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Netflix-Serie „Huge in France“ : Sonnenkönig im Exil

  • -Aktualisiert am

Gad (Gad Elmaleh) und sein Sohn Luke (Jordan Ver Hoeve) sind noch nicht auf derselben Wellenlänge. Bild: David Koskas/Netflix

In Frankreich ist Gad eine große Nummer, in Amerika kennt ihn niemand. Das findet er zum Verzweifeln. Die Comedy „Huge in France“ macht daraus ein schönes Culture-Clash-Spektakel. Jerry Seinfeld tritt auch auf.

          Dass Culture-Clash-Komödien kein Selbstläufer sind, mussten zuletzt die Deutsche Telekom und Amazon Frankreich feststellen, als sich die mit viel Oh là là angekündigte deutsch-französische Serie „Deutsch-les-Landes“ als platte und totsynchronisierte Klischeeparade erwies: Würste kontra Austern, Tugend kontra Libido, mehr blieb nicht. Da ist „Huge in France“, die vom prominenten französischen Komiker Gad Elmaleh entwickelte Serie über einen prominenten französischen Komiker seines Namens, dessen Ruhm („C’est Gad!“) jenseits des Atlantiks, wo die Ex-Frau und der Sohn leben, keine Augenbraue zucken lässt, schon eine andere Numéro de rue.

          Die Netflix-Serie erzählt von einem Sonnenkönig im Exil, der auf die harte Tour lernen muss, dass sein Reich von hier aus gesehen, um im Bild zu bleiben, hinter dem Mond liegt. Was sind schon 1,6 Millionen französische Follower auf Instagram (inzwischen sogar 1,8 Millionen) gegen zehntausend Amerikaner, die einen Lebenshilfe-Channel abonnieren? Rien du tout. Allem, was Gad vorzuweisen hat, wird in den Staaten ein kopfschüttelnd mitfühlendes „in Frankreich“ angehängt: Der Typ füllt die größten Hallen? Ach so, in Frankreich. Dass diese Reaktion den eitlen Protagonisten immer aufs Neue konsterniert, ist schon lustig, weil so französisch. Wie ein kleiner Youtuber zeigt er ständig stolz ein Imagefilmchen auf dem Handy vor. Null Wirkung. Nicht einmal mit seinem Geld, das gern genommen wird, kann er Eindruck schinden in einem Land, das Eigenvermarktung als elftes Gebot ehrt.

          Der fiktive Gad ist nicht nur, wie es der geläufige Komiker-Topos will, ein Melancholiker, sondern steckt mitten in einer Sinnkrise: Wozu allabendlich Arenen füllen und Groupies beglücken, wenn die, an deren Liebe einem gelegen ist, allen voran Sohn Luke (Jordan Ver Hoeve), gar nicht dabei sind? So nimmt Gad eine Auszeit und fliegt nach Los Angeles, um wiedergutzumachen, was er als Vater fünfzehn Jahre lang versäumt hat – und um dem von einer Model-Karriere träumenden Filius diesen Unsinn, der sogar Brustimplantate beinhaltet, auszureden. Erfolglos, wie sich versteht. Dabei kollidiert der Franzose nicht nur wuchtig mit dem American Way of Life, sondern auch mit der kränkenden Tatsache, dass seine schnippische Ex-Frau (Erinn Hayes) ihr Leben ohne ihn im Griff hat, auch wenn der neue Partner Jason (Matthew Del Negro) eine Pfeife ist.

          Unter tatkräftiger Hilfe des drittklassigen, aber engagierten Assistenten Brian (Scott Keiji Takeda), der den Kultur-Übersetzer und loyalen Freund gibt, versucht Gad, eine Verbindung zu seinem Sohn aufzubauen. Dazu muss zunächst Jason, selbst Ex-Model und Vaterfigur für Luke, ausgebootet werden. Zupass kommen da dessen schauspielerische Ambitionen. Natürlich nähern sich die Figuren über alle Intrigen hinweg einander an. Allzu schnelle Verwandlungen werden aber so routiniert unterlaufen wie zu naheliegende Pointen. Ein guter Teil des Humors liegt auf der Metaebene, als selbstironischer Kommentar über die Vanitas von Prominenz.

          Kulturelle Stereotype übersteigert das Buch von Elmaleh, Jarrad Paul und Andrew Mogel zwar so kräftig wie das erwähnte Telekom-Fiasko – wir sehen ein neospießiges, oberoberflächliches Fitness-First-Amerika, wo Comedy aus Peniswitzen besteht und jedes hundeblicknaive Anfranzöseln als sexuelle Belästigung gilt –, aber wie diese Grobschlächtigkeit ins charmant Persönliche umgebogen wird, das erinnert eher an die köstliche Sitcom „Episodes“, in der zwei britische Serienautoren glamourös in Hollywood scheitern. Hier liegt das Autoreferentielle noch offener zutage, weil „Huge in France“ an all die pseudoautobiographischen Comedian-Serien anschließt, die seit dem genialen Prototypen „Seinfeld“ en vogue sind. Dass Jerry Seinfeld einen knuffigen Gastauftritt hat, in dem er über Peniswitze lacht und dem „Seinfeld von Frankreich“ das Tragen dieses (Elmaleh tatsächlich oft verliehenen) Titels untersagt, ist einer der subtilen Genre-Scherze.

          Ansonsten herrscht programmatische Direktheit vor, die vor emotionaler Zuspitzung und manchem mit purer Muskelkraft durchgedrückten Witz (Jasons Method Acting; flache Samenbank-Gags) nicht haltmacht. Dass die von Missverständnis zu Missverständnis kullernden Dialoge trotzdem voller Situationskomik sind, liegt am charmanten Auftreten, am Sprachwitz des Franko-Englischen (in der Synchronisation geht einiges verloren) und am perfekten Timing von Bühnenprofi Elmaleh und Serienprofi Del Negro, die auch in den würdelosesten Momenten nie ins Schlingern geraten. Gerade Tiefschläge, von denen es hier zahlreiche setzt, muss man zu nehmen wissen, soll das Ergebnis nicht albern oder traurig wirken. „Huge in France“ wird wohl nicht wirklich „huge“, weder in Europa noch Amerika – dafür ist es zu flapsig –, auch lässt sich absolut nichts lernen über die beiden Kulturen, aber für eine Trainingsrunde in Humorfitness à la française taugt es allemal.

          Die acht Folgen der ersten Staffel von Huge in France sind von heute an auf Netflix abrufbar.

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