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„Chambers“ bei Netflix : Herz essen Seele auf

  • -Aktualisiert am

Herzhaft besessen: Sivan Alyra Rose als Sasha Yazzie Bild: Netflix

Schönes Kammerflimmern: Die Netflix-Serie „Chambers“ erzählt noch einmal vom Gast im eigenen Körper. Handlung und Mystik schrammen nah am Witz vorbei, aber die Figuren bestechen.

          3 Min.

          „Ditat Deus“ ist das Staatsmotto Arizonas, „Gott bereichert“. Im hitzeflirrenden Süden der Vereinigten Staaten, wo das rote Land an ein kosmisches Jenseits erinnert und ein großer Teil der Bewohner hispanischer oder indianischer Abkunft ist, war man dem Spirituellen immer schon stark zugeneigt, sei es dem strammen Christentum, sei es der Kirche der Mormonen oder indigenen Kulten. Eine Serie, die von Seelenwanderung erzählt und eine tragisch-heroische Jungfrau als Heldin installiert, gerade hier anzusiedeln hat ihre Stimmigkeit. Dass die überwältigende Landschaft mit ihren endlosen Ebenen, Felsklüften und Sandstürmen mehr ist als bloßer Ort der Handlung, nämlich so etwas wie das Energiezentrum – oder, ja, die Seele – dieses trotz hochdramatischer Momente eigenartig entschleunigten Psycho-Mysto-Horror-Thrillers von Leah Rachel, das machen die Bilder in ihrer wuchtig cinemaskopischen Pracht von Beginn an klar.

          Während der unvergleichliche Morrissey singt „Does the body rule the mind / Or does the mind rule the body? / I dunno“, rollen Sasha Yazzie (Sivan Alyra Rose meistert ihre erste große Rolle mit Bravour) und ihr Freund TJ Locklear (Griffin Powell-Arcand) im Abendlicht einem erhabenen Gewitterhorizont entgegen. Ein Fest soll es werden, die Nacht der Nächte: Sashas Abschied von der Jungfräulichkeit. Der Matratzenladen von TJs Vater bietet sich da ganz natürlich an. Dann aber greift Übermächtiges in den allzu menschlichen Akt ein, bricht der Himmel auf und bricht, ganz wörtlich, das unschuldige Herz. Ein Infarkt, wird man uns später erklären, aber wir haben ja die Zeichen gesehen und den Donner vernommen – Zeichen sind hier überhaupt selten zu übersehen.

          Abstoßung auf geistiger Ebene

          Nur durch eine Transplantation kann die aus einfachsten indigenen Verhältnissen stammende, elternlose Protagonistin gerettet werden. Ihre lebenslustige Freundin Yvonne (Kyanna Simone Simpson) und Sashas Onkel, der gutmütige Titan und Aquarienhändler Big Frank (Marcus LaVoi), geben sich Mühe, die Genesende aufzupäppeln. Tatsächlich verträgt sie das neue Herz erstaunlich gut, körperlich zumindest, aber die Abstoßung erfolgt nur umso kräftiger auf der geistigen Ebene, die hier, unter Metaphysikern, natürlich die Oberhand über alles Körperliche behält. Die Heldin bemerkt allmählich (und wenig originell), dass ihr mit dem fremden Organ offenbar auch die Erinnerungen ihrer Spenderin eingepflanzt wurden, erschreckende, blitzartige Visionen, die oft mit dem mysteriösen Badewannentod der jugendlichen Becky (Lilliya Scarlett Reid) zu tun haben.

          Die interessante, gern mit veränderten Radien um dieselben Ereignisse rotierende Erzählweise stellt dieser inneren Entwicklung der gespaltenen Persönlichkeit kontrastierend eine äußere entgegen, indem die Eltern der Toten, die reichen Lefevres, die anfangs widerwillige Sasha in ihre arg ominöse, glaubhaft traumatisierte Familie aufnehmen. Sie statten die Trägerin des Herzens ihrer Tochter zudem mit einem Stipendium für Beckys Eliteschule aus, so dass sich Sasha auch hier als Wiedergängerin fühlen muss. Die emotionalen Begegnungen der Heldin mit Beckys Eltern, der an den Rand des Wahnsinns getriebenen Mutter Nancy (eine im Schmerz besonders starke Uma Thurman) und dem Zuflucht in der New Age-Esoterik suchenden, geheimnisvollen Vater Ben (Tony Goldwyn), bilden die Höhepunkte der Serie, die allen Horrorelementen zum Trotz eigentlich von Traumabewältigung handelt. Weniger überzeugend wirkt schon die klischeehafte Rolle des Bruders (Nicholas Galitzine) der Toten, ein neureicher Drogen-Bubi, der ebenfalls manches aufzuarbeiten hat und Sashas Verbündeter wird.

          Danach geht erst der wahre Hexensabbat los

          Die Regie lässt kaum einen Topos der klassischen Besessenheitsthematik aus, Musik ertönt für Sasha, wo keine ist, die Gesichte jagen einander, verzottelte Mahnerinnen mahnen, aber lange noch lassen sich die Heimsuchungen mit Panikattacken oder Träumen erklären. Wir wissen freilich aus unzähligen Filmen, dass untote Seelen erst loslassen können, wenn ihr dunkles Geheimnis gelöst ist. Das gilt auch hier. Aber dieser sozusagen kriminologische Strang erreicht seinen Höhepunkt bereits in der Mitte der Staffel. Danach geht erst der wahre Hexensabbat los. Leah Rachel übersteigert derweil die Genre-Ingredienzen lustvoll bis an die Grenze der Parodie, erfreut sich an bleichen Zombies, Masken und Ritualen, verwendet Überblendungen wie in der Frühzeit des Horrorfilms, wuchert mit Symbolen, lässt Mädchen in Spiegel schlüpfen oder Hitchcocks Vögel auf die Heldin einprasseln.

          Natürlich standen hier alle Schockerfilme von „Caligari“ bis „Suspiria“ Pate, aber auch eine gewisse Nähe zu „Twin Peaks“ lässt sich ausmachen; gar nicht so sehr, weil es motivische Parallelen wie das tote hübsche Mädchen oder den indianischen Gegenzauber gibt (Sasha ist zumindest halbe Navajo), sondern weil die – freilich in allen Aspekten deutlich femininere – Produktion Rachels ebenfalls ein gutes Gleichgewicht findet zwischen dem Porträtieren verzweifelter oder liebenswert verschrobener Individuen, darunter viele Jugendliche, und einer sich nicht vor Ausflügen ins Mythologische und Psychoanalytische scheuenden Meditation über das innere Böse.

          Und doch bleibt das Ergebnis von David Lynchs genial verdichteter, unvorhersehbarer Schizopoesie weit entfernt: „Chambers“ ist ein atmosphärischer, überzeugend gespielter, massenkompatibler Mystik-Thriller mit klarem Plot und vielschichtigen Charakteren, aber mit zu vielen Wiederholungen und erzählerischen Schwächen ausgerechnet auf der Zielgeraden ins Hokuspokus-Stereotyp, wo die Entwicklung nicht mehr durch die Figuren selbst motiviert scheint, sondern aufgesetzt wirkt. „Ask me why, and I’ll die“ hatte uns doch der Smith-Song noch vor dem Jungfrauen-Opfer in seine depressiven Harmonien gewickelt. In der Tat, man hätte die Frage offenlassen können.

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