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Serie „Sløborn“ auf ZDFneo : Im Virusnahkampf wird gemetzelt

  • -Aktualisiert am

Emily Kusche als Evelin Kern in „Sløborn“ Bild: ZDF

ZDFneo hat eine Serie über den Ausbruch einer Seuche gedreht, die wirkt, als hätten rechte Verschwörungstheoretiker sie mitgeschrieben: In „Sløborn“ ist der Teufel los.

          3 Min.

          Am Himmel kreisen Militärhubschrauber, am Boden werden Gesunde und Kranke deportiert. Fiktive Bundeswehrsoldaten in Schutzkleidung und Atemmasken treiben Bürger mit Waffengewalt an Absperrungen vorbei, sie suchen nach versteckten Widerständlern, umgekippte Müllbehälter und verstreuter Unrat zeugen von Razzien. Die Kirche, Zufluchtsort schwerbewaffneter Rebellen, die kurz zuvor noch den Hof jugendlicher Ex-Knackis angezündet haben, ist ohne Rücksicht auf kindliche Geiseln gestürmt worden. Leichensäcke liegen in den Straßen. Mittendrin fliehen vier Kinder, ohne dass jemand Notiz nimmt. Die fünfzehnjährige Evelin (Emily Kusche) zeigt Symptome der Seuche. Blut rinnt ihr aus der Nase. Ihre drei jüngeren Brüder schultern verzweifelt Rucksäcke und Schlafmatten. Flucht ist nur über das Wasser möglich. Vielleicht ins freie Dänemark. Die Bundeswehr hat Schießbefehl. Niemand darf über das Wasser entkommen.

          Die in der achtteiligen ZDFneo-Serie entworfene Bundesregierung hat den Versuch, die Lage mit friedlichen Mitteln zu beherrschen, aufgegeben. Einen Plan gab es von Anfang an nicht, nur Kompetenzgerangel und Schuldzuweisungen. Der Bürgermeister wurde von einem unfähigen Krisenstab aus Berlin entmachtet. Nun ist Krieg – der Volksvertreter gegen die Bevölkerung von Sløborn. Und nur die junge Evelin weiß, was wirklich läuft. Berlin hat beschlossen, die Insel zu opfern, um die Ausbreitung eines neuartigen, in neun von zehn Fällen tödlichen Vogelgrippevirus, der „Taubengrippe“, zu verhindern. Das Mädchen ist aus einem Kieler Horrorkrankenhaus getürmt, wo mit ihrem Blut experimentiert wurde. Evelin konnte ihr Video der blutigen Sauereien und sterbenden Ärzte online stellen. Vermutlich kann sie nur noch ihre Brüder retten und sich selbst.

          Zerstörung mit Anlauf

          Sechs viel Geduld erfordernde Folgen lang nimmt „Sløborn“, ersonnen von Actionman und Til-Schweiger-„Tatort“-Spezi Christian Alvart langwierig Anlauf (Idee; Buch zusammen mit Erol Yesilkaya, Henner Schulte-Holtey, Siegfried Kamml, Arend Remmers; Regie zusammen mit Adolfo Kolmerer; Kamera zusammen mit Christian Huck), um das Leben auf der Nordseeinsel Sløborn zu entfalten. In Folge sieben und acht wird dann gnadenlos demoliert und der Katastrophenfilm-Hammer geschwungen. Mit Personal hält man sich nicht mehr auf. Wer nicht umkommt, verschwindet einfach aus dem Blickfeld. Kamera und Inszenierung haben offenbar Besseres zu tun, als die Fäden der Erzählung in der Hand zu halten, und widmen sich der Materialschlacht. Damit die Bundeswehr als Vernichtungskraft nicht allzu offensichtlich böse wirkt, berichtet ein Soldat kurz vor (seinem) Schluss noch schnell vom Frust des Befehlsnotstands und der Disziplinlosigkeit.

          „Sløborn“ ist Jugendserie (etwa wie „Wir sind die Welle“ bei Netflix), spult sein Katastrophenprogramm in bekannter Manier ab und schert sich wenig um sein überdimensioniertes, zum Ende in rascher Folge aufgebrauchtes Ensemble. Dass auf der Insel nichts los sei, ist Grundmuster der Exposition. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe Heranwachsender, die sich mit allem beschäftigt, was Zeit vertreibt: Mobbing, Diebstahl, Drogen, Ballerspiele, Strandpartys. Zu Hause ist immer irgendwas. Inselpolizist Mikkel (Urs Rechn) schlägt seinen Sohn Hermann (Adrian Grünwald), um ihn „zum Mann zu machen“. Evelins Eltern Helena (Annika Kuhl) und Richard (Wotan Wilke Möhring) trennen sich, das Mädchen selbst hat ein Verhältnis mit dem Vertrauenslehrer Milan (Marc Benjamin) und ist schwanger. Yvonne (Linda Stockfleth) wächst in einer Endzeitsekte auf. Fiete (Tim Bülow) und seine Freunde haben brutale Väter (auch das scheint auf Sløborn eine Epidemie zu sein). Pfarrer Arne (Arnd Klawitter) ist ein verbissener Kanzelprediger, seine Frau, Buchhändlerin Merit (Laura Tonke), hat es pünktlich zum Seuchenausbruch geschafft, den koksenden Starautor Nikolai Wagner (Alexander Scheer), pleite und mit Schreibhemmung, zur Lesung vor großem Publikum auf die Insel zu holen. Das Radio berichtet ständig von einer Taubengrippe, die in Asien und Südamerika wütet, ohne dass jemand hinhört. Als eine Geisterjacht mit zwei ausländischen Leichen strandet, plündern mehrere Jungs das Schiff. Und holen das Virus auf die Insel. Was sie auch bald wissen, weil der Skipper kurz vor seinem Tod ein entsprechendes Erklärvideo aufgenommen hat. Ex-Knacki Magnus (Roland Möller) hat gerade mit einem Resozialisierungsprojekt junger Straftäter begonnen, mit denen er ausgiebig den Sinn des Lebens bespricht. Der Mob vermutet in ihnen keine Besserungswilligen, sondern „Virenschleudern“.

          „Sløborn“ kommt mit Warnhinweis ins Programm. Die Entwicklung der Serie begann vor mehr als zwei Jahren. Gedreht wurde von September bis November 2019 auf Norderney und im polnischen Seebad Sopot. Erst in der Postproduktion (Dezember 2019 bis Ende Mai 2020) wurden das neuartige Coronavirus und dessen Begleiterscheinungen zum Thema. Man hat sich ein paar Hinweise zur aktuellen Lage nicht verkniffen („Soll ich jetzt etwa Desinfektionsmittel trinken?“), legt aber Wert darauf, dass die Serie mit Covid-19 nichts zu schaffen habe. Die hier gezeigte „Pflicht zum Widerstand“, die Bürgerwehren, der dystopische Verlauf wirken dennoch wie aus dem Katalog der Verschwörungsmythen von rechts. Was noch ins Auge fällt, ist die Bildpräsenz der Automarke mit dem Stern. Ohne Mercedes geht auf der Insel der Todgeweihten wenig. Wen es beruhigt: Bei allem Geballer auf Sløborn bleibt eins bestehen – deutsche Wertarbeit. Die Serie selbst fällt krachend in sich zusammen.

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