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TV-Serie „Private Eyes“ : Hier wird vornehmlich Herzblut vergossen

  • -Aktualisiert am

Nichts bleibt verborgen: Jason Priestley als Privatdetektiv Matt Shade. Bild: Shade PI Productions

Flinke Zunge, schrullige Verbrechen, lässige Romantik: Das Konzept von „Private Eyes“ ist nicht gerade neu. Trotzdem wirkt die Detektiv-Serie frisch und feiert Erfolge. Wie kommt das?

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          „Dieser Oldtimer ist dreißig Jahre alt und schnurrt immer noch wie ein Kätzchen; müssten gerade Sie nachvollziehen können.“ Sätze wie dieser, den der draufgängerische Ex-Eishockey-Profi, Retro-Porsche-Fahrer und neuerdings – schon sein Name prädestiniert ihn dazu – Privatdetektiv Matt Shade (Jason Priestley) seiner adretten, nicht weniger schlagfertigen Chefin Angie Everett (Cindy Sampson) frech entgegenwirft, fliegen uns hier regelrecht um die Ohren. In diesem Fall darf man den Ausruf wohl auch autoreferentiell verstehen: „Private Eyes“, eine neue Comedy-Krimiserie aus Kanada, wirkt wie dreißig Jahre altes, liebevoll poliertes Oldtimer-Fernsehen, und zwar bis hinein in die von Dear Rouge großartig neu eingespielte Titelmelodie von Hall & Oates aus dem Jahr 1981. Das soll nicht abschätzig gemeint sein. Es war ja nicht alles schlecht in den Achtzigern.

          Flinkzüngigkeit hielt man damals noch nicht für Hausieren mit der eigenen Kreativität oder zynisches Drückebergertum angesichts der Komplexität der Welt. Schon gar niemand dachte beim Necken mit Geschlechterklischees – inzwischen ein Schlachtfeld der Verbissenheit – an den Twitter-Pranger oder an Prozesse vor Arbeitsgerichten. Der flotte Spruch, das war eine Lebenseinstellung, war postpolitische Leichtigkeit der Like-Ice-in-the-Sunshine-Generation. So sexistisch die Blickrichtung mitunter noch sein mochte, tauchte jetzt auch überall die Powerfrau auf, die sich – ob tough, ob mit kokettem Mädchencharme – ihre eigene Stellung eroberte. Man denke nur an „Moonlighting“, hierzulande als „Das Model und der Schnüffler“ bekannt, jene vom Wortwitz lebende Privatdetektiv-Serie, in der ein noch unbekannter Bruce Willis den Kindskopf-Macho gab, der von seiner eben nicht nur bildschönen Partnerin regelmäßig um den Finger gewickelt wurde.

          Das alles hat man so ähnlich nun auch hier, was derart leichtherzig heute vielleicht nur noch im fernen, glücklichen, geschlechtergerechten Kanada möglich ist. „Private Eyes“, fast so etwas wie die Fortsetzung von „Moonlighting“, spielt nicht zufällig, sondern programmatisch in Toronto, hebt sich allein schon durch den fast schon europäisch anmutenden Straßenbahn-Spleen von Produktionen aus den Vereinigten Staaten ab. Nur durch den Kanada-Bezug wird auch verständlich, dass der ehemalige Eishockey-Champion Shade als nationale Ikone ständig erkannt wird: Weniger Undercover-Eignung ist kaum möglich. Zwei typische Familienangehörige des männlichen Helden erweitern den Figurenpool: seine kluge, weitgehend blinde Teenager-Tochter Jules (Jordyn Negri) und ein moralisch überkorrekter Vater (Barry Flatman). Viel Tiefgang ist da nicht, noch weniger Überraschung.

          Die allermeiste Zeit kabbelt sich Shade jedoch mit der hübschen Polizistentochter Angie, die nach dem Tod ihres Vaters (natürlich ein Held) dessen Detektivagentur übernommen hat. Wie die beiden Zentralfiguren überhaupt aufeinandertreffen, erzählt die atmosphärische, aber vom Plot her etwas schwache Pilotepisode, in der es um eine läppische Doping-Intrige im Eishockey geht. Schon in der zweiten Folge muss dann an einem redlich genervten Polizisten (Clé Bennett) vorbei ein Mordfall aufgeklärt werden, denn das Enfant terrible – oder besser Terrine – der Torontoer Restaurantszene wurde abgemurkst. Dem weltgewandten Shade ist der Sternekoch natürlich ein Begriff – „ultrahippe Fusionsküche mit russischem Flair“ –; Angie Everett hingegen bevorzugt fieses Fastfood.

          Das klingt nicht nur nach einem Münster-„Tatort“. Tatsächlich bilden die Protagonisten ein klassisches „Odd Couple“: der naturbegabte Angeber und die leicht schusselige Profidetektivin. Aber freilich ist da noch etwas anderes, denn weit mehr als nur Krimi ist die von Tim Kilby und Shelley Eriksen kreierte Serie eine luftige Romanze. Nicht das Tempo der Dialoge oder das halbironisch Komödiantische der Ermittlungen machen den Charme dieser Serie aus, sondern vor allem die knisternde Chemie zwischen den Protagonisten. Eine solche Stimmung versucht zwar heute jede zweite Produktion herzustellen, aber es gelingt selten auf so unbeschwerte, niedliche Weise. In „Bones“ beispielsweise wurde es irgendwann zu ernst mit der Beziehung.

          Über bislang zwei Staffeln (die dritte wird soeben gefilmt) trägt der Dauerflirt zwischen Shade und Angie bereits. Gemeinsam haben die beiden seit 2016 zahllose Viertel und Szenen der mondänsten kanadischen Stadt durchstreift. Man kann an diesen Streifzügen nun also auch in einer überzeugend synchronisierten deutschen Fassung teilnehmen, Entspannungsfernsehen für Abende, an denen die Aufmerksamkeit für komplexe horizontale Meisterwerke nicht mehr ausreicht. Das lernt man an erzählerisch eher schlicht gebauten prozeduralen Serien ja gerade neu schätzen: Man kann ein- und aussteigen, wo man möchte, und geht trotzdem nicht verloren. Wie bei der gemütlich rumpelnden Straßenbahn.

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