https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/serien/kings-of-stonks-bei-netflix-so-irre-daran-glauben-einfach-alle-18151275.html

Serie „King of Stonks“ : Das ist so irre, daran glauben einfach alle

  • -Aktualisiert am

Matthias Brandt (Dritter von rechts) in „King of Stonks“ Bild: Niren Mahajan

Die Satireserie „King of Stonks“ verwurstet den Jahrhundertskandal der Firma Wirecard auf geniale Weise. Matthias Brandt glänzt als dummdreistgefährlicher Finanzbetrüger.

          3 Min.

          Preisfrage: Was haben Galileo Galilei, Christoph Columbus, Thomas Edison, Elon Musk und Magnus A. Cramer gemeinsam? Antwort: Viele halten sie für verrückt. Weil sie Visionäre sind und sich neue Weltzugänge ausdachten. Bis auf Cramer entdeckten sie auch dies und das. Was aber zählt, ist das „Storytelling“. Der uralte Witz, Leuten einzureden, es gebe mehr auf dieser Welt, als sie sich vorstellen können und das sie etwas von jetzt an unbedingt haben müssen. Weil sie dann Teil von „etwas Großem“ sind. Weil es sonst der Nachbar bekommt. Das läuft, solange alle daran glauben. So funktioniert ja auch die Börse.

          „You deserve more“, schreit Dr. Magnus A. Cramer (vollkommen enthemmt und authentisch: Matthias Brandt) in den Raum. Manchmal trommelt er sich vor den Mitarbeitern an die Brust wie die Primaten, die in Einspielszenen das große Welttheater des Kämpfens und Kopulierens aufführen.

          Kreativer Abzocke-Wahn ist gefragt in Cramers Firma für digitale Bezahlsysteme. Man hält sich externe Berater alias Wirtschaftsprüfer alias willige Bilanzabnicker für den Papierkram. Außerdem wollen die ohnehin gern zur „Familie“ gehören. „Niemand braucht Abi, sofern man nicht jeden Morgen ein Gedicht analysieren will“, findet Felix Armand (grandios fiebrig: Thomas Schubert), Cramers rechte Hand, sein Businesspartner seit zehn Jahren und Mastermind hinter dem Erfolg des Finanzdienstleisters „Cable Cash“. Euphorie lautet das Schlüsselwort. Im Erzeugen von Euphorie sind Armand und Cramer, der Mann mit der blendend weißen Kauleiste, einsame Spitze. Die Zähne sind Teil der Show. Gewinner haben solche unwahrscheinliche Künstlichkeit im Mund. Richard Branson, Jeff Bezos – Bernie Madoff nicht. Eben.

          Umlagert: Thomas Schubert spielt den COO Felix Armand.
          Umlagert: Thomas Schubert spielt den COO Felix Armand. : Bild: Netflix

          „King of Stonks“, die genial überdrehte Netflix-Serie der „How to Sell Drugs Online (Fast)“-Entwickler Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann von der Produktionsfirma „Bildundtonfabrik“, lehnt sich an die Geschichte vom Aufstieg des Digitalbezahl-Blenders Wirecard an, die einmal als das größte Versprechen des sogenannten Digitalstandorts Deutschland galt. Eine Börsenrakete, ein Milliarden-Betrugsfall. Ein abgestürztes Unternehmen, dessen Vorstände verschwunden sind (man munkelt: mit Geheimdiensthilfe) oder im Gefängnis auf das nächste Kapitel ihrer Biographie warten. Und das die Politik mutmaßlich einst für so wertvoll hielt, dass es trotz früher Alarmzeichen nicht nur als „to big to fail“ galt, sondern als zu visionär, um für eine Pleite zu taugen.

          Auf das Storytelling kommt es an

          Der Plan der Übernahme der Deutschen Bank ging trotzdem schief, der Kurs des Börsenlieblings stürzte ins Bodenlose, nachdem Whistleblower und die Finanzpresse aufgedeckt hatten, dass mehrere Milliarden auf asiatischen Konten nicht existierten und angeblich große Firmenübernahmen bestenfalls der Ankauf kleiner Klitschen zu überhöhten Preisen waren. Es ist eine Gemengelage aus Geschichten, die sich im Wirecard-Skandal findet. Politik, Justiz, Finanzfirmenkultur, Beratungsgeschäft, Old und New Economy, Gier und Habsucht spielen hinein. Doku-Rekonstruktionen und Spielfilme gab es schon einige. RTL versuchte sich an einem fiktiven Doppelporträt der beiden zentralen Manager von Wirecard, die Sky-Dokumentation „Die Milliarden-Lüge“ stellte Systemisches und die bemerkenswerte Erzählung des wichtigsten Whistleblowers in den Mittelpunkt.

