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„Hotel Heidelberg“ im Ersten : Buchen Sie woanders

  • -Aktualisiert am

Im privaten Hotelbett: Annette Frier und Christoph Maria Herbst. Bild: ARD Degeto/Bernd Spauke

Die ARD-Reihe „Hotel Heidelberg“ war mal originell. Jetzt rotiert Annette Frier als Unterkunftschefin mit hundertachtzig Umdrehungen. Dabei bleibt ziemlich viel auf der Strecke. Aber Heidelberg sieht natürlich toll aus.

          Vor zwei Jahren sendete das Erste drei Folgen von „Hotel Heidelberg“. Insbesondere die erste funktionierte recht gut für den Sendeplatz am Freitagabend. Hannelore Hoger gab die ausgeflippte Seniorchefin eines unkonventionellen Hotelbetriebs in einer romantischen Villa mit unverbaubarem Blick auf das Heidelberger Schloss, Ulrike C. Tscharre spielte in den ersten zwei Folgen ihre Tochter. Mit der Mutter mit Drogen- und Rockstargroupievergangenheit war sie im Dauerclinch.

          Die Endlosscheife des verbalen Schlagabtauschs (Buch Martin Rauhaus, wie jetzt auch) wirkte wie geschaffen für Hoger und unpassend für Tscharre, die zudem mit Christoph Maria Herbst als Psychologe Ingolf Muthesius einen Anspielpartner an ihrer Seite hatte, der vor allem durch sympathisch-wolkige Wortkargheit und Oberlehrer-Rollkragenpullover auffiel, sonst aber durch wenig. In der dritten Folge übernahm Annette Frier die Rolle der Junior-Hotelchefin, eine im Grunde langweilige Figur. Sie ist die brave Übererfüllerin ohne Auflehnung, rennt sich nach Anerkennung ihrer Mutter die Hacken ab, kennt sich mit diversen Kissenfüllungen so gut aus wie mit Tischwäschenstärke, Abrechnungssystem und Personaleinsatzplan und kümmert sich um jedes Gästewehwehchen. Frier hat die Rolle der Patenten schon in zahlreichen Varianten gespielt, aber immer mit deutlich mehr Biss, nicht nur als „Danni Lowinski“.

          Jetzt ist Frier als Hotelfachfrau Annette Kramer für zwei neue Ausgaben zurück, und die Pause hat die Sache nicht besser gemacht. Das große Manko, das dem Zuschauer hier als Plus präsentiert wird: Seniorchefin Kramer (Hannelore Hoger) ist nun so gut wie ausgezogen. Die Seniorchefin, die sich zuvor unersetzlich fand, tourt um die Welt. Einmal erwischt ihre Tochter sie telefonisch um fünf Uhr früh beim Pokern in Amerika, was die Mutter ungebührlich findet. Man störe niemanden, der ein solches Blatt auf der Hand habe. Die Tochter aber muss dringend etwas besprechen: „Ingolf will ein Kind.“ „Von wem?“

          Immer in Aktion: Annette Frier (rechts) als Hotelchefin Annette Kramer.

          Auch die Schwiegereltern Susanne (Maren Kroymann) und Werner (Peter Prager) werden alarmiert. Seit zwei Jahren sind Annette und Ingolf verheiratet, was ungefähr so viel Funken sprüht wie eine durchgebrannte Glühbirne im Hotelflur. Maren Kroymann immerhin darf ein paar punktgenau gesetzte Sottisen gegen die Schwiegertochter anbringen, deren nahender Klimakteriumseintritt im Eiscafé erschöpfend diskutiert wird. Es wird überhaupt viel draußen gesessen, damit Altstadt und Schloss schön den Hintergrund schmücken können. Annette will kein Kind. Ihr Sohn Jeremy (David Nolden) hängt nach dem Abi seit einem Jahr herum und wirft ihr vor, „echt so spießig“ geworden zu sein. Dem kann man uneingeschränkt beipflichten.

          Annette Frier, Christoph Maria Herbst, Maren Kroymann, Hannelore Hoger (mit Stippvisitenbesuch) – mit dieser Spitzenbesetzung hätte man einiges anfangen können. „Hotel Heidelberg“ aber sieht nun aus wie ein überlanges Vorabendprogramm. Konflikte um Kinderwunsch (es wird ein trauerunfähiger Waisenjunge in Muthesius’ psychologische Praxis eingeführt, der am Ende das neue Familienmitglied abgibt), Erbschleicherei und Stalking im Hotel werden künstlich aufgebauscht, täuschen aber über die lähmende Grundstimmung nicht hinweg (Regie Edzard Onneken, Kamera Martin Schlecht).

          Auch Kathrin Ackermann als giftspritzende Tante Ingrid entpuppt sich nur als einsamkeitsgeschädigt. Martin Rauhaus’ Drehbuch umspült Themen und Konflikte mit lauwarmem Hotelbadewasser. Stephan Grossmann als Annettes Bruder Stefan ist zum Empfangs-Hiwi degradiert worden, Nele Kiper als Schwester Floriane wird telefonisch zugeschaltet: zwei Figuren, zu denen dem Buch nichts mehr einfällt, was gerade bei Grossmann schade ist. Durch eine Intrige von Ingolfs Ex-Patientin Tilda (Annika Kuhl), die per Internet üble Bewertungen fälscht, gerät das Hotel an den Rand der Pleite. Annette befürchtet, schließen zu müssen. Ein weiser Entschluss. Wer nach Heidelberg reist, buche woanders.

          Hotel Heidelberg läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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