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„Straight Family“ auf Funk : Kennt ihr das auch?

Bild: Youtube

Funk, die Jugendplattform von ARD und ZDF, zeigt eine neue, „queere“ Serie. Mit Geschlechterrollen hat „Straight Family“ gar nicht so viel zu tun. Diskutieren soll man am Ende trotzdem.

          Eine junge Frau mit Kapuzenpulli sitzt im Zug und liest versonnen, ihr Blick schweift aus dem Fenster, durchs Abteil. Immer wieder begegnet er dem einer anderen, Dunkelhaarigen, die ein paar Reihen hinter ihr sitzt. Die lächelt, steht auf, läuft in einer sehr figurbetonten Jeans sehr einladend vorbei. Momente später liegen sie sich auf der Bahn-Toilette in den Armen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit dieser die Sanitäranlagen der Deutschen Bahn in schillerndes Licht rückenden Anfangsszene will die Serie „Straight Family“ in die Lebenswelten junger Menschen einsteigen: Nach letztem Stand der Recherchen reist diese Spezies durch Neuseeland oder braut mit Betäubungsmitteln versetzten Schnaps, hat Geschwister, die schwul oder lesbisch sind, oder ist es selbst, muss sich mit reaktionären Großeltern befassen, nimmt Drogen. Und sucht auf öden Bahnfahrten Zerstreuung.

          Queer-Bar statt Bier-Bar

          Die Recherchen sind auf sieben Studierende der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zurückzuführen, die „Straight Family“ unter der Leitung von Jana Buchholz produziert haben, nach amerikanischem Vorbild, wie es jetzt bei Funk heißt, wo es als „queere Webserie“ zu sehen ist. Nur wenige Minuten dauern die bisher verfügbaren fünf Folgen. Sie handeln von Lara (Luise Helm), die gerade festgestellt hat, dass sie lesbisch ist, und ihrer Familie, dem Bruder Leo (Ben Münchow), der mit seinem Freund eine Queer-Bar betreibt, die aber der homophoben Großmutter gehört. Die glaubt immer noch an die Tradition ihrer Bierkneipe und droht mit der Enterbung.

          Austauschschülerin Ximena (Adriana Jacome, rechts) überlegt fieberhaft, wie sie die Familie wechseln kann.

          Man kann sich natürlich fragen, warum bei Funk ein entsprechend deklariertes Format erscheint, während man bei ARD und ZDF sonst gern auf klassische Rollenbilder setzt. Dann geht es aber gar nicht besonders um Genderfragen, sondern um den Versuch einer Familie, beim Besuch der Großmutter den Schein von Normalität zu wahren. Das gerät äußerst skurril: Der verstorbene Familienvater sitzt als Pappfigur am Esstisch. Die Küche der Kneipe ist ein gekachelter Ort, an dem man weitaus Schlimmeres erwarten würde als das klägliche Ende eines Backhähnchens. Die Großmutter, eine herrlich giftige, neunzig Jahre alte Us Conradi mit gelbem Hut, verwandelt sich im Delirium der Austauschschülerin in ein riesiges Küken. Immerhin: Der Auftritt der Mutter, die Lara mit den Worten „Ich mochte Deine langen Haare so sehr“ begrüßt, ist aus der Lebenswirklichkeit gegriffen.

          Magda (Us Conradi) stößt auf ihren Sohn an.

          Das ist alles sehr unterhaltsam und erinnert ein wenig an Bryan Fullers bizarre Märchenserie „Pushing Daisies“. Und Luise Helm, die sich als Lara beim Kiffen geschworen hat, die Wahrheit über ihr Sexleben zu sagen, darf sogar ein paar Weisheiten beitragen: „Toleranz heißt für mich, das wir nett zueinander sind, obwohl wir uns nicht verstehen“, erklärt sie ihrem Bruder.

          Wären da nicht die bemühten Abmoderationen nach jeder Folge, in denen je ein Protagonist ganz unprätentiös fragt: „Vielleicht kennt ihr sowas auch?“ Die schlimmsten Drogenerlebnisse und intimsten Geständnisse sollen dann bitte in der Kommentarspalte mitgeteilt werden. Auf der Website heißt es, eine Online-Auswertung sei geplant. Was auch immer Funk mit dem Ergebnis vorhat, es ist peinlich und nimmt den Folgen ihre Wirkung. Am Ende eskaliert dann noch alles in feinster Trashmovie-Manier. Man rechnet mit dem entsprechenden Abspann. Aber so weit, über das Schicksal debattieren zu lassen, ist man dann doch nicht.

          Straight Family ist auf Funk und auf Youtube abrufbar.

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