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Paolo Sorrentino im Gespräch : Atheisten? Gibt es nicht!

  • -Aktualisiert am

Paolo Sorrentino bei den Dreharbeiten zu „Der junge Papst“ Bild: Gianni Fiorito

Der italienische Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino hat nun auch eine Fernsehserie gedreht. Sie heißt „Der junge Papst“ und spielt im Vatikan. Ein Gespräch über Katholizismus, Religion und die Magie des Kinos.

          6 Min.

          Eine ruhige Ecke auf der riesigen Terrasse des Hotel San Giorgio, mit Sicht auf La Serenissima, ein feierlich grauer Himmel über der Lagune von Venedig. Der Rahmen ist perfekt für ein Interview mit Paolo Sorrentino über seine erste Serie. Sie heißt „Der junge Papst“ und erzählt von einem Amerikaner auf dem Heiligen Stuhl. Jude Law spielt diesen mysteriös-maliziös anmutenden Pius XIII., Diane Keaton seine Privatsekretärin. Und weil sich der 46-jährige Regisseur und Autor von „La Grande Bellezza“ und „Ewige Jugend“ das alles ausgedacht hat, trinkt dieser Papst auch Cherry Coke Zero zum Frühstück, trägt Flipflops und lässt sich vatikanische Verfehlungen direkt aus dem Beichtstuhl verraten.

          Signor Sorrentino, ist es für einen Italiener eine Frage der Ehre, von Papst, Vatikan und Katholizismus fasziniert zu sein? Religion war ja auch schon in „La Grande Bellezza“ und „Ewige Jugend“ ein Thema.

          Mich interessieren die Asymmetrien, die mit dem Katholizismus einhergehen. Der Vatikanstaat ist nicht mal so groß wie ein Stadtteil, trotzdem vermag er das Verhalten von einer Milliarde Menschen auf der Welt zu lenken. Die damit verbundene Faszination beschäftigt sicher nicht nur Italiener, sondern Menschen in aller Welt.

          Sind Sie religiös?

          Ich halte diese Frage nicht für immens relevant. Viel wichtiger ist doch, warum diese Frage, ob jemand an Gott glaubt oder nicht, für uns Menschen so wichtig ist.

          Weil es das Bedürfnis nach einer höheren Ordnung gibt?

          Ich halte es noch am ehesten mit dem Religionsphilosophen Maurice Blondel oder dem Physiknobelpreisträger Paul Dirac. Beide sagen, dass es Teil der menschlichen Natur ist, an einen Gott zu glauben. Und dass es keine Atheisten gibt. Das sind lediglich Menschen, die denken, sie würden nicht an Gott glauben.

          Wie hat man in Rom auf Ihr Projekt reagiert? An welchen Originalschauplätzen durften Sie drehen, gab es so etwas wie eine „Kooperationsbereitschaft“ des Vatikans?

          Kooperation? Nein, davon kann wirklich keine Rede sein. Wir hatten um Hilfe gebeten, zumal wir auch einige Szenen auf dem Gelände filmen wollten. Aber der Vatikan hat uns glatt abgewiesen. Ich durfte mir gerade zwei Mal vor Ort etwas ansehen.

          Sind Sie im Vatikan nun Persona non grata?

          Verlockungen des Fleisches: Ludivine Sagnier in „Der junge Papst“.
          Verlockungen des Fleisches: Ludivine Sagnier in „Der junge Papst“. : Bild: Gianni Fiorito

          Ach, es war sicher keine Entscheidung gegen meine Person. Man hat in Rom generell ein gespaltenes Verhältnis zur Filmkunst. Den Würdenträgern ist der Unterhaltungsaspekt extrem unangenehm, geradezu peinlich. Das steht halt nicht im Einklang mit ihrem Status als Institution. Sie denken, ein Filmteam ist gleichbedeutend mit einer Zirkustruppe. Dabei haben sie wiederholt feststellen müssen, dass Filme über den Vatikan durchaus interessante Aspekte thematisieren.

          Cherry Coke Zero statt Kaffee, Zigarettengenuss, zurückgewiesene Nonnenküsse – der junge Papst aus Amerika in der Serie irritiert den Kirchenstaat. Und durchschaut sehr schnell die Manipulationen, Machtkämpfe und Marionetten. Werden Sie gläubige Katholiken mit Ihrer Darstellung des Vatikanlebens verärgern?

