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Fernsehserien : Wo ist da der besondere Dreh?

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Eine wie die andere: In der schwedischen Produktion „Real Humans“ geht es um nichts anderes als Serienfertigung. Bild: © Johan Paulin

Neue „Twists“ und „Turns“ sollen her: Auf dem Serien-Gipfel in Köln reden Fernsehmacher über die Zukunft und landen doch bei der alten Frage. Warum sind deutsche Produktionen so schlecht?

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          Auf den Hund gekommen ist die deutschsprachige Serie ja schon vor mehr als zwanzig Jahren. Beim diesjährigen Kölner „Serien-Summit“, zu dessen Ausrichtern neben der Beratungsagentur HMR International und den MMC Studios erstmals auch die Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen gehört, kommt „Kommissar Rex“ noch einmal zum Einsatz, allerdings als haariges Negativbeispiel. Francesco Capurro, der beim wichtigen Pariser Festival „Séries Mania“ die Koproduktionen betreut, stellte den Schnüffel-Ermittler des ORF dem alles überrollenden Fantasy-Epos „Game of Thrones“ gegenüber, um die beiden Pole der Serienproduktion zu markieren: prozeduraler Klamauk versus komplexes Erzählen in Kinooptik. Mit Ersterem, wird seit Jahren gepredigt, lasse sich kein Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

          Hellhörig aber machen Capurros weitere Ausführungen. Sie legen nahe, dass das gängige Narrativ - die Fernsehserie als der Roman respektive das Kino unserer Tage - zwar nicht falsch sei, dass Qualitätsserien aber am eigenen Erfolg zu ersticken drohten. Viele hochwertige Produktionen werden heute von international ausgerichteten Studios und den immer wichtiger gewordenen Distributionsfirmen in alle Welt verkauft. Das Publikum scheint sich an ihnen teilweise sattgesehen zu haben. Verstärkt habe diesen Effekt eine auf die größtmögliche Vermarktbarkeit schielende „Standardisierung der Inhalte“, womit vor allem ästhetische Uniformität einhergehe.

          Iren spielen Osteraufstand nach

          Das stets hervorgehobene lokale Element erfolgreicher Serien scheint sich auf Themen und Schauplätze zu beschränken: Die Iren spielen den Osteraufstand nach („Rebellion“, RTÉ), die Engländer die frühe Nachkriegszeit in London („Close to the Enemy“, BBC Two) und die Franzosen die Marotten des Sonnenkönigs („Versailles“, Canal+), aber das dramaturgische Rezept ist dasselbe. In anderen Gattungen ähneln sich die Produktionen noch stärker.

          Serien-Entwickler stellen sich offenbar inzwischen auf diese Situation ein. Viele der aktuellen Projekte kombinieren Genres auf unerwartete Weise oder versehen klassische Plots mit einem besonderen Dreh, der sich stark verselbständigen kann. In der Detektivserie war einige Zeit das Mystische angesagt. „True Detective“ ist dafür das beste Beispiel, und auch die bald in Deutschland ausgestrahlte schwedische Dramaserie „Jordskott“ fällt in diese Kategorie. Gegenwärtig scheint der Trend allerdings zur Anreicherung von Krimi- und Thrillerplots mit sozialen oder politischen Nebenhandlungen zu gehen. In der auch ästhetisch eigenwilligen, noch nicht nach Deutschland verkauften BBC-Serie „London Spy“ etwa sind eine gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte und die Auseinandersetzung mit Schwulenfeindlichkeit in der Gesellschaft mindestens ebenso wichtig wie das Thriller-Geschehen. Guy Heeley von Shoebox TV, der Produzent der Serie, erzählt, wie dieser sozialkritische Überbau dafür sorgte, dass die Förderung der Serie in null Komma nichts stand. Probleme habe es eher bereitet, den Hauptdarsteller Ben Whishaw, den Kinogänger als MI6-Tüftler Q kennen, mit den „James Bond“-Produzenten zu teilen.

          Blockbuster des Bezahlfernsehens: Joe Naufahu und Emilia Clarke in „Game of Thrones“.

          Die Serie „The Last Panthers“ dagegen, ein Gemeinschaftswerk von Sky Atlantik und Canal+, sollte von Beginn an ebenso sehr eine Reflexion über den Zustand Europas sein wie ein Bankraub-Drama, berichtet der Produzent Peter Carlton von Warp Films. Deshalb habe man besonderen Wert auf Schauplätze in zahlreichen europäischen Ländern gelegt und auf Schauspieler, die verschiedene Sprachen sprechen. Insbesondere die Untertitel hätten dem Zuspruch dann aber sehr geschadet - auch eine Erkenntnis zum Zustand Europas.

          Parabel über Umgang mit Minderheiten

          Im Science-Fiction-Genre gilt die Tendenz zum sozialpolitischen „Special Twist“ ebenso. Das schwedische Roboter-Märchen „Real Humans“ ist im Grunde eine Parabel über Segregation und den Umgang einer Mehrheitsgesellschaft mit Minderheiten. Ähnlich sieht es in der kürzlich auf Arte ausgestrahlten Serie „Stadt ohne Namen“ aus. Sie zeigt eine Zukunft, in der Arbeitslose von einer kleinen Schicht wohlhabender „Aktiver“ durch eine Mauer getrennt werden. Das Zeitreise-Abenteuer „The Refugees“ der BBC interessiert sich dagegen mehr für Flüchtlingsexistenzen als für das Spiel mit der Logik.

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