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Kika-Serie „Mysterium“ : „Normales“ Fernsehen ist das nicht gerade

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In der Spiegelwelt: Lea Drinda (vorn) und Johan Korte Bild: BR/TV60Filmproduktion GmbH/R...

In der Fantasy-Serie „Mysterium“ geraten Jugendliche in eine Parallelwelt, finden sie wieder zurück? Die Serie ist so hochwertig produziert, dass man denkt: Das sollte es von der ARD nicht nur im Kika geben.

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          Sogar in eine Krachlederne lässt sich Yussuf (Shadi Eck) stecken. Ihm scheint alles gleich. Hauptsache, er verdient genug Geld, damit er seiner Familie in Afghanistan helfen kann. Sie soll auch dorthin kommen, wohin er es nach langen Schienenwanderungen durch Bulgarien und dem illegalen Gebrauch eines Güterzugs schon geschafft hat. Nach Deutschland. Dort ist er mit drei Freunden gefangen in einem alten Haus an einer Straße, die in einen Ort führt, wo schon vor dreißig Jahren die besten Zeiten vorbei waren.

          „Wie im nachmittäglichen Sozialporno“, beschreibt Regisseur Niklas Weise das Setting für „Mysterium“, ein bemerkenswertes Stück Fernsehen, das der Bayerische Rundfunk am Samstag ab 13.30 Uhr im Kinderkanal KiKa versendet. In acht Folgen à zwölf Minuten erzählt Produzent und Grimme-Preisträger Marcus Roth das totale Nichts so unterhaltsam und vielschichtig, dass man unwillkürlich Vergleiche mit der Nouvelle Vague anstellt. Auch dort wurde ein Lebensgefühl spontan, ungeschminkt und oft improvisiert von Darstellern transportiert, die mit Frische und Selbstbewusstsein bestachen. Jean Seberg und Jean Paul Belmondo prägten mit ihrem Spiel und Stil eine ganze Generation. Mit Jean Seberg wird allein schon wegen ihres markanten Kopfes auch die Schauspielerin Lea Drinda verglichen. Ob ihr zusammen mit Safinaz Sattar, Shadi Eck und Johan Korte auch der Durchbruch gelingt, hängt heute aber eher von der Vernetzung auf Instagram oder TikTok ab.

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          Und damit ist schon das Thema gesetzt, das sich wie ein roter Faden durch „Mysterium“ zieht. Denn die vier Jugendlichen, die durch einen magischen Spiegel in einer Bruchbudenvilla vor den Toren Berlins festsitzen, rennen in einer weiteren, abziehbildhaften Variante vor dem Haus durchs Leben. „Durch diese Spiegelwelt in der Serie, wo alle zu Zombies werden, ist mir sehr bewusst geworden, dass ich oft nur am Handy bin, zum Beispiel über die Straße gehe und nichts von mir wahrnehme. Das fand ich ein wenig gruselig, wenn alle Sinne ins Handy vertieft sind“, lässt sich Shadi Eck, 20, zitieren. Er spielte vor einem Jahr im Dortmunder „Tatort: Heile Welt“. Eck verweist auf seinen „arabischen Migrationshintergrund“ – seine Mutter kommt aus Syrien –, der ihm ermögliche, sich in die Situation seiner Figur hineinzuversetzen. Er macht das so unmittelbar erfahrbar, dass in manchen Augenblicken die Ausgangslage in Vergessenheit gerät. Seinen Ansatz schildert Produzent Marcus Roth so: „Die Figuren sind gefangen und können nicht zurück. Das ist der Motor der Geschichte. Vielleicht auch eine Chiffre für die virtuelle Welt“, sagt Roth und dass es auch eine Geschichte über sich verändernde Beziehungen sei.

          Er habe die Idee im April 2020 mitten im Lockdown auf das Whiteboard im leeren Büro geschrieben. Wer die Serie gesehen hat, erschrickt über Roths nächsten Satz. Es sei ihm wichtig gewesen, die Realität abzubilden. „So sieht unser Land aus und die Menschen, die hier leben.“ Regisseur Niklas Weise ist sich sicher „dass die Serie in den Mediatheken gebinged wird, weil sie spannend ist“. Die heimliche Entdeckung von „Mysterium“ sieht das ähnlich: „Ich denke, ich hätte die Serie als Kind sehr gefeiert. Ich hätte das gerne geguckt“, sagt Safinaz Sattar, 21, die schon in Maria Schraders preisgekrönter Netflix-Serie „Unorthodox“ mitwirkte. Zu ziemlich frühem Ruhm hat es auch Lea Drinda gebracht, die in der Amazon-Neuverfilmung „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ reüssierte. Drinda spielt ex­trem zurückhaltend und macht auch keinen Hehl daraus, dass ihre Verhaltensweisen oft mit Autismus in Zusammenhang gebracht werden. Selbstbewusst äußert sie: „Ich will mir diese Form des Andersseins auch unbedingt bewahren. Es wäre doch trist, wenn man nicht einen kleinen Schaden hätte. Oder?“ Ihr Fazit: „Der Dreh bestand aus lauter jungen Seelen in Körpern unterschiedlichen Alters.“

          Das wird Charlotte Schwab, den Zuschauern bekannt aus der ZDF-Reihe „Das Duo“ (ebenfalls von Marcus Roth produziert) und von den Münchnern im Residenztheater gefeiert, gerne hören. Für sie war der Dreh am Rande Berlins eine neue Erfahrung: „Kein normales Fernsehen“, lautet ihr lakonisches Fazit. Warum? „Ich mochte die unkonventionelle Arbeitsweise. Da wurden Szenen durchgedreht, es gab keine Lichtwechsel, kein Warten beim Film. Das habe ich überhaupt noch nie erlebt. Es war klasse.“ Selbst dass man „sehr textfrei“ gewesen sei, hat Charlotte Schwab nicht gestört. Im Gegenteil: „Automatismen fielen völlig weg. Ein befreiendes und herrliches Gefühl. Ich kann das gar nicht genug preisen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.“ Tatsächlich sollen dem Vernehmen nach Ende November die Dreharbeiten zur zweiten Staffel beginnen. Doch dann gießt Schwab doch noch etwas Wasser in den Wein: „Nur beim Kostüm würde ich diesmal mitreden wollen.“ Dabei hatte ein Modemacher eigens eigene Klamotten für die „Mysterium“-Actors entworfen.

          Mysterium, an diesem Samstag um 13.30 Uhr im KiKa

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