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„Future Man“ bei Amazon : Wo Wolf und Tiger sich gute Nacht sagen

„Zurück in die Zukunft“ ist nichts dagegen: Josh Futterman (Josh Hutcherson) muss sich in seiner Rolle als „Retter“ erst noch zurechtfinden. Bild: Hulu/Sony Pictures

Dann ist ein Mann ein Mann: Die Zeitreiseklamotte „Future Man“ suhlt sich in brutalen Vulgaritäten, ist aber überraschend komisch.

          3 Min.

          In Zeiten des medialen Überflusses ist es angenehm, wenn eine Serie einem die Wahl erleichtert. Wenn sie die edleren Gemüter gleich abschreckt. Wenn sie von der ersten Folge an die Hosen herunter lässt und der Zuschauer weiß, was ihn erwartet. Die Serie „Future Man“ zieht von Beginn an sämtliche Register und wälzt sich johlend in einer explosiven Mischung aus grotesk überzogenen Gewaltdarstellungen und einem Humor, von dem man auf den ersten Blick gerne sagen würde, dass er auf dem Niveau alberner Viertklässler ist, obwohl jeder weiß, dass er sich – ja, vielleicht überwiegend bei Männern – bis ins hohe Alter einer großen Beliebtheit erfreut. Man hatte diese Art von gleichzeitig abstoßendem und herzerwärmendem Krawallhumor im Gedränge der braven, smarten und stromlinienförmigen Coffee-Table-Book-Serien fast für ausgestorben gehalten.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun aber haben die Schöpfer der Serie, Kyle Hunter und Ariel Shaffir, gemeinsam mit den für eben jenen Humor berühmt und berüchtigten Seth Rogen und Evan Goldberg („Sausage Party“) eine tobende Zeitreiseklamotte produziert, die den tollen Effekt hat, dass der Zuschauer auch humortechnisch durch die Zeit reist. Das heißt: Hier überlappen sich der stets überdrehende Slapstick der Achtziger und der anspielungsreiche und mitunter genauso anstrengende Verweis- und Fragmenthumor von heute. Und das stellt „Future Man“ auch ganz selbstbewusst aus.

          Bedroht nach einer Superimpfung

          Als Josh Futterman (Josh Hutcherson) das letzte Level des bluttriefenden Videospiels „Biotic Wars“ freispielt, stehen plötzlich die beiden Spielcharaktere Tiger (Eliza Coupe) und Wolf (Derek Wilson) in einer Hand-vor-die-Stirn-Fremdschäm-Szene leibhaftig vor ihm. Sie erklären, das Spiel sei nur eine Art Rekrutierungsmaßnahme aus der Zukunft, um „den Retter“ ausfindig zu machen. Filmzitat im Zitat: „Willkommen beim Widerstand“. Denn in der Zukunft wird die Welt nach einer schiefgegangenen Superimpfung wirklich von „Biotics“ bedroht.

          „Das“, stellt Josh entrüstet fest, „ist ,The Last Starfighter‘; es ist exakt die gleiche Handlung.“ Er meint den Film aus dem Jahr 1984, in dem Außerirdische via Videospiel einen fähigen Piloten suchen, um ihren Krieg zu beenden. Es ist dann natürlich viel mehr als das: „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“, namentlich erwähnt, „Zurück in die Zukunft“, immer wieder „Terminator“, „Minority Report“, „War Games“ und allerlei intertemporale Bildresonanzen, die von „Easy Rider“ und „Apocalypse Now“ bis hin zu „Breaking Bad“ reichen.

          Aus Spiel-Charakteren werden Mitspieler: Tiger und Wolf erscheinen Josh Futterman leibhaftig.

          Josh, der immer noch bei seinen liebevollen Eltern Gabe (Ed Begley jr.) und Diane (Glenne Headly, die leider nach dem Dreh der fünften Episode plötzlich verstarb) wohnt und als Hausmeister in einem Forschungslabor arbeitet, das sich der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten verschrieben hat, verfügt über ein profundes Wissen über Zeitreisen: „Kann ich einen Dinosaurier sehen?“ Nur nützt es wenig. Denn er hat nicht die Killerqualitäten, die ihm qua virtuellem Erfolg zugetraut werden, wird in der Folge zwischen Logik und Wirklichkeit der Spielwelt (in Form von Wolf und Tiger) und seiner eigenen, wandelbaren Realität zerrieben. Retten kann er die Situationen dennoch – durch Gutmütigkeit, Nächstenliebe und Empathie, auch wenn ihm für sein aus der Mode gekommenes Gutmenschentum immer wieder literweise Theaterblut um die Ohren fliegt.

          Was „Future Man“ – neben einem ausgeschlafenen Bildkonzept (Kamera Brandon Trost, Cort Fey) und einer liebevollen Ausstattung – fast unantastbar macht, ist, dass nichts heilig ist. Hier wird in alle Richtungen getreten, geschlagen und gespuckt. Und wenn die Gags nicht zünden, dann sind sie zumindest von rührender Blödheit. So wird die junge Version des Herpesforschers Elias Kronish (Keith David) bei der Party einer schwarzen Studentenverbindung in einem „Dance-off“ von Josh im Astronautenkostüm mit den naheliegenden „Moonwalk“-Moves von Michael Jackson geschlagen, woraufhin jemand begeistert dessen Cousin anruft, um ihm zu erzählen, dass er Cousin Michael endlich bei seinen Tanzbemühungen unterstützen kann. Dass er dabei wie selbstverständlich zu Joshs verlorenem Handy greift, gehört zu den subtileren Spielarten der Komik von „Future Man“.

          Reichlich Gags generiert die Serie aus dem gern im Gäste-aus-fremden-Welten-Genre verarbeiteten Konflikt zweier Weltanschauungen. In diesem Fall jene aus dem komfortbesoffenen 21. Jahrhundert und einer Post-Apokalypse. In der ist das Wort „Mund“ durch die Bezeichnung „Rattenloch“ ersetzt worden, weil es nicht anderes mehr zum Verzehr gibt als – Ratten. Es gibt kein Geld mehr; was Liebe ist, weiß auch kein Mensch. Tiger zuckt zusammen, als sie sieht, wie eine Mutter ein kleines Kind vor der Brust hält, und fragt entsetzt, warum die Frau „diesen hässlichen, geschrumpften Mann“ durch die Gegend trägt.

          Eine der schönsten Episoden findet im Haus „des diabolischsten Kanadiers aller Zeiten“, des Regisseurs James Cameron, statt. Es wird von einer geknechteten Computerstimme, der „Simulated Intelligence Guardian of Residence and Network Environment“, kurz „Sigorn-E“, bewacht. Ihr „Meister“ James Cameron hat im Jahr 2023 mit seinem neuen Unterseeboot eine Lebensform entdeckt, die sich zu einem hochenergetischen Biotreibstoff namens „Cameronium“ verarbeiten lässt, der wiederum die Zeitmaschine antreibt.

          Alle, die von „The Big Bang Theorie“ und deren Nerd-Stereotypen-Witzchen aus dem Komik-Physikbaukasten genervt waren, haben es bei „Future Man“ nun der Humorgattung nach mit einer Art mechanischem Velociraptor samt Schellenkranz zu tun. Und so schaut man dieser Geschmackskarambolage fasziniert zu, während man es mitunter vor lauter umherfliegenden Körperflüssigkeiten und Unterleibswitzen kaum fassen will, stets bemüht reflexartig und pünktlich die Nase zu rümpfen, ohne zu bemerken, wie herzlich man gerade über den darauffolgenden Gag lacht. Rette sich, wer will.

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