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Zweite Staffel „Fleabag“ : Triumph der Antiheldin

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Leben ist, wenn man aus den Trümmern herauskriecht und weitermacht: In der zweiten Staffel von „Fleabag“ taumelt Phoebe Waller-Bridge von einem Schlamassel ins nächste. Wer mutig ist, dem geht dabei das Herz auf.

          Gnadenlos schuldig und kaum mildernde Umstände oder sehr, sehr viele – das kommt auf die Perspektive an. Fleabags (Phoebe Waller-Bridge) eigene Bilanz mit Anfang dreißig: Leben ist, wenn man aus den Trümmern des Gegen-die-Wand-Fahrens herauskriecht und weitermacht. Ihr Café geht den Bach hinunter, seit ihre einzige Freundin und Geschäftspartnerin bei einem halb selbstverschuldeten Unfall von einem Auto und zwei Fahrrädern überrollt wurde (der Zweiradverkehr in London ist mörderisch).

          Jetzt kommen nur noch ab und an Gäste, die kostenfrei ihre elektronischen Geräte aufladen oder Sandwiches für zwanzig Pfund das Stück kaufen wollen. Als Fleabag wegen eines Kredits verhandeln muss, fliegt sie nach einem ungeschickten BH-Blitzer raus. Möglicherweise auch, weil die Idee eines Cafés für Meerschweinchen so lächerlich wirkt. Dabei handelt es sich um ein Café mit Meerschweinchen-Thema.

          Klare Kommunikation zählt nicht zu Fleabags Kernkompetenzen. Die Beziehung zu ihrem Freund ist ruiniert, weil sie Obamas Reden im Bett anregender findet als den Lebensgefährten. Selbst auf der Beerdigung ihrer Mutter schafft sie es spielend, die aufrichtig Bedrückten zu irritieren. Sie sieht wundervoll aus am Grab. Welche Tochter ist so herzlos, beim Heimgang der Mutter perfektes Haar zur Schau zu stellen? Wenigstens weiß ihre Schwester Claire (Sian Clifford), was sozial akzeptabel ist, und sieht angemessen zerstört aus. Für Fleabag Anlass genug, gleich den nächstbesten Mann zum Gelegenheitssex aufzureißen. Schließlich weiß niemand, wie lange sie noch attraktiv sein wird.

          Von Schweigeseminaren und Sex-Vernissagen

          Wer zu Pessimismus oder einer destruktiven Weltsicht neigt, sollte sich die von Amazon und der BBC koproduzierte Sitcom „Fleabag“ von und mit Phoebe Waller-Bridge keinesfalls anschauen. Ihrer sexuell äußerst aktiven Heldin ist auch in der zweiten Staffel keine Peinlichkeit zu absurd, keine Situation zu erniedrigend, keine Selbstanklage zu wohlfeil. Immer wieder schaut sie direkt in die Kamera wie in den eigenen Kopf und analysiert mit pfeilgenauer Präzision die Absurdität der Lage.

          Von Unsympathen umgeben, die ihrerseits mit lauter Verletzungen durch das Leben gehen, hilft Fleabag Scharfzüngigkeit durch den Tag. Das ist immer noch so deprimierend wie in der ersten, außerordentlich erfolgreichen Staffel. Und es ist zum Schreien komisch, wie Waller-Bridge ihre frauenbewegte Antiheldin zu Schweigeseminaren, zur Brustkrebsvorsorge, auf die Sex-Vernissage ihrer Künstlerinnen-Stiefmutter (Olivia Colman), in das Büro ihrer megaerfolgreichen Schwester und in die katholische Kirche zum attraktiven Priester (Andrew Scott) schickt, in den sie sich, um das Maß des Unglücks vollzumachen, verliebt, bevor die nächsten Schockmomente auf der Hochzeit ihres Vaters (Bill Paterson) und bei der Verleihung eines Frauen-Business-Awards an Belinda (Kristin Scott-Thomas) Fleabag zum Taumeln bringen.

          Wer aber mutig genug ist, mit der unwiderstehlichen Fleabag durch wahnwitzige Momente der Selbstverdammung hindurch nach der verlorenen Liebe zu suchen, dem geht mit dieser Sitcom das vielleicht ebenfalls gebrochene Herz auf. Die Serie basiert auf einem Stand-up-Comedy-Programm der Hauptdarstellerin, das 2013 zunächst in Edinburgh, später in London frenetisch gefeiert wurde.

          Nach der ersten Staffel verglichen viele ihre Schöpferin mit Lena Dunham. Das aber ist, ebenso wie das Feministinnen-Etikett, eine unfaire Zuschreibung. Waller-Bridge ist wesentlich pointierter und gnadenlos lustig. Mit einer grandiosen Besetzung trägt die zweite Staffel von „Fleabag“ ihre Situations- und Wortkomik zu neuen Höhen. Aber es sind keine Gipfel des Zynismus, sondern der Erkenntnisse, die Möglichkeiten zur Selbstkritik und Selbstvergebung aufzeigen. Auf einem salbungsvollen Ton endet die Serie trotzdem nicht. Attraktive Pfarrer von der Bettkante zu schubsen wäre auch eine Sünde. Natürlich nur fiktiv gesprochen.

          Fleabag läuft bei Amazon Prime.

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