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„A Very English Scandal“ im TV : Die Gentlemen gehen sich an die Gurgel

Spielen ein Paar: Ben Whishaw und Hugh Grant. Bild: dpa

Das ist Sittenbildfernsehen der feinsten Art: In „A Very English Scandal“ geht es um Sex, Lügen und Mord. Hugh Grant und Ben Whishaw führen eine Skandalgeschichte auf, die ihresgleichen sucht.

          3 Min.

          Man kann die Briten nur beneiden um ihre Fähigkeit, die eigene abgründige Historie auf dem Bildschirm mit einer derart raffiniert vorgespielten Gleichmut zugleich zu zelebrieren und zu sezieren; um diese unpädagogische, in Grautönen und Uneindeutigkeiten ohne Erklärungsnot, dafür aber mit stilsicherem Understatement sich entfaltende Fernsehkunst, wie wir sie in „A Very English Scandal“ bewundern dürfen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          In diesem Dreiteiler sind Könner am Werk. Der Regisseur Stephen Frears kultiviert einmal mehr (nach den Kinofilmen „Die Queen“ und „Victoria & Abdul“) seine feinnervige Beobachtungsgabe für den Habitus der Mächtigen im Königreich. Mit Hugh Grant in der Hauptrolle bringt er den Schauspieler vor die Kamera, der für ihn schon in „Florence Foster Jenkins“ beweisen durfte, dass er endlich verwittert genug ist, um der ewigen Paraderolle des trotteligen englischen Charmeurs entwachsen zu sein.

          In „A Very English Scandal“ spielt Grant einen Politiker, der über einen derart bizarren Skandal stürzt, dass man den Autor der Buchvorlage und des Skripts, John Preston, für einen Phantasten hielte – wäre die Geschichte nicht wahr. Jeremy Thorpe, in den sechziger Jahren vom Abgeordneten zum Vorsitzenden der Liberalen Partei aufgestiegen, wurde tatsächlich eine Liebe zum Verhängnis. Was immer Liebe bedeuten mag, würde Thorpe in der Serie an dieser Stelle einwerfen: die Beziehung zu einem Mann, den er als Stallburschen auf dem Land aufgegabelt und als Affäre in London ausgehalten hatte. Und das, als Homosexualität in Großbritannien noch verboten war.

          Ben Whishaw als Norman Scott.

          Nicht aber, dass dieses amouröse Abenteuer ans Licht kam, brach Thorpe politisch das Genick, sondern die hassverliebte Skrupellosigkeit, mit der die beiden Männer nach der Trennung einander gegenseitig vernichten wollten.

          „A Very English Scandal“ zeichnet es minutiös nach: Norman Scott, brillant gespielt von Ben Whishaw, fühlt sich weggeworfen und gekränkt in seiner Eitelkeit. Er reicht Liebesbriefe weiter und lässt sich auch mit Schweigegeldern, die Jeremy Thorpes Freund und Kollege Peter Bessell (kein geringerer als Alex Jennings) übermittelt, nicht den Mund verbieten. Vom Ex-Geliebten über Jahre in die Enge getrieben, sinnt Thorpe in seiner Angst vor juristischen, privaten, öffentlichen und karrieretechnischen Konsequenzen auf die finale Lösung: Ein Mörder wird gedungen.

          Die Kugel trifft den Hund, nicht den Herrn. Der Schütze packt aus, Scott zieht vor Gericht. Wir schreiben das Jahr 1979. Da steht nun ein offen schwuler, nicht im mindesten sympathischer, aber gewinnend durchtriebener Mann vor dem Richter und den Geschworenen, ein Symbol der neuen Zeit, und der beschuldigte Politiker, ein windiger Vertreter des Establishments, ein über Leichen gehender Lügner, sieht reichlich alt aus. Die Anklage lautet auf Anstiftung zum Mord und versuchten Mord. Und Scott geht in jedes schlüpfrige Detail der Affäre. Die Reporter von der Fleet Street können ihr Glück kaum fassen.

          Phänomenal an diesem Dreiteiler ist, worauf er alles verzichten kann. Er braucht keine Kostüm- und Ausstattungsorgie wie „Mad Men“, um eine vergangene Zeit in Szene zu setzen. Er lässt die Sechziger und Siebziger so ästhetisch missglückt aussehen, wie sie waren, mit schmierigen Seitenscheiteln, glänzenden Nasen, grauer Kunstfaser und nougatschimmelgrünen Kacheln neben Resten von poliertem Holz. „A Very English Scandal“ ist fast eine Farce, mit grell ausgeleuchteten und überzeichneten Figuren, gibt diese aber nie der Lächerlichkeit preis oder verzerrt sie zu Karikaturen.

          Wie in einem eiligen Stationendrama folgen wir den Figuren von den Houses of Parliament in schmuddelige Hotelzimmer, Mutter Thorpes Eigenheim, den Pub einer überaus patenten Wirtin und an den Strand in Kalifornien. Von einer Kammerspielszene geht es in die nächste, und jede bietet Gelegenheiten für die Schauspieler, Charakterminiaturen zu zeichnen.

          Whishaw wechselt mit quecksilbriger Beweglichkeit, geschürzten Lippen und Welpenblick zwischen den Rollen des unschuldigen Überwältigten und rücksichtslosen Manipulators; Grant gibt einen famosen Antihelden, der weder Mitleid noch Verachtung verdient. Schon allein die Szene, in der Thorpe seiner zweiten Ehefrau mehr schweigend als sprechend Rede und Antwort steht, war den von Blueprint Television für die BBC und Amazon produzierten Dreiteiler wert. Und im Hintergrund entsteht ganz nebenbei das Bild einer unordentlichen Ära zwischen Aufbruch und Tradition. Das ist nicht nur sehr englisches, das ist sehr gutes Fernsehen.

          A Very English Scandal, heute um 20.15 auf Sony Channel (zu empfangen über Amazon Prime, Vodafone, Unitymedia und Magine TV).

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