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Politik im Fernsehen : Das große Schwarze

Niels Arestrup (l.) als Präsidentschaftskandidat Francis Laugier und Kad Merad als Bürgermeister Philippe Rickwaert Bild: Jean-Claude Lother

Die Serie „Baron Noir“ zeigt die dunklen Seiten der französischen Politik: Es klingt alles ganz wahr und ist doch ausgedacht. Jedenfalls zum größten Teil.

          3 Min.

          Er konnte natürlich nicht wissen, was alles noch kommen und dass er selbst schon sehr bald aus dem Spiel sein würde. Aber dass ausgerechnet François Hollande sich vor gut einem Jahr von „Baron Noir“ distanzierte, der Politserie, die Éric Benzekri und Jean-Baptiste Delafon für Canal+ produziert hatten und die die Medien in Frankreich als Mischung aus „House of Cards“ und „Sopranos“ über alle Maßen lobten, ist von heute aus gesehen schon sehr lustig. „Die Serie ist nicht schlecht gemacht“, zitierte „Le Parisien“ den französischen Präsidenten, der dies zwar nicht öffentlich, sondern im vertrauten Kreis gesagt hatte, „aber sie ist wie eine Karikatur. Sie zeichnet von der Politik ein lächerliches Bild.“ Er selbst wolle dem Präsidenten der Serie nicht ähnlich sein.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun gibt die Politik in Frankreich insgesamt ja kein so gutes Bild ab. Jeden Tag fragt man sich, was bis zur Präsidentschaftswahl am Ende des Monats noch alles kommen soll. Manuel Valls, neulich noch sozialistischer Premierminister, weigert sich, wie diese Woche bekannt wurde, den sozialistischen Kandidaten Hamon zu wählen, er will für Macron stimmen, den unabhängigen Kandidaten der Mitte. Gegen Penelope Fillon, die Frau des Präsidentschaftskandidaten der Konservativen, ist nun auch ein Betrugsverfahren eingeleitet worden – wie schon gegen ihren Mann. Der wiederum beschuldigt François Hollande, der Presse Dokumente über ihn zuzuspielen.

          Das klingt alles wie ausgedacht und ist doch wahr. Und wenn „Baron Noir“ ab dem 6. April immer donnerstags im deutschen Fernsehen zu sehen sein wird, dann gibt es dafür tatsächlich keinen besseren Zeitpunkt als genau jetzt vor den Wahlen: Es klingt alles ganz wahr und ist doch ausgedacht. Jedenfalls zum größten Teil. Denn Éric Benzekri weiß, wovon er spricht, er war in den achtziger und neunziger Jahren selbst in der sozialistischen Partei aktiv. Nur sei es ihnen nicht darum gegangen, Charaktere zu schaffen, die man wiedererkennen könne, sagt er, sondern um das „Kondensat einer ganzen Generation von führenden Köpfen der sozialistischen Partei“.

          Es beginnt, kurz vor einem Fernsehduell, hoch oben auf den Dächern über Paris mit einem konspirativem Gespräch zwischen jenen, die in den kommenden acht Folgen die Kontrahenten sein werden: Francis Laugier, aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat der Linken und Philippe Rickwaert, Bürgermeister von Dünkirchen, der als enger Vertrauter den Wahlkampf seines Freundes managt. Ein schneller Schlagabtausch, eine eingespielte Kumpelei unter vier Augen zeigt sich hier, bevor die beiden Männer, die mit dem Fahrstuhl der Politik fast oben angekommen sind, wieder herunterrasen ins Fernsehstudio.

          Die Eingangsszenen geben das Tempo von „Baron Noir“ vor: die Bilder sind schnell geschnitten, es wird hastig gesprochen, immerzu sind die Figuren unterwegs – eine Rastlosigkeit, die sich sofort auf den Zuschauer überträgt: „Il faut qu‘on parle“, „Wir müssen reden“, lautet die Kurznachricht, die auf Philippe Rickwaerts Handydisplay aufleuchtet, als Laugier schon auf den Fernsehbildschirmen zu sehen ist. Rickwaerts rast mit dem Auto davon. Als er zurückkommt, bringt er einen schmutzigen Finanzskandal mit, und im Norden Frankreichs springt ein junger Gewerkschaftler vom Dach.

          Willkommen beim schwarzen Baron

          Nun würde es einen in einer französischen Serie nicht wundern, wenn diese Serie ausschließlich in Paris spielte und sich in ihr alles um den Präsidenten drehte; wenn der Zentralismus sich also auch der Anordnung der Figuren ermächtigte. Doch macht es den Autoren ganz offensichtlich Spaß, diese Erwartungen zu unterlaufen: Die Figur, um die sich in „Baron Noir“ alles dreht, ist Philippe Rickwaert, gespielt von Kad Merad, den viele als Hauptdarsteller von „Willkommen bei den Sch‘tis“ kennen dürften, wo er so unwiderstehlich komisch den Filialleiter der Post aus Südfrankreich spielte, der in die nördliche Region Nord-Pas-de-Calais strafversetzt wird.

          Und um den Norden geht es auch hier, um Dunkerque, Dünkirchen, wenige Kilometer von der belgischen Grenze entfernt. Nur gibt es nichts mehr zu lachen: „Wir haben den Norden gewählt“, sagt Éric Benzekri, „weil er das Ende der Welt ist, wo sich das Ende der Industrie abspielt, eine verlorene Welt.“

          Kad Merad – so kennt man ihn bisher nicht – zeigt in dieser Welt auch seine dunklen Seiten. Er wird zum schwarzen Baron, einem Mann, für den die Politik das ganze Leben ist und der sterben würde, wenn man sie ihm wegnähme. Laugier kann einen Finanzskandal nicht gebrauchen und lässt den Freund und Vertrauten in Höchstgeschwindigkeit fallen. Rickwaert ist von da an getrieben, seine politische Karriere wiederherzustellen und den Mann zu vernichten, der ihn verraten hat – den frisch gewählten Präsidenten. Mit Kriminellen organisiert er einen Wahlbetrug, er versucht, die von Anne Mouglalis gespielte Beraterin seines Gegenspielers einzuwickeln. Dass Kad Merad dabei aus ihm nicht einfach einen Zyniker macht, sondern einen zutiefst einsamen Menschen, dem als bösen Populisten weiterhin die Sympathien zufliegen, macht das Ganze zu wahren Kad-Merad-Festspielen.

          „Baron Noir“ spielt immer wieder in den Grauzonen und Zwischenräumen, an Autobahnraststätten, in kleinen Waldstücken vor der Stadt, in Männertoiletten, in denen Handys oft erst vernichtet werden, bevor überhaupt miteinander gesprochen wird. Es sind die letzten Orte einer Vertraulichkeit, an die niemand mehr glaubt.

          Der Glaube an die Politik aber kommt den Figuren nicht abhanden. An ihr halten sie fest, um jeden Preis. In Frankreich, heißt es, werde gerade eine zweite Staffel produziert. Und ein bisschen neidisch ist man schon. „Baron Noir“ ist so gut besetzt und so schnell und alles in dieser Fiktion so wahrscheinlich, dass man sich zu den Bundestagswahlen gern ein Pendant wünschte.

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