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Amazon-Prime-Serie „Counterpart“ : Der Mann, der zweimal lebt

  • -Aktualisiert am

Berlin, am Bahnhof: J.K. Simmons in „Counterpart“ Bild: Amazon

Erst kamen keine Hauptrollen, jetzt hat er zwei in einer Spionage-Serie: J.K. Simmons spiegelt sich in „Counterpart“ selbst – als eiskalter Killer und bescheidener Befehlsempfänger.

          3 Min.

          Es gibt diese Schauspieler, die jeder kennt und doch nicht beim Namen nennen kann. Sie spielen prägnante Nebenrollen, bestechen durch eine markante Stimme oder eine besondere Erscheinung, aber irgendwie schaffen sie es nie ins Zentrum des Rampenlichts. J.K. Simmons ist einer von ihnen. Seit Jahrzehnten veredelt er mit seinem sonoren Bass und seinem robusten Charme Filme und Fernsehserien. Als liebenswerter Vater eines schwangeren Teenagers war er in „Juno“ zu sehen, als bellender Chefredakteur des „Daily Bugle“ in der „Spider-Man“-Trilogie, als stoischer Polizei-Psychiater in „Law and Order“, als gnadenloser Lehrer in „Whiplash“. Hierfür erhielt er 2015 einen Oscar als bester Nebendarsteller.

          Aber erst jetzt kommt er in einer Hauptrolle zu dem Ruhm, der ihm seit langem zusteht. In der Serie „Counterpart“ spielt er zwei Ausgaben eines Mannes, deren Paralleluniversen sich dank einer Notsituation der internationalen Spionagewelt plötzlich überschneiden.

          Schauplatz der Serie ist Berlin, wo Howard Silk (Simmons) als kleiner Beamter bei den Vereinten Nationen tätig ist. Silk ist ein freundlicher Kerl ohne große Ambitionen, der mit rührender Hingabe seine Frau Emily (Olivia Williams) pflegt, die nach einem Autounfall im Krankenhaus im Koma liegt. Bei jedem Besuch stellt er eine Blume aus dem Strauß für seine Frau an der Schwesternstation in eine Vase, und als Olivias Bruder Eric (Jamie Bamber) ihm eine Unterschrift abverlangt, um Emily in die Pflege ihrer Mutter nach England zu übergeben, zögert Howard lange.

          Ein interessanter Twist

          Silk ist kein Kämpfer. Seit drei Jahrzehnten erfüllt er brav seine Aufgabe, und schon eine kleine Abweichung vom Kommunikationsprotokoll kostet ihn eine lang ersehnte Beförderung. Die größeren Zusammenhänge zu erkennen ist Howard verwehrt – bis er in eine schockierende Situation gerät, in der ihm ein zweiter Howard offenbar wird: eine exakte Kopie seiner selbst, die in einer Parallelwelt nach einem Experiment von DDR-Agenten 1987 entstand und sich seither eigenständig entwickelt. Der andere Howard ist äußerlich das Spiegelbild von Silk, aber eine ganz andere Persönlichkeit: ein harter, kalter Typ, ein Alphatier mit einem Habitus der Verachtung gegenüber seiner Umwelt.

          Der Schöpfer der Serie, Justin Marks (er schrieb die Kinoadaption von Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ von 2016), entwirft diese absurde Arbeitswelt in Anlehnung an Dystopien wie „1984“ oder „Brazil“, in der Menschen zu bloßen Rädchen im System degradiert sind. Aber mit der Enthüllung einer Parallelwelt, in der ein zweiter Howard existiert, offenbart sich ein interessanter Twist: Der „Ost-Howard“ ist ein eiskalter Killer, der „West-Howard“ ein bescheidener Befehlsempfänger. Wobei Ost und West nicht sonderlich betont werden, die Figuren heißen schlicht Howard Alpha (der Beamte im Hier und Jetzt) und Howard Prime (der Spion aus der Parallelwelt).

          Wie konnte das Universum so ungerecht sein?

          Für Simmons ist dies die Gelegenheit, sein schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen. Seine beiden Figuren könnten unterschiedlicher kaum sein, auch wenn sie ähnliche Hemden tragen und die gleichen Drinks mögen. Und es ist ein Segen, dass Simmons und Marks Überlegungen der Produzenten in den Wind schlugen, die beiden Howards mit physischen Merkmalen für die Zuschauer leichter unterscheidbar zu machen (unter anderem wurde überlegt, dem „Ost-Howard“ schlechte Zähne zu verpassen). Denn Simmons schafft es mühelos, diese beiden Charaktere zu zeichnen – mit der Körperhaltung, dem Blick, der Stimmlage entwirft er zwei fundamental verschiedene Figuren. Eine Pointe der Serie ist freilich, dass Howard Prime in diese Welt geschickt wurde, um einen flüchtigen Verbrecher dingfest zu machen, und zwar unter Annahme der Identität seines Klons. Und so wird Simmons außerdem abverlangt, den einen Howard bei der Verkörperung des anderen zu spielen. Es ist eine faszinierende Tour de Force, die in Amerika bereits für Preis-Geflüster sorgt.

          Simmons herausragendes Spiel mag Justin Marks darin bestärkt haben, sich in „Counterpart“ weniger auf hohe Science-Fiction zu konzentrieren, als einen ziemlich bodenständigen Spionagethriller zu entfächern, in dessen Zentrum die Frage steht: Was eigentlich lässt uns zu den Persönlichkeiten reifen, die wir sind?

          Für Simmons, Sohn eines Musiklehrers, der in Michigan und Ohio im Mittelwesten groß wurde, mag dies eine Frage sein, die ihn über seine gesamte Karriere bewegt hat. Als junger Mann hatte er eine Football-Karriere im Sinn, die durch eine Knieverletzung zunichtegemacht wurde. Also wandte er sich der Bühne als alternativer Welt zu. Als Darsteller in der Broadway-Version von „A Few Good Men“ hoffte er, mit der späteren Aaron-Sorkin-Verfilmung den Durchbruch zu erzielen. Stattdessen wurden Jack Nicholson und Tom Cruise in den Rollen besetzt und Simmons blieb der Typ, der mit der Verkörperung von Randfiguren für Farbe und Tiefe sorgte. „Ich war am Boden zerstört“, sagte er kürzlich dem „Guardian“. „Wie konnte das Universum bloß so ungerecht sein?“

          Freilich führte ihn diese Enttäuschung in eine weitere neue Welt – eine „Peter-Pan“-Produktion –, in der er seine Frau Michelle Schumacher, Mutter seiner beiden Kinder, kennenlernte. Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte sich Simmons, der Brahms, Beethoven und Schubert liebt, auf sein Musik-Diplom konzentriert, mit dem er 1978 die University of Montana abschloss. Jetzt, da Simmons in gleich zwei Hauptrollen zu sehen ist, wird die Welt seinem Gesicht auch einen Namen zuordnen können.

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