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Neue Staffel „Game of Thrones“ : Schlachtgesänge aus der Mördergrube

Bild: RTL II

Mittelalterpanoptikum zwischen Palaver und Turnier? Das Fantasy-Epos „Game of Thrones“ bietet viel mehr. Auch in der vierten Staffel trifft visuelle Pracht auf Familiendramen wie bei Shakespeare.

          4 Min.

          Jedes Jahr ziehen mehr Menschen auf der Welt am Wochenende in den Wald und auf die Heide und spielen vergangene Zeiten nach. Sie ziehen sich selbst genähte Leinenkleider oder Kettenhemden oder bunte Filzjacken an, sie tragen Schilde und Schwerter herum und werfen mit Speeren auf Strohsäcke, sie schlafen in Zelten und Hütten und kochen unter Burgmauern Gerstensuppen. Was sie tun, nennt man mit einem englischen Begriff „reenactment“, Wiederaufführung, aber es ist natürlich keine Wieder-, sondern eine Erstaufführung, die Neuerfindung des Historischen mit den Mitteln und Phantasien der Gegenwart.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Für alle diese Menschen und für die vielen Millionen, die nicht selbst Kettenhemden anziehen und Gerstensuppe löffeln, sondern lieber anderen dabei zusehen, gibt es die Serie „Game of Thrones“. Sie macht das Reenactment zum Erzählprinzip. Das Mittelalter, in dem sie spielt, ist kein bestimmtes, kein Ausschnitt aus dem zwölften oder vierzehnten Jahrhundert nach Christus, sondern ein absolutes, frei erfundenes, das aus der Feder des Fantasy-Autors George R. R. Martin stammt. Martin kennt sich aus in der europäischen Geschichte zwischen 500 und 1500, zugleich aber kann er, da er an keinen historischen Wahrheitsanspruch gebunden ist, mit ihren Epochen frei schalten und walten.

          Sandor Clegane (Rory McCann) kennt keine Moral. Seit sein Bruder ihm im Kindesalter grausam das Gesicht verbrannte, ist Feuer seine einzige Angst. Bilderstrecke
          Sandor Clegane (Rory McCann) kennt keine Moral. Seit sein Bruder ihm im Kindesalter grausam das Gesicht verbrannte, ist Feuer seine einzige Angst. :

          Deshalb sind die Ereignisse und Gestalten der bislang fünfbändigen Saga „Das Lied von Eis und Feuer“, auf der die Serie fußt, mit antiken, frühneuzeitlichen und sogar modernen Elementen durchsetzt, es gibt darin Legionäre, hochbordige Segelschiffe und Zombies, die „weiße Wanderer“ heißen. Und es gibt, natürlich, das ganze Inventar der mittelalterlichen, halb heidnischen Vorstellungswelt, Drachen, Riesenwölfe, Zauberinnen, Hellseher, Omen, Orakel, heilige Bäume. Nur das Christentum fehlt, mit seinen Päpsten, Bischöfen, Kreuzzügen, Häresien und theologischen Debatten; es hätte die bei aller Unübersichtlichkeit sauber geordnete Ritterwelt des George Martin zu sehr durcheinandergebracht.

          Wechsel zwischen Kampf und Dialog

          Und trotzdem sind alle diese Ingredienzen, vermischt mit den vom Produzentenduo David Benioff und D. B. Weiss stets üppig dosierten optischen Bindemitteln Sex und Gewalt - was der Serie in Deutschland eine Freigabe ab sechzehn Jahren eingetragen hat -, keine Garantie für erzählerisches Gelingen. Im Gegenteil, Martins von Rand- und Nebenfiguren wimmelndes Fantasy-Panoptikum ist gerade wegen seiner Vielgestaltigkeit immer in Gefahr, zu zähem Quark zu erstarren.

          Man sieht das in der ersten Episode der vierten Staffel, die als ermüdende Folge von Zweier- und Dreiergesprächen, Verhandlungen und Beratungen daherkommt, unterbrochen von ebenso sinn- wie sinnlichkeitsfreien Bordellszenen, denen ihre Funktion als Pausenfüller überdeutlich anzumerken ist. Es gibt eben immer viel zu erklären in „Game of Thrones“, und wenn, wie diesmal, gleich mehrere Erzählstränge neu geknüpft werden müssen - eine Hochzeit, die in der Hauptstadt Königsmund vorbereitet wird und dem verhassten Herrscher Joffrey (Jack Gleeson) den ersehnten Erben verschaffen soll; der Angriff eines Riesenheers von Wildlingen, vor dem der Heimkehrer Jon Schnee (Kit Harington) seine Vorgesetzten in der Schwarzen Festung warnt, die den Eiswall an der Nordgrenze der Sieben Königreiche bewacht; der Vormarsch der Drachenmutter Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) und ihrer Truppen auf die Sklavenstadt Meereen, der weniger logistische als moralisch-ideologische Probleme aufwirft -, wird der Bildschirm leicht zum Debattierklub. Auch das Mittelalter war, wie wir wissen, mehr Palaver als Turnier. Aber man muss das ja nicht gleich im Kostümfernsehen nachmachen.

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