          Ich hoffe, dass sie es als das sehen werden, was es ist: eine ehrliche, überhaupt nicht provokative Befragung der Institution der katholischen Kirche und des Priestertums. Die Welt des Vatikans unterscheidet sich übrigens gar nicht mal so sehr von der meinen: Du wirst Priester und gibst dich ganz der katholischen Kirche hin, weil du dich vor der Realität fürchtest. Letztendlich tue ich nichts anderes – ich bin Filmemacher geworden, weil mir die Realität Angst einjagt.

          Das klingt sehr nüchtern, fast neutral. Attackieren Sie die Kirche nicht auch, wenn Sie die Machenschaften, die seit Jahrhunderten das System kennzeichnen, offenlegen?

          Solche Hinterzimmer-Machenschaften gibt es auch in anderen Institutionen. Das läuft in Architekturbüros oder auf Polizeiwachen auch nicht anders ab. Außerdem bin ich selbst nicht Katholik, also habe ich gar keinen Grund, die katholische Kirche zu attackieren, weil ich kein Beteiligter oder Betroffener bin.

          Was hat Sie dann zu dieser Thematik geführt?

          Mich hat die grundsätzliche Frage beschäftigt, wie es sein kann, dass ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut sich dazu berufen fühlen kann, der Repräsentant Gottes auf Erden zu sein. Das ist eine große Bürde, die jemand freiwillig auf sich nimmt, und das muss entsprechenden emotionalen Druck auf seine Lebensführung zur Folge haben.

          Jude Law als „Der junge Papst“.
          Jude Law als „Der junge Papst“. : Bild: Gianni Fiorito

          Hat sich für Sie als Filmemacher viel verändert, seitdem Sie 2014 für „La Grande Bellezza“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen haben?

          (lacht) Professionell gesehen ist es ratsam, so zu tun, als hättest du nie einen Oscar bekommen. So bin ich vorgegangen, und es hat sich tatsächlich nicht besonders viel für mich verändert.

          Sie haben, mit Verlaub, auch noch immer nicht Englisch gelernt. Bei Interviews oder Pressekonferenzen haben Sie noch immer einen Übersetzer an der Seite. Wie läuft das am Set?

          Da beschränke ich mich auf einfache Ansagen in schlechtem Englisch. (lacht)

          Jude Law ist die Idealbesetzung für Ihren Pius XIII.: eine charmante, zwiespältige Person, von der noch nicht klar ist, ob sie vergöttert oder verdammt sein will. War die Tatsache, dass Jude Law ein so schöner Mann ist, für die Rolle eher ein Vor- oder ein Nachteil?

          Eher ein Vorteil, weil Jude Law sich seiner äußeren Schönheit bei der Arbeit überhaupt nicht bewusst ist. Und das ist bei der Darstellung des Papstes genau die richtige Eigenschaft, weil auch der sich ganz der Sache und den Gläubigen verschrieben hat, nicht seiner Eitelkeit.

          Ihre Signatur wird schon in der eindrucksvoll stilisierten Eingangssequenz sichtbar, als ein Baby über einen Berg schlafender oder gar toter Babys – oder sind es nur Puppen? – hinweg krabbelt, sich aufrichtet und zum Pontifex maximus wird. Wie entsteht so etwas in Ihrem Kopf?

          Das kann ich gar nicht genau sagen. Ich hatte einfach großes Glück, dass mir dieses Bild in den Sinn kam. Ich saß zuhause und habe einen Song gehört, als ich Jude Law vor mir sah, wie er in der ersten Szene aus einer Pyramide aus Babys hervorkroch.

          Das Bild lässt sich unterschiedlich interpretieren: Jude Law, der geborene Papst – oder Jude Law, der einen darwinistischen Überlebenskampf für sich entscheidet.

          Die Szenen lassen unterschiedliche Interpretationen zu, das stimmt. Sie sind das Ergebnis verschiedener Denkrichtungen und Ideen, denen ich nachgegangen bin. Ich habe mir etwa vorgestellt, welche Art von Persönlichkeit der Papst haben könnte und wie seine Kindheit ausgesehen haben könnte. All das reflektiere ich vorab und stelle diverse Hypothesen zu den einzelnen Figuren und der Geschichte auf. Die Szene, die Sie angesprochen haben, ist eine perfekte Synthese all dieser Prozesse. Es ist Autosuggestion, quasi Geister, die mich heimsuchen. In meinem Fall erscheinen mir Geister in Form von filmischen Bildern.

