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„Jessica Jones“ auf Netflix : Schimanski ist jetzt Schneewittchen

So sehen Privatdetektive alter Schule heute aus: Krysten Ritter als Jessica Jones Bild: Netflix

Schläge, Macke, Lederjacke: In der zweiten Staffel von „Jessica Jones“ übertrifft die Titelheldin sich selbst.

          In der fünften Folge der aktuellen Staffel ihrer Netflix-Serie ist die verkrachteste Heldin der gegenwärtigen Abenteuer-Unterhaltung mal wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Diesmal hat man sie für ihr Schimanskibenehmen (mit Händen und Füßen, aber ohne Besinnung Gutes tun, bis der Arzt kommt) festgesetzt, damit sie im Arrest ein paar Lebensentscheidungen überdenkt (Alkoholismus, Partnerwahl, Leute durch Glasscheiben schmeißen ). Da sitzt sie nun und könnte sich im Grunde jederzeit selbst befreien, durch Mord, Totschlag oder Sachbeschädigung nach dem Maßstab ihrer Wut und übermenschlichen Körperkraft. Stattdessen sagt sie in einem Tonfall, für den es nur paradoxe Namen gibt (etwa herrische Verzweiflung oder kraftvolle Hilflosigkeit) zu ihrer Anwältin: „Fix this.“ Bring das in Ordnung.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Anwältin wird von Carrie-Anne Moss gespielt, die in dieser Serie und deren Ableger „The Defenders“ zur Freude ihrer zahlreichen alten und neuen Fans beweisen darf, dass sie nicht erst in enganliegendem, pechschwarzem Latex durch computeranimierten Regen hüpfen, Kugeln spucken und ihnen ausweichen muss wie in den „Matrix“-Filmen, um mit jedem Blick, jeder Äußerung (und der einen oder anderen riskanten lesbischen Prostituiertenorgie unter Drogeneinfluss) das Wort „cool“ zu buchstabieren. Als Anwältin Jeri Hogarth schnauzt sie ihre Klientin Jessica Jones alias Krysten Ritter an, die solle ihr gefälligst nicht frech kommen, denn der Begriff vom Recht, dem diese Juristin folgt, heißt: Was ich mir erlaube, zeigt anderen ihre Grenzen.

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          Dabei kennt Jessica Jones diese Grenzen bei sich selbst ganz genau. Sie will, dass die Anwältin ihre Not geradebiegt, obwohl normalerweise sie diejenige ist, von der andere fordern oder erbetteln: „Fix this.“ Krysten Ritters Gesicht verbittet sich solche Hilferufe in der zweiten „Jessica Jones“-Staffel noch beleidigter und gereizter, also noch schöner (was für ein Schneewittchengesicht!) und wahrer als in der ersten und bei den „Defenders“. In der Premierenfolge von Runde zwei verlangt eine Kundin der Privatdetektei, mit der sich Jessica über Wasser hält, von der starken Frau, sie solle einen untreuen Kerl ermorden, da sie doch „a vigilante superhero“ sei, also Selbstjustizfacharbeiterin und Übermensch. Jessica erwidert: Wäre ich „vigilante“, würde ich dich für diesen Vorschlag abmurksen, wäre ich eine Superheldin, würde ich dich wegen Anstiftung zum Mord den Behörden übergeben; zu deinem Glück bin ich beides nicht.

          Was ist sie dann? Bewaffnet mit Maximen, die sich von den Jammergeschichten der Behämmerten nicht erweichen lassen, die ihre Hilfe suchen. Ihrem Nachbarn Malcolm, den Eka Darville abermals als leicht verpeiltes externes Herz der Heldin spielt, teilt sie mit, dass der Verhaltensalgorithmus, der ihr Berufsleben regiert, für Empathie und solche Sachen keinen Raum lässt, ihr dafür aber erlaubt, ihre ärgerliche Macke zu beherrschen, unbedingt gegen Fieslinge kämpfen zu müssen: „Take the case, take the clues, take the cash“ – der Fall, die Hinweise und das Bargeld zählen, sonst nix. Man denkt an Eliza Dushku, deren Figurenzeichnung und Kostümstil als Faith in „Buffy, the Vampire Slayer“ eine Vorwegnahme des „Jessica Jones“-Charakterdesigns war und deren Losung hieß: „Want. Take. Have.“

          Anders als die schwererziehbare Vampirjägerin mit Hang zu Eigentumsdelikten ist Jessica Jones jedoch nicht im Sozialförmchen „Ausreißerin“ gebacken worden, sondern revitalisiert eine heroische Imago, die ursprünglich Männersache war und in ihrer klassischen Film- und Fernsehform von Leuten wie Humphrey Bogart, Robert Mitchum oder Peter Falk dargestellt wurde. Sie verkörpert das gekränkte Gewissen der Gesellschaft, das, geschützt nur vom Schmuddelmantel (bei Jessica ist daraus eine speckig schwarze Motorradjacke geworden), permanent vom Unrecht begossen wird, aber seinen einsamen Weg Richtung Mikrogerechtigkeit geht, über Leichen.

          Alle anderen Menschen sind schwach oder korrupt, die Wahrheit interessiert nur den Helden. Jetzt: die Heldin. Der Witz dabei ist, dass diese Wahrheit bei Jessica eben nicht nur „Fälle“ und „Beweise“ umfasst, sondern zentral von mittel- und langfristigen Folgen verkehrter menschlicher Beziehungen für Leib und Seele handelt, die im überkommenen Krimikontext allenfalls Beigaben waren. Früher thematisierten Männerserien Gewalt, Frauenserien Gefühle. Jessica Jones zeigt beide als Randbedingungen füreinander. Das wird in Staffel zwei noch klarer und besser präsentiert als in der ersten Staffel und ist unter anderem feministisch – allerdings vor allem in dem Sinn, in dem eine Hubschrauberpilotin feministisch ist, die interessante Probleme gleichgültigen Geschlechts aus einem brennenden Erzählschema evakuiert.

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