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Arte-Serie „Mut zur Liebe“ : Von Mann zu Mann

Bekennt er sich zu seiner Neigung? Victor (Benjamin Voisin). Bild: Arthur Farache Sauvegrain

Victors Vater ist ein engagierter Sozialist und Vorzeigeliberaler. Doch dass sein Sohn schwul ist, damit kommt er nicht klar. Wie schwer das dem Sohn das Coming Out macht, zeigt die Arte-Serie „Mut zur Liebe“.

          2 Min.

          Dem Gefühl nach liegt das Jahr 1981 sehr lange zurück. Es war die Zeit von Queens „Flash“ und Abbas „Super Trooper“, von Friedenskundgebungen im geteilten Europa und ersten Berichten über Aids. Für Frankreich war es aber auch das Jahr des Umdenkens: Als der Sozialist François Mitterrand Präsident wurde, sorgte er für lange fällige Reformen. Seine Wahl gab Homosexuellen Hoffnung auf mehr Toleranz.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          In diesem Jahr beginnt die dreiteilige Serie „Mut zur Liebe“, die auf Französisch den treffenderen Namen „Fierté“, Stolz, trägt. Der siebzehn Jahre alte Victor, im ersten Teil von Benjamin Voisin gespielt, arbeitet den Sommer über auf der Baustelle seines Vaters und denkt nur dann, wenn wirklich nichts anderes zu tun ist, darüber nach, was er nach dem Schulabschluss tun könnte.

          Frédéric Pierrot ist als Bauleiter und wunderbar zwiespältiger Vater Charles immer nebenan: ein guter Chef und glühender Sozialist, fair zu seinen Mitarbeitern, verständnisvoll. Bis zu dem Zeitpunkt, als er seinen Sohn dabei beobachtet, wie der in einer stillen Ecke mit dem Sohn des Vorarbeiters herum macht. Da endet die Toleranz. Charles entlässt den jungen Sélim (Sami Outalbali) und will Victor auf den „rechten“ zurückzuführen. Der Vater meint zu wissen, was sein Sohn braucht.

          Kommen sich näher: Sélim (Sami Outabali) und Vicot (Benjamin Voisin).
          Kommen sich näher: Sélim (Sami Outabali) und Vicot (Benjamin Voisin). : Bild: Arthur Farache Sauvegrain

          Mehr als drei Jahrzehnte lang begleitet Regisseur Philippe Faucon Victor dabei, wie er sich aus den starren Denkmustern seines Vaters befreit, während sich um ihn – und weitgehend ohne sein Zutun – Homosexuelle schrittweise Akzeptanz und Gleichberechtigung erkämpfen. Victor lässt die Bauarbeiter, die mit Fleischspießen am Grill sitzen und sich gegenseitig versichern, dass man sein Leben lang dort bleibt, wo man hingehört, hinter sich.

          Auf seinem Weg begegnen ihm spottende Mitschüler, Behörden, in denen Vorurteile Entscheidungskriterien sind, gewalttätige Schwulenhasser, die ihn übel zurichten. Und große Sprachlosigkeit. Die Freundin stellt den Siebzehnjährigen nach wochenlangen unbeholfenen Begegnungen erst dann zur Rede, als jeder weiß, dass er sie nur als Tarnung brauchte. Dem Geliebten Serge (Stanislas Nordey) entzieht sich Victor schweigend, weil er nichts von Zuschreibungen wissen will. Sein Freund Sélim hat panische Angst vor einem Outing, weil er glaubt, das werde sein Leben zerstören, und verweigert den Kontakt. Victors Mutter sitzt stumm am Tisch, wenn der Vater seine Reden schwingt.

          Erst als ihm der lebenserfahrene Serge deutlich macht, dass er eines Tages zu seiner Neigung stehen muss, beginnt Victor nachzudenken. „Hand in Hand spazieren gehen, sich im Licht des Mondes tief in die Augen schauen – so läuft das nicht im wirklichen Leben“, ruft er ihm störrisch entgegen. Gegen die Dummheit der Menschen anzugehen, habe keinen Sinn. Worauf der Ältere nur erwidert: „Du pfeifst also darauf, respektiert zu werden?“

          Die Entwicklung des Jungen, der nirgends dazugehört, zu einem erfolgreichen Architekten, der alles erreicht, was er sich in den Kopf gesetzt hat, ist vor allem deshalb beeindruckend, weil sich in ihr die Ausgrenzungserfahrung mit den bekannten Prüfungen des Erwachsenwerdens vermischen. Der Starrsinn des Vaters, sein Mangel an Einfühlung und die Neigung zu blinder Wut, sie setzen sich bei Victor fort. Philippe Faucon zeigt hier nicht nur das Heranwachsen eines schwulen Jungen in einer Zeit der Umbrüche, sondern auch eine Generation, in der jeder nur für sich kämpft. Den Moment, sich mit seinem Vater zu versöhnen, verpasst Victor. Im Jahr 2013 ist er mit seinem pubertären Sohn genauso überfordert wie der Vater damals – und wie seine alleinerziehende Exfreundin. „Wir waren früher nicht so“, seufzt sie beim Spazierengehen im Park.

          Die Serie „Mut zur Liebe“ stemmt sich gegen Stereotype und lässt ihre Charaktere reifen, aber sie traut sich leider nicht viel zu, bleibt chronologisch, ohne Experimente. Obwohl die Dialoge manchmal starr klingen: Die Schauspieler sind glaubwürdig, und ihnen und dem langen Atem des Regisseurs ist es zu verdanken, dass man Victors Kampf um den Stolz am Ende wirklich zu verstehen glaubt – und mit ihm den der anderen.

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