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Serie „Foundation“ bei Apple : Mathe als Gebet und Kriegserklärung

Selbst auf die entlegenste Geröllwelt scheint das Licht des Wissens: Salvor Hardin (Leah Harvey) lernt das Staunen Bild: AP

Geht die Zivilisation unter, wenn wissenschaftliche Vorhersagen verhallen? Die Streamingserie „Foundation“ inszeniert dieses Riesenproblem als kolossale Weltraumoper.

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          Es geht um Kopf und Kragen: Hier steht einer als Staatsfeind vor Gericht, weil er offen sagt, dass sich ein künftiges Unheil, von dem er aufgrund unumstößlicher Berechnungen weiß, keinesfalls mehr abwenden lässt, egal, wie bereitwillig die Prognose von Mächtigen oder Ohnmächtigen geglaubt und wie rasch gehandelt wird. Der Mann behauptet, dass nach dem todsicheren Zusammenbruch der Zivilisation eine Quintillion Menschen, verstreut auf Millionen Welten zwischen den Spiralarmen der Milchstraße, ganze dreißigtausend Jahre Barbarei erwartet – es sei denn, man erlaube ihm und vierzigtausend handverlesenen Hilfsbereiten, alles verfügbare Menschenwissen in sicheren Speichern zu konzentrieren.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Dann nämlich käme die grässliche Finsternis aus Dummheit und Gewalt, die alle Kultur und Gesittung unter sich begraben muss, zwar trotzdem, müsste aber nur tausend statt dreißigtausend Jahre währen, weil Gebrauchsanweisungen für ein sinnvolleres und schöneres Leben bereitstünden. Der Angeklagte verschweigt dabei, dass sein Tausendjahresplan das beschriebene Archivprojekt in Wahrheit nur als Tarnung vor sich her trägt. In Wirklichkeit führt er längst eine geheime Fortschrittspartei an, deren auf viele Generationen angelegte Strategie von der technischen über die religiöse bis zur wirtschaftlichen Politik reichen muss, unter bereits vorauskalkuliertem Krisendruck.

          Der Mann heißt Hari Seldon. Erfunden hat ihn vor achtzig Jahren der Schrift­steller Isaac Asimov für seinen Geschichtenzyklus um die „Foundation“ (also „Basis“ oder „Stiftung“; das Wort bezeichnet besagte Jahrtausendverschwörung). Diverse Anläufe, die „Foundation“-Saga zu ver­filmen, liefen gegen unterschiedliche ­Wände. Jetzt riskiert AppleTV+ das Wagnis als Stream; den „alten Raben“ Seldon spielt darin Jared Harris, bekannt geworden als klassenbewusster Überlebensprügel Anderson Dawes in „The Expanse“. David S. Goyer und Josh Friedman, Urheber der Adaption, vertrauen Asimovs Stoff allerdings nicht einfach Hari Seldon an, wie man eine große Geschichte einem Helden in die Hände legt, sondern zunächst der Stimme einer Nachwuchsdenkerin namens Gaal Dornick, die im Dunkeln gern Primzahlreihen flüstert und auf ihrem rückständigen Heimatgestirn einen Mathewettbewerb gewonnen hat. So darf sie jetzt zur Hauptwelt der galaktischen Zivilisation reisen, nach Trantor, um dort eine Stelle bei Seldon anzutreten.

          Der trägt ihr sofort die finsteren prophetischen Konsequenzen seiner neuen mathematischen Disziplin vor, der „Psychohistorie“, einer Synthese aus Wahrscheinlichkeitsrechnung, Ökonometrie und politischer Arithmetik. Über Menschenmassen weiß diese Lehre viel, über Individuen fast nichts. Der Abstand zwischen dem großen statistischen Gemälde und der einzelnen klugen jungen Frau funktioniert dabei als Modell der ganzen Show: Gaal Dornick kündigt umgehend aus dem Off an, dass Solitäre mit Namen wie „Salvor Hardin“ oder „The Mule“ den Gang, besser: den Sturz der Geschichte entscheidend beeinflussen werden.

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