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„Keeping Faith“ auf Fox : Wer, was und wo ist mein Ehemann?

  • -Aktualisiert am

Ganz allein: Faith Howells (Eve Myles) muss alles zusammenhalten, während ihre Familie auseinanderzubrechen droht. Bild: FOX

Ein walisisches „Broadchurch“: Fox zeigt eine der fesselndsten Thriller-Serien des Jahres. Eine überragende Heldin muss den Zerfall einer Idylle ertragen und um die Familie kämpfen.

          Die britische Politik macht sich gerade weltweit zur Lachnummer, aber die Qualität der Fernseherzählungen von der Insel ist ungebrochen. Besonders gut beherrscht man das Spezial-Genre „Missing Person Drama“. Die grandiose BBC-Serie „The Missing“ handelt von entführten Kindern; in der Hochglanzproduktion „The Widow“ (ITV/Amazon) nimmt es eine Powerfrau im Namen ihres fälschlich für tot erklärten Gatten mit korrupten Mächten in Afrika auf, und in der bevorstehenden ITV-Serie „A Confession“ sucht Martin Freeman als Kommissar nach einer verschwundenen jungen Frau. Nun also geht ein Ehemann verloren, der eben noch rührend den Kindern vorgelesen hat.

          Dass die simultan in zwei Sprachen gefilmte walisische Thriller-Serie „Keeping Faith“ (S4C/BBC) beim britischen Publikum dermaßen eingeschlagen ist – erfolgreichste Produktion auf BBC Wales seit 25 Jahren; Rekord-Downloads; erstklassige Quoten bei BBC One –, hat natürlich viel mit der außergewöhnlich stimmigen Inszenierung (Regie Pip Broughton, Andy Newbery) und der wuchtig-realistischen schauspielerischen Leistung zu tun, nicht zuletzt aber auch damit, dass hier ein exzellent durchdachtes „Missing Person Drama“ mit einer zweiten insularen Genre-Spezialität kurzgeschlossen wurde: dem minutiösen Kleinstadt-Beziehungsdrama.

          So fesselnd wie in der von Matthew Hall geschriebenen Serie wurden diese beiden Elemente, das Porträt einer von Geheimnissen und Verwandtschaften geprägten Community und eine leise-bedrohliche Thrillerhandlung, zuletzt wohl in der ersten, besten Staffel von „Broadchurch“ zusammengebracht. „Keeping Faith“ beweist, dass sich mit Ideenreichtum und regionaler Verortung auch internationale Großproduktionen wie „The Widow“ spielend abhängen lassen. Im vergangenen Oktober wurde bereits verkündet, dass es eine zweite Staffel des Überraschungshits geben wird.

          Als Waliserin lässt sie sich nicht aus der Fassung bringen

          Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Anwältin und Mutter Faith Howells, zum Anfassen glaubhaft gespielt von Eve Myles („Torchwood“, „Broadchurch“, „A Very English Scandal“): Mittelpunkt ist dabei wörtlich gemeint, denn es scheint, als drehe sich – im Bild immer wieder von oben gezeigt – das gesamte Handlungs- und Beziehungskarussell um diese starke, widerspenstige Frau, den einzigen Anker in einem sich ständig verändernden Bild.

          Eines Morgens fährt der Jurist Evan Howells (Bradley Freegard; auch im wahren Leben mit Myles verheiratet) zur Arbeit – und kommt nie an. Faith, selbst Anwältin, aber eigentlich im Mutterschaftsurlaub, muss in der gemeinsam mit ihrem Mann und einer Mitarbeiterin (Hannah Daniel) geführten Kanzlei aushelfen und zugleich die drei Kinder handhaben. Als patente Waliserin lässt sie sich davon erst einmal nicht aus der Fassung bringen. Nach einem Tag ohne Lebenszeichen nimmt ihre Unruhe allerdings zu. Evans Eltern Tom (Aneirin Hughes) und Marion (Rhian Morgan) gehen Faith zur Hand, was die Probleme jedoch eher vergrößert, denn Evans besorgter Vater händigt der Polizei – dort wiederum arbeitet Evans Schwager (Matthew Gravelle), aber auch die verbissene Kommissarin DI (Detective Inspector) Williams (Eiry Thomas), die es ohnehin auf Faith abgesehen hat – die kürzlich aufgestockte Lebensversicherung des Verschwundenen aus.

          Während immer mehr Geheimnisse und Traumata aus Evans (Doppel-)Leben ans Licht kommen, während die Sorge nach und nach der Verzweiflung weicht, zumal sich eine Verbindung zur örtlichen Kriminellen-Dynastie Glynn auftut, wird daraufhin ausgerechnet Faith selbst verdächtigt, an Evans Verschwinden Anteil zu haben. Schon aus Selbstschutz nimmt sie es zusätzlich mit den Glynns auf.

          Episode um Episode wird die Situation verfahrener und brenzliger, weil niemand der- oder diejenige zu sein scheint, für die sie von der bis dahin so lebenslustigen Heldin gehalten worden waren. Diese Dimension der Desidyllisierung ist nicht ganz neu, aber selten wird sie so mühelos durchbuchstabiert: Alles in dieser Serie dreht sich um Ethos versus Verführbarkeit, Offenheit versus Verschwiegenheit, innere Stärke versus Schwäche. Und doch ist die Verbundenheit der Figuren miteinander mehr als Fassade, es ist durchaus Heimat – aber im windumtosten, rotbackig walisischen Sinn.

          Erschüttert in ihrem sozialen Vertrauen, aber nicht gewillt, aufzugeben, findet Faith alte und neue Alliierte, wobei sie sich am meisten auf zwei ihr zu Dank verpflichtete Outlaws (Mark Lewis Jones; Alex Harries) verlassen kann. Von einem leicht rührseligen Nebenstrang abgesehen – die Ereignisse rund um den Klingelbeutelraub eines sympathischen alten Herrn geben der Protagonistin Gelegenheit, ihre empathische Gutherzigkeit zu zeigen –, hält „Keeping Faith“ über die gesamte Strecke die Spannung und Glaubwürdigkeit aufrecht. Dass auch Wales in ehrlicher, rauher Schönheit erstrahlt, nicht im Postkartenglanz, versteht sich von selbst.

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