpfen - vergebens. Draußen warten der Pflegevater, Schönheitschirurg Dr. Deinhardt (Johann von Bülow), der leibliche Vater Gruber (Devid Striesow), ein Polizist zur Bewachung Grubers und die Kriminalhauptkommissarin Rosa Roth (Iris Berben). Wer hat das Kind auf dem Gewissen?

          Deinhardt und Gruber werden ihren Teil der Schuld tragen, und andere werden es auch tun müssen. Geschossen aber hat niemand anderes als Rosa Roth, die aufrechte Einzelgängerin, seit fast zwanzig Jahren im Dienst der Verbrechensaufklärung, Idealistin, so unbestechlich, dass der größte Verbrecher von Berlin ihr, anders als den Herren im Senat, nie ein Korruptionsangebot machte. Doch ist sie auch selbstgerecht wie keine Zweite, wie ihr in dieser, der 31. und letzten Folge von „Rosa Roth“, nicht nur aus Verbrecherkreisen vorgehalten wird.

          Nach dem Sterben ist vor dem Sterben

          Laissez-faire war Rosa Roths Sache eindeutig nicht. Kompromisslos Haltung zeigen, darum ging es der Schauspielerin, die an der Entwicklung ihrer Rolle beteiligt war, stets. Rosa - wie Rosa Luxemburg, sagte Iris Berben am Anfang. In ihrer Abschiedsvorstellung wird die Figur auf eine Art schuldig, die ihr trotz Freispruchs moralisch das Genick bricht. Scheitern kann Rosa Roth nur an den eigenen Ansprüchen. Die Konsequenz ist folgerichtig: Das war’s.

          Nach dem Sterben ist hier vor dem Sterben: Im Anschluss an die Szenen im Krankenhaus, die mit einer Geiselnahme enden, blendet der Film eine Woche zurück. Er entfaltet eine komplizierte Geschichte mit drei Erzählsträngen. Im Gerichtssaal sagt Rosa Roth gegen den Kriminellen Raskow (Hans-Michael Rehberg) aus. Es geht um den Auftragsmord an einem Enthüllungsjournalisten. Doch die Anwältin der Verteidigung, Yasemin Deinhardt (Mina Tander), macht Roth geschickt zum Ziel eines regelrechten Tribunals. Zeit der Abrechnung mit der Kommissarin: Getrieben von fixen Ideen, verfolge sie einen unbescholtenen Bürger - „wie vor zwanzig Jahren“.

          Iris Berben und Devid Striesow in „Der Schuss“

          Das ist der zweite Erzählstrang. Denn diese Folge, betitelt „Der Schuss“, nimmt Bezug auf die erste, „In Liebe und Tod“ (1994), in der auch ein Kind zu Tode kam und Roths Gefährte und Kollege (gespielt von Sebastian Koch) bei einem von Raskow veranlassten Attentat ums Leben kam. Der Kreis schließt sich. Eine hübsche Idee, die man weiterdenken kann: War alles, was Rosa Roth zwischen der ersten und der letzten Folge tat, motiviert durch den Verlust ihrer Lebensliebe?

          Wie ein verständnisvolles Lämmchen

          Der dritte Strang ist nötig, um das verbrecherische Netz zu weben: Gruber, Exalkoholiker, ehemals alleinerziehender Vater, kommt durch eine Entführung zu Geld und lockt seine Tochter aus dem Haus der Pflegeeltern. Roth und ihr Kollege Körber (Thomas Thieme) stellen Gruber in dunkler Nacht. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle schießt Roth auf das Kind.

          Unglückliche Zufälle? In Rosa Roths Wortschatz kommt das nicht vor. Verwirrt fährt sie an die See, entzieht sich ihrer Verantwortung. „Es ist den Menschen allen eins gemeinsam: fehlzugehen.“ Dieses Sophokles-Zitat, das der letzten Folge als Motto vorangestellt ist, kann man im Rückblick der ganzen Serie als Perspektive antragen. Eine Rosa Roth, wie wir sie zuletzt sehen, kann einem ganz zu Recht auf die Nerven gehen. Ein Hauch Selbstironie ist dabei. Mehr aber nicht. Ihr Kampf um ihre Integrität und ihr Selbstbild bleibt aller Ehren wert. Und vergeblich. Der Gerichtssaal wird in das Gewissen der Kommissarin gelegt. Wage es ein anderer, über sie zu urteilen denn sie selbst! Da erscheint sogar die gegen Rosa Roth ermittelnde Kollegin (Lisa Maria Potthoff) eher wie ein verständnisvolles Lämmchen. Eine Rosa Roth gibt sich selbst den Abschied, in leiser Trauer und Schuld.

          Schutzbedürftigkeit und Perfektionsdrang

          Dreißig Folgen lang hat Carlo Rola bei „Rosa Roth“ Regie geführt, für den Abschied der Figur wurde ein anderer, Hannu Salonen, engagiert. Dieser und das Drehbuch von Thorsten Wettcke verbeugen sich, ebenso wie die Mitspieler in ihren Rollen, tief vor Iris Berben, und das ist angemessen. Zwanzig Jahre sind eine halbe Ewigkeit im Fernsehgeschäft. Ihre Rosa Roth war einzigartig. Die Merkmale der Figur am Ende in Frage zu stellen zeugt von Wagemut. „Der Schuss“ stürzt Rosa Roth nicht vom Sockel. Aber ein bisschen Mörtel herauskratzen, das darf sein. Die Krimihandlung erscheint derweil arg überkonstruiert. Verächter der üblichen Gut-Böse-Dichotomie könnten sich an der offensichtlichen Verteilung der moralischen Empfindlichkeiten stören. Eine Studie in Grautönen ist „Der Schuss“ nicht. Böswillige könnten sich am maximalemotionalen Effekt stören: Wer kann Rosa Roths Gemüt verunsichern? Nur ein zauberhaftes Mädchen im Grundschulalter, das als Opfer im grellen Licht des Operationssaals liegt.

          Vermissen wird man „Rosa Roths“ Haltung ohne Zweifel. Nicht zuletzt ihr ikonographischer Mantel in gebrochenem Weiß oder hellem Cremeton bleibt in Erinnerung. Eine elegant wirkende, aber zur Verbrechensaufklärung unpraktische Hülle, die nur mit großer Selbstverständlichkeit getragen passend aussieht und makellos bleibt. Was Columbo sein Trenchcoat, war Roth dieser Mantel. Symbol der Schutzbedürftigkeit wie des Perfektionsdrangs. Er bleibt fleckenlos.

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