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Finale von „House of Cards“ : Die Präsidentin lässt bitten

Bild: Sky/Netflix

Die sechste und letzte Staffel von „House of Cards“ beginnt mit viel Pathos und wirft Fragen auf: Wie schlägt sich die Serie ohne Kevin Spacey? Spielt Robin Wright eine Feministin im Weißen Haus?

          Die sechste und letzte Staffel von „House of Cards“ beginnt wie die erste. Mit einem Bildersturm aus Washington und einem drängenden Soundtrack. Unheil kündigt sich an. Das ist Claire Underwood, die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten, gewohnt. Ihr Mann Frank, der noch im Amt Verbrechen beging, inklusive Mord, ist tot. Starb er eines natürlichen Todes? Seine Witwe bezweifelt dies. Frank hatte viele Feinde, und seine Feinde sind nun ihre. Claire war seine Partnerin in crime, nun hat sie Anlass zu der Annahme, dass sehr einflussreiche Leute sie beseitigen wollen. Die Präsidentin steckt bis zum Hals im Schlamassel. Dabei würde sie doch am liebsten alles anders machen als ihr verstorbener Mann. Sie will eine gute, gütige Präsidentin sein, der es tatsächlich um das Wohl der Menschen geht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Davon spricht Claire Underwood am Nationalfeiertag, dem 4. Juli. Es ist der hundertste Tag ihrer Amtszeit und der Tag, an dem sie Soldaten in den Krieg schickt, nach Syrien. Sie redet von Würde und Opferbereitschaft, gibt Soldaten und Soldatinnen die Hand, verspricht, sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einzusetzen.

          Die Frage einer Soldatin, ob sie einen Plan dafür habe, dass sie an der Front nicht alle krepierten, nimmt die Präsidentin unwirsch auf: „Würden Sie mich das auch fragen, wenn ich ein Mann wäre?“ Zuvor hatte Claire sowohl ihren Stellvertreter, als auch ihren Bürochef in den Senkel gestellt. Die beiden rieten wegen einer Attentatsