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Spielbergs „Amazing Stories“ : Horror, ganz nach Plan

  • -Aktualisiert am

Auf Zeitreise: Victoria Pedretti und Dylan O’Brien in der ersten Episode von „Amazing Stories“. Bild: Apple+

Die Fortsetzung von Steven Spielbergs Achtzigerjahre-Serie „Unglaubliche Geschichten“ bei Apple+ beginnt vielversprechend. Doch dann wird es leider wenig zauberhaft.

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          Manchmal muss man es bedauern, wenn etwas nicht entgleist und mit voller Wucht das Bretterhaus des Gewohnten durchbricht. Am Flair des Jahrzehnts des schlechten Geschmacks können wir uns offenbar nicht sattsehen, der Trend der Remakes von Achtziger-Jahre-Filmen hält jedenfalls unvermindert an.

          Auffällig viele dieser Remakes, man denke an „Ghostbusters“ und „It“, aber auch an die geplanten Neuauflagen von „Masters of the Universe“, „Dune“, „Highlander“, „Flash Gordon“, „Flight of the Navigator“ oder „Firestarter“, sind Mystery- oder Sci-Fi-Formate, wobei sie dem Außerweltlichen eher in der drolligen „E.T.“-Variante Aufwartung machen (der freundliche Schrumpel-Alien Steven Spielbergs selbst ist bislang aber nur als kurzer Werbespot zurückgekehrt). Offenbar gibt es eine Sehnsucht danach, dem Mysteriösen seine kindliche Unschuld zurückzugeben.

          Am meisten gefreut hat man sich vielleicht auf die Wiederkehr einer Serie des „E.T.“-Regisseurs, die von 1985 bis 1987 Maßstäbe setzte für das magisch-märchenhafte Erzählen im Fernsehen. Die 47 in sich abgeschlossenen Episoden der „Amazing Stories“ handelten auf liebevoll augenzwinkernde und gemütlich gruselnde Weise vom Einbruch des Übernatürlichen ins alltägliche Leben und erinnerten mit ihrem geschickten, hintergründigen Arrangement der Zufälle mehr an die Kalendergeschichten Johann Peter Hebels oder die Novellen Heinrich von Kleists als an die Klamauk-Narrationen erfolgreicher Serien wie „Das A-Team“ oder „Knight Rider“.

          Eine der stärksten „Unglaublichen Geschichten“ war die erste, von Spielberg selbst inszenierte Episode, „Der Geisterzug“, die uns einen erstaunlichen Knick im Raum-Zeit-Kontinuum präsentierte, aber eigentlich vom Leben mit einer vermeintlichen Schuld und vom Tod handelte. Ein alter Mann, der als Junge das für alle Passagiere tödliche Entgleisen eines Zugs verursacht hatte, erwartet diesen 75 Jahre später noch einmal, einen herandonnernden Geisterzug, der schließlich die Wand des Hauses seiner Nachfahren durchbricht und ihn – er besitzt noch seine Fahrkarte – auf die Reise ins ferne, aber wenig bedrohliche Jenseits mitnimmt.

          Ein „Match“ im Jahr 1919

          Mit diesem spektakulären, bewegenden Requiem hatte es die Pilotfolge (mehr war für Kritiker vorab nicht zu sehen) der von Spielberg für Apples Streamingdienst TV+ produzierten neuen Staffel der „Amazing Stories“ aufzunehmen. Die von Jessica Sharzer geschriebene Episode in der Regie von Chris Long steigt vielversprechend ein. Nach dem gelungen modernisierten Vorspann unter Beibehaltung der Erkennungsmelodie von John Williams beginnt es ebenfalls mit einer Autofahrt zu einem sehr amerikanischen, sehr besonderen Haus, das aber diesmal, ein hübscher Remake-Einfall, arg heruntergekommen ist und von den Brüdern Sam (Dylan O’Brien) und Jake (Micah Stock) renoviert werden soll: „Braucht nur etwas Liebe.“

          Von der Liebe freilich versteht der Tinder-süchtige Sam wenig. Als sie im Haus das uralte Verlobungsfoto einer bildhübschen Frau finden, scherzt Jake, dass Wischen, die typische Tinder-Bewegung, hier kaum funktioniere. Der offenbar nie umgebaute Keller wirkt auf die Brüder wie eine „Zeitkapsel“, ist aber natürlich noch mehr, der Einstieg in einen Zeittunnel nämlich. Durch den flutscht Sam, weil gerade die meteorologischen Verhältnisse stimmen, ins Jahr 1919. Er trifft die ihrer lukrativen, aber wenig erfüllenden Verlobung entgegensehende Dame auf dem Foto (Victoria Pedretti). Und selbstverständlich ist es –mit Tinder gesprochen –, ein „Match“. Nun entspinnt sich eine Liebesgeschichte über die Zeiten hinweg, was zumindest von der Idee her raffiniert ist.

          Es fehlt der Episode aber nahezu der gesamte Zauber, der der Serie eigen war. Der Einbruch des Unerwarteten wirkt unmotiviert, die Charaktere sind lieblose Abziehbilder und das Tempo ist komplett misslungen. So schnell und wahllos sind die Sprünge zwischen den Zeiten, dass man den Figuren und ihren Schicksalen auf keiner Ebene näherkommt. Der offenbar als Hommage gedachte Einsatz bewusst schlechter Spezialeffekte wirkt nicht kultig, sondern billig parodistisch, weil jede Identifikation fehlt. Und aus dem an sich reizvollen Zusammenstoß unserer Zeit mit der progressiven Ära in Nordamerika nach 1900 macht das Buch so gut wie gar nichts.

          Das kommt kaum über eine der historischen „Doctor Who“-Episoden hinaus, nur eben ohne Doctor Who und damit ohne erzählerisches Zentrum. Vielleicht gewinnt in den weiteren Folgen die erzählerische Seite doch die Oberhand über eine leere Klischee-Dramatik mit nostalgischem Touch. Der lasche Einstieg wirkt gegenüber der Vorlage wie ein armseliger E-Scooter gegenüber einer die Mauern der Phantasie einreißenden Dampflok.

          Amazing Stories ist auf Apple TV+ abrufbar, jeden Freitag erscheint eine neue Folge.

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