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„Kommissar Dupin“ im Ersten : Ritter der Tafelrunde

  • -Aktualisiert am

Er ist ganz Ohr: Pasquale Aleardi als Kommissar Georges Dupin. Bild: ARD Degeto/Wolfgang Ennenbach

Kommissar Georges Dupin mag privat wie ein Chaot erscheinen. Seine Fälle löst er mit Umsicht. Und zu den mittelalterlichen Legenden, denen die Opfer einer Mordserie anhingen, hat er ein persönliches Verhältnis.

          Für die Aufräumpartisanin Marie Kondo wäre Georges Dupin (Pasquale Aleardi) ein hoffnungsloser Fall. Im Chaos der Umzugskartons und Gegenstände mit undefinierbarer Funktion im neuen Haus mit Privatstrand, das der Kommissar aus Concarneau in „Bretonische Geheimnisse“ mit seiner Partnerin Claire (Christina Hecke) bezieht, findet sich kein Exemplar der „Magisch Aufräumen“-Ausmistfee.

          Dafür bezaubernde Artefakte ganz anderer Art. Verstaubte Bildungserlebnisse. Erinnerungen, die bei Dupin Träumereien auslösen. Von einem kleinen Jungen, der nach dem Tod des Vaters, die Mutter war in Trauer versunken, einen Urlaubssommer lang im verwunschenen Wald von Brocéliande das Excalibur-Schwert führte und Ritter der Tafelrunde spielte und der zum ersten Mal ahnte, dass Bücher so wichtig sein können wie Atmen und Geschichten Leben retten. Unter seinen Funden sind Comics mit Eselsohren, mit Titeln wie „Légendes de Lancelot“ oder „Le Trésor de Camelot“.

          Dupin führen sie auf einen Sonntagsausflug, eine Landpartie, die ihm statt Nostalgie zwei männliche Leichen bescheren wird. Die beiden gehörten zu einem Club von Heimatforschern, erklärten Fans des Artussagenkreises, die ihre Freizeit noch als Erwachsene mit Nachspielen der Legenden im Wald von Brocéliande verbringen.

          Er hat es nicht nur mit einem Verbrechen zu tun: Kommissar Dupin (Pasquale Aleardi, Mitte) in der Gerichtsmedizin.

          Fabien Cadiou (Matthias Schendel), der erste Tote, war im Rathaus für den Fremdenverkehr und die pekuniäre Bewirtschaftung der Historie zuständig. Der Postbote Paul Picard (Peter Sikorski), ein strengreligiöser Mann, scheint für den Mord an Cadiou verantwortlich zu sein, liegt nun aber selbst erschossen am Seeufer. Vieles stimmt hier nicht, ist arrangiert, mutmaßt der heldenintrigenerfahrene Kommissar. Zumal Bastien Terrier (Harald Schrott), der den zweiten Toten gefunden hat und als Arzt zu den Honoratioren des Ortes gehört, selbst dubios wirkt.

          Verheiratet mit Picards Ex-Frau Adeline (Lisa Bitter), kontrolliert er sie krankhaft eifersüchtig. Cadious Witwe Blanche (Oona von Maydell), die örtliche Bäckerin, betreibt bald eigene Nachforschungen. Zusammen mit dem Wirt Guivorch (Ulrich Bähnk), findet sie heraus, hatten die Toten versucht, den Großinvestor Marc Denvel (Kai Ivo Baulitz) von der Waldrodung und dem Aufbau eines König-Artus-Vergnügungsparks abzuhalten. Vor einiger Zeit war Cadiou nach Wales gefahren, auf eine Art Schatzsuche. Wenn er den Heiligen Gral wirklich gefunden hatte, dann ist er jetzt jedenfalls wieder verschwunden, schlussfolgert der besonnene Dupin und setzt Mitarbeiterin Nolwenn (Annika Blendl) bei der Online-Recherche und den eigenwilligen Charakter Kadeg (Jan Georg Schütte) als Vorort-Detektiv ein. Während der Gerichtsmediziner (Roland Wolf) Sartre zitiert („Die Hölle, das sind die anderen“), setzt Dupin mehr auf angewandtes Mittelalter-Bildungsgut und hat damit schließlich den Schlüssel des Falls, der noch ein drittes Todesopfer zeitigt, in der Hand.

          Die Verfilmung des siebten Falls der Bretagne-Bestseller von Jean-Luc Bannalec mag keine große Kriminalfilmkunst sein, ist aber solide und routiniert als klassische Miträtselangelegenheit gebaut. Das Drehbuch von Eckhard Vollmar und die Inszenierung von Bruno Grass setzen, bei überschaubarer Spannung, auf Polizeifilmnostalgie in touristischem Wohlfühlambiente, in dem auch das Böse einen gewissen Platz behaupten darf (Kamera Hendrik A. Kley).

          Der Reiz liegt für Liebhaber dieses Genres im Mitpuzzeln und bei den sympathischen Figuren. Pasquale Aleardis Kommissar Dupin wirkt dabei wie ein jüngerer Bruder des gescheiten, umsichtigen Maigret. Für die Prise Humor sorgt sein „Sidekick“ Jan Georg Schütte. Das ergibt passable Unterhaltung. Und in Zeiten, in denen Kultursendungen im Fernsehen nur noch als Nische in der Nische und Quotengift behandelt werden, darf man fast dankbar sein, wenn Lesen als biographisches Erweckungserlebnis einmal auf diesem Weg plausibel vermittelt wird.

          Kommissar Dupont – Bretonische Geheimnisse, heute, Donnerstag 11. April, um 20.15 Uhr in der ARD.

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