          Wie lange dauert es, bis Sie in Ihrem Kopf einzelne Bilder zu Filmszenen zusammen komponieren? Wie orchestrieren Sie diese Visionen?

          Für mich gibt es zwei Methoden der Komposition: Entweder die Bilder kommen mir ad hoc in den Sinn, bei mir werden sie vor allem über Musik ausgelöst. Musik hilft mir dabei, um be-stimmte Emotionen zu erzeugen. Die andere Methode, die Regisseure wohl mit Fotografen gemein haben, ist, die innere Ordnung und Schönheit eines Ortes zu sehen und dann mit der Kamera einzufangen, ihn gewissermaßen in einzelne Elemente zu zerlegen.

          Wann sind Ihnen solche filmischen Tableaus zum ersten Mal erschienen?

          Ich habe mir schon als Kind bewusst bestimmte Bilder vorgestellt, um einschlafen zu können. Das habe ich mir geradezu antrainiert. Auch heute kann ich nur einschlafen, wenn ich meine innere Imaginationsmaschine angeworfen habe. Bilderbücher vorgelesen zu bekommen, das hat mich nie gereizt, nicht mal als Junge. Ich glaube, ich habe keine einzige Seite angeschaut.

          Fernsehtrailer : „The Young Pope“

          Das passt: Im Grunde sind Bilder Ihre Erstsprache. Sie denken und kommunizieren damit doch eher als mit Worten?

          Stimmt. Obwohl sich der eine oder andere Dialog auch schon in meinen Filmen findet... (lacht)

          ... weshalb Sie ja auch Ihre Drehbücher immer selbst verfassen. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie Regisseur werden wollen?

          Ich war achtzehn oder neunzehn, da kam mir dieser Gedanke, dass ich zum Filmemacher geeignet wäre. Mein Bruder war ein leidenschaftlicher Cineast und schleppte irgendwann einen Videorecorder an. Darauf sahen wir uns dann zusammen Filme an, ich erinnere mich noch gut an „Es war einmal Amerika“ oder an „Paris, Texas“ von Wim Wenders. Und ich wusste: Das will ich auch können.

          Welche Filmemacher zählen Sie noch immer zu Ihren großen Vorbildern?

          Zu den Größten gehören für mich natürlich David Lynch, die Coen-Brüder und ganz besonders Martin Scorsese.

          Was passiert, wenn Sie mal an Ihrer Vision zweifeln?

          Wenn mir Zweifel kommen, überspiele ich sie überzeugend. Ich zeige sie nie. Das habe ich gleich bei meinem ersten Film gelernt. Sobald du zu erkennen gibst, dass du Zweifel hast, verunsicherst du das Team, und das führt zu Problemen in der Zusammenarbeit. Doch wenn du ihnen den Eindruck vermittelst, du bist dir absolut sicher, dann kriegen sie das Gefühl, dass es sich lohnt, Zeit in dich und den Film zu investieren. Daher habe ich mir auch zur Angewohnheit gemacht, immer mit derselben Crew zu arbeiten. Sie sind längst der Illusion erlegen, dass ich keine Zweifel kenne.

          Haben Sie eine Art Komplizen, mit dem Sie alles diskutieren und besprechen können, der so akribisch ist wie Sie?

          Ganz wichtig ist mein Regieassistent. Er ist der einzige, dem ich mich anvertrauen würde, wenn mir mal Zweifel kämen. Eigentlich ist es völlig unsinnig, an sich zu zweifeln, weil sich sowieso immer jemand bereit erklären wird zu sagen, dass er dich für einen echten Idioten hält!

          Passt Ihr opulenter Stil denn überhaupt zur kleinen TV-Diagonale? Ist Ihre Bildsprache nicht im Kino am besten aufgehoben?

          Wenn ich nur fürs Kino arbeiten würde, wäre das vergleichbar mit einem Profifußballer, der nur in großen Stadien spielen will. Ich bin halt auch jemand, der gerne mit den Kids auf der Straße kickt.

          Soll Ihr Papst ein neuer Don Draper, oder Frank Underwood werden?

          Fernsehen ist für mich noch ein völlig ungewohntes Terrain. Natürlich möchte ich, wie jeder andere Filmemacher, dass meine Werke von möglichst vielen Menschen gesehen werden. Ich bin mir nicht sicher, welche Art von Zuschauer ich über das Fernsehen erreichen kann. Es hat mich ja schon viele Jahre gekostet, bis ich die Welt des Kinos gelernt habe.

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