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Serie „Darkness“ bei Arte : In der Dunkelheit lauert das Verderben

  • -Aktualisiert am

Verbeißt sich in den Fall: Kommissar Jan Michelsen (Kenneth M. Christensen) Bild: Miso Film

Atemraubendes Krimifernsehen: Die überzeugende Serie „Darkness“ zeigt all die bodenlosen Abgründe auf, die hinter dem Ausruf „Nein heißt nein“ liegen.

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          Seit die siebzehnjährige Julie (Alvilda Lyneborg Lassen) nachts auf dem Heimweg außerhalb von Kopenhagen spurlos verschwand, sind sechs Monate vergangen. Die Spur ist kalt, das Mädchen höchstwahrscheinlich tot. Zeit, die Ressourcen neu zu verteilen, entscheidet „MT“ (Peter Mygind), Abteilungsleiter der Polizei. Zwei Beamte, Gitte (Regitze Estrup) und Dennis (Uffe Rørbæk Madsen), bleiben nebenbei dran, falls es Neues geben sollte. Jan Michelsen (Kenneth M. Christensen) aber, der überarbeitete Hauptermittler, wird abgezogen. Auch wenn er der Familie der Vermissten versprochen hat, Julie zu finden.

          Er vergräbt sich ins Archiv und findet einen ganz ähnlichen Fall, mehr als zehn Jahre her. Als vermuteter Suizid ad acta gelegt. Die immer noch verschwundene Natasha sieht Julie frappierend ähnlich. Beide besuchten das Gymnasium in Greve, hatten einen ähnlichen Partynacht-Heimweg: die Abkürzung nach Hause durch den dunklen Wald, an einem See vorbei. Jan, mitten in einer schlimmen Scheidung, bleibt dran. Er braucht diese Ermittlung als Ventil seiner anschwellenden Wut: Auf seine Noch-Frau, deren Freund und, im Verlauf der achtteiligen dänischen Kriminalserie „Darkness“ immer heftiger, auf Männer, die Mädchen und Frauen mit vielfältigen, alltäglichen oder exorbitant sadistischen Spielarten sexualisierter Gewalt erniedrigen, kontrollieren und vernichten.

          Deren Opfer aber, und das ist eine der spannendsten Pointen der mit bewusst verstörenden Bildern arbeitenden Serie, selbst zu Täterinnen werden können und an Grausamkeit den Männern prinzipiell in nichts nachstehen. Nebenhandlungen und immanente Binnenerzählungen von Macht und Ohnmacht, Kampf und Überlebenswillen, körperlicher Überlegenheit und psychischer Zerstörung sind Subtexte dieser dunklen Serie der Drehbuchautorin Ina Bruhn.

          Eine Geschichte, die auch „Familie Noir“ nennen kann

          Zartbesaitete könnte die Drastik der Szenen von Vergewaltigungen, Nötigungen und Grausamkeiten um den Schlaf bringen. Gewalt und Nervenkitzel aber dienen nicht bloß dem Schrecken. Insbesondere vom Ende her fügt sich die mehrperspektivisch und auf mehreren Zeitebenen entfaltete Geschichte, die man statt „Nordic Noir“ auch „Familie Noir“ nennen könnte, zum Abgrund seelischer Vernachlässigung mit beinahe massenmordhaften Folgen.

          Taucher bergen Natashas sterbliche Reste, zu diesem Zeitpunkt wird der Entführer Anders Kjeldsen (Mads Riisom) längst offen als Täter geführt. Er hat auch Julie verschleppt und bringt eine weitere junge Frau in seine Gewalt. Emma (Tessa Hoder), psychisch zäh, wie ihre Eltern den Polizisten berichten. Polizeichefin Karlslund (Maibritt Saerens) macht sich auf das Schlimmste gefasst – einen Serienkiller. Mit Hilfe der Profilerin Louise Bergstein (Natalie Madueño) kommen auch die Ermittler auf Kjeldsen – ehemals Hausmeister des Gymnasiums, seit Jahren ohne festen Wohnsitz, spurlos untergetaucht.

          Während fieberhaft nach dem Mann gefahndet wird, verschafft er sich Zugang zum Haus einer weiteren Frau. Stine Velin (Signe Egholm Olsen) führt ein unauffälliges Leben. Mitarbeiterin einer Autovermietung, adrett, ohne nennenswerte Eigenschaften. Im Keller ihres Hauses werden die Mädchen gefangen halten. Julie lebt noch. Emma soll ihren Platz als Spielzeug einnehmen. Der Täter scheint Stine seit Jahren unter totaler Kontrolle zu halten und als perfekte Komplizin zu benutzen. Nach und nach enthüllen die Folgen Stines Überlebensstrategie. Weitere Opfer werden gefunden, nicht alles fügt sich perfekt in ein einziges Aufklärungsmuster. Daran werden Puristen ebenso knabbern wie an der Nebenhandlung, in der Profilerin Louise in einem Frauenhaus mit einer Opfergruppe Erfahrungen seziert. Aber nicht nur Frauen sind hier versehrt. Männer wie Jan, denen das Selbstbestimmungsrecht ihrer Partnerinnen heilig ist, kommen nicht ungeschoren davon. Bei Sisse (Malene Beltoft Olsen), einer Zeugin, bei der er über Nacht bleibt, entschuldigt er sich am Morgen, ganz Kavalier alter Schule. Sisse reagiert wütend auf die als zartfühlend ausgegebene Bevormundung, es war schließlich ihre Entscheidung.

          Es bleibt nicht nur tödlich in „Dark-ness“, sondern auch geschlechterkompliziert. Man kann „Darkness“ (Regie Carsten Myllerup, Kamera Eric Kress, Musik Jeppe Kaas) auch als feministische Serie sehen. Ina Bruhn hat selbst auf eine Verbindung zur #MeToo-Debatte hingewiesen. Die berechtigte Forderung „Nein heißt nein“ führt sie als psychopathologischen Krimi aber mehrere Umdrehungen weiter – zum Teil strafrechtlich und moralisch eindeutig, zum Teil in Grauzonen des schwer Justitiablen. Gleichstellung bedeutet hier zuletzt auch gleiche sadistische Disposition der Geschlechter – ursprünglich ausgelöst durch eine Vergewaltigung im familiären Kreis in der Vergangenheit, totgeschwiegen und manipulativ benutzt durch Eltern, die ihr Lieblingskind, den Täter, nicht besudelt sehen wollten. Gewalt zeugt Gewalt zeugt Gewalt, besonders in sexualisierter Form. „Darkness“ beschreibt das untergründig als psychosozialen Zusammenhang, macht daraus aber vor allem atemraubendes Krimifernsehen, bei dessen Qualität man an „Kommissarin Lund“ („The Killing“) oder „Borgen“ denken kann. Bei den Dänen können sich die Themenfilmmacher – und nicht nur diese – hierzulande nach wie vor eine Menge abgucken.

          Darkness – Im Schatten der Vergangenheit startet an diesem Donnerstag um 21.45 Uhr bei Arte.

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