          Auf das „Storytelling“, auf die Inszenierung kommt es beim Wirecard-Skandal tatsächlich an. In dieser Serien-Satire, die zum großen Teil in Düsseldorf spielt, gehen einem mehr als einmal die Augen über vor so viel Blindheit, Dummheit, Eigennutz und krimineller Energie in bunten Schneller-Vorlauf-Bildern. Visuell wird der Größenwahn der Akteure inszeniert, bis einem vor lauter Chuzpe, glücklichen Zufällen und (Insider-)Witzen schwindlig wird. Das Fatale am Geschichtenerzählen ist, wie auch „King of Stonks“-Cramer weiß: Storys schaffen Sinnzusammenhänge, die wahr sein können oder blenden und manipulieren.

          Geltungssüchtige treffen auf Leichtgläubige

          Der Entwurf bei den großen Betrugsfällen der letzten zwanzig Jahre, von Enron über MCIWorldcom, Lehman Brothers und selbst Martha Stewart Inc., ist immer derselbe: Geltungssüchtige treffen auf Leichtgläubige. Gier frisst Hirn. Man sieht Manager (seltener Managerinnen), die wie Affen im feinsten Zwirn agieren, so zeigt es zumindest „King of Stonks“ in aller Drastik.

          Das im positiven Sinn Perfide an dieser Serie, die Jan Bonny mit Facunda Scalerandi und Isabell Suba als Sadomaso-Geschehen mit marktwirtschaftlichen Instrumenten und als veritable Karnevalsorgie inszeniert, ist die Figur des Chief Operating Officers Felix Armand. Man will ihn nicht mögen. Schubert spielt ihn als mal entfesseltes, mal reflektiertes, jedenfalls hochbegabtes Mastermind, das selbst bedrohliche Leerverkäufer (Shortseller) wie Sheila (tolle Kombattantin: Larissa Sirah Herden) und den Journalisten Tom (Andreas Döhler) nach allen Börsenregeln der Kunst austrickst. Brandts Cramer dagegen ist im Grunde dumm wie Brot, aber inselbegabt narzisstisch. Wenn er im Karnevalsprinzenkostüm (wer hat die längsten Federn an der Kappe?) nach der Show im Garten seines Anwesens herumirrt, sieht er zwar jämmerlich aus, aber immer noch hochgefährlich. Die Digitalministerin (Eva Löbau), die nichts von der Materie versteht, weiß, dass sie „Cable Cash“ braucht, um ihre Amtszeit zum Erfolg zu machen, und wenn es dazu Geisterbeschwörer braucht wie die schießwütige Ex-Telekom-Mitarbeiterin Sascha (Altine Emini), nun Felix’ persönliche Assistentin.

          Auf dem Filmfest München wurde „King of Stonks“ gerade mit dem Bernd-Burge­meister-Preis ausgezeichnet. Besser hat man Satire selten gesehen. Der Figur des Dr. Felix A. Cramer ist ein Platz in der Hall of Fame der Skrupellosen mit Familienwerten sicher, in Sichtweite von Tony Soprano und Bernie Ebbers. Obwohl er wohl viel lieber neben Elon Musk stehen würde. Erzählerisch ist noch Raum für eine zweite Staffel.

          King of Stonks läuft von heute an bei Netflix.

          Weitere Themen

          Lauter bunte Musik

          Lucerne Festival : Lauter bunte Musik

          Das Lucerne Festival setzt auf „Diversity“: Afrobrasilianische Klänge treffen auf Robert Schumann, People of Color klagen ihre Rechte ein – aber bei Rachmaninow schwimmen alle im Glück.

          Topmeldungen

          Das Terminal für Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Barcelona

          Unmut über Kreuzfahrtschiffe : Barcelona hat genug

          Viele Einheimische in Barcelona empfinden die Touristenflut als Plage. Die Forderung nach einer Obergrenze für Urlauber wird lauter. Der Unmut richtet sich vor allem gegen die Kreuzfahrtschiffe.
          Kein Idyll: Abgestorbene Fichten auf dem Wurmberg bei Braunlage, dem höchsten Berg Niedersachsens

          Millionenschäden : Hoher Holzpreis lockt Diebe an

          Erst Dürre und dann auch noch Diebe – wegen steigender Preise wird immer mehr Holz gestohlen. Den deutschen Waldbesitzern entstehen dadurch Schäden in Millionenhöhe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.