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„In aller Freundschaft“ : Warum ist die  ARD-Serie so chronisch erfolgreich?

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Heile Krankenhauswelt in der Endlosschleife: Seit 15 Jahren flimmert „In aller Freundschaft“ im Ersten über die Mattscheibe Bild: MDR/Krajewski

Weiße Kittel, solide Ärzte und dankbare Patienten: Nun schon seit 15 Jahren läuft „In aller Freundschaft“, die wöchentliche Krankenhausserie, erfolgreich im Ersten. Wie kann das sein? Versuch einer Diagnose.

          Es ist nicht zu spät, bei Folge 620 in die Handlung einzusteigen, eine halbe Minute vor Schluss. Der Patient liegt nach der gelungenen Schulter-Operation im Krankenhausbett und versucht, mit der freien falschen Hand sein Essen zu löffeln. Seine Tochter sitzt ihm glücklich gegenüber. Der Chefarzt und die Oberschwester kommen lächelnd herein. Der Chefarzt sagt: „Na, das sieht ja schon sehr gut aus.“ Die Tochter sagt: „Du, Papa, weißt du eigentlich, wie froh ich bin, dass du nicht auf mich gehört hast?“ Der Vater sagt: „Tja, wir haben wohl beide unseren eigenen Kopf.“ Der Chefarzt sagt: „Das ist nicht nur bei Ihnen so.“ Die Oberschwester legt ihm wissend den Arm um die Hüfte und sagt: „Nee.“ Alle lachen und lachen einander an, bis endlich der Abspann zu Ende ist.

          Konkret war es in der Dreiviertelstunde vorher darum gegangen, ob es eine gute Idee ist, dass der alte Chefarzt, der ziemlich aus der Übung ist, die komplizierte Operation vornimmt. Zum Glück hatte er gerade noch rechtzeitig eingesehen, wie gefährlich sein Ehrgeiz und seine Sturheit sind, und den Eingriff von einem erfahrenen jüngeren Kollegen leiten lassen. Der wiederum merkte beim gemeinsamen Herumoperieren, dass der alte Chefarzt eigentlich ganz fit ist, und übergab ihm dann doch das Skalpell. Und so haben alle etwas gelernt, wenn auch nichts, was wir nicht vorher wussten. Am Ende, im Krankenzimmer, sprechen sie es sicherheitshalber noch einmal aus. Und erinnern fünf Millionen Zuschauer daran, dass auch in der Leipziger Sachsenklinik die Menschen nicht perfekt sind, nicht einmal die Ärzte, aber dass es hilft, sich dessen bewusst zu sein.

          Chronisch unspektakulär

          So ist das, bei „In aller Freundschaft“, der wöchentlichen Krankenhausserie, die nun schon seit 15 Jahren erfolgreich im Ersten läuft. Man möchte schwören, jede Szene schon mal gesehen zu haben. Man könnte sie „zeitlos schön“ nennen, wenn sie schön wären. Mit großer Routine erzählt die Serie die immer gleichen Geschichten und verzichtet dabei konsequent darauf, originell sein zu wollen. Das muss ihren unheimlichen Erfolg ausmachen. Aber wenn es so einfach wäre, könnte es ja jeder tun.

          Ernste Momente zwischen den Lachern: Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) schaut besorgt

          Media City Leipzig. In einem großen Studio-Komplex werden auch die MDR-Talkshow „Riverboat“ und „Unter uns“ produziert. Vor allem aber dient er als Sachsenklinik. „Chirurgische Klinik - Haus B“ steht dauerhaft über dem Eingang. Die Kantine des fiktiven Krankenhauses liegt unmittelbar neben der Kantine des realen Studios und sieht ihr zum Verwechseln ähnlich; beide blicken auf dieselbe echte Straße. Kaum irgendwo ist es so leicht, als Zuschauer einer Serie so nahe zu kommen. Man muss dazu nicht einmal, wie jährlich 30 000 Fans, eine Studiotour buchen. In einem großen Flur ist eine Art „In aller Freundschaft“Museum aufgebaut. Schautafeln erläutern die Biographien der Hauptfiguren. In Glasvitrinen liegen Utensilien, die irgendwann in der Seriengeschichte eine Rolle gespielt haben, der Kittel von Oberarzt Heilmann, eines der beiden Vogelhäuser, die Café-Pächterin Charlotte in Folge 311 geschenkt bekam. Unter einem Strohtier steht: „Folge 326: ,Verpasste Zeit‘. Harry und Eva Globisch stehen vor dem Aus ihrer Ehe. Harry bringt seiner Noch-Ehefrau ein kleines Geschenk mit. Doch Esel sammelt sie schon lange nicht mehr.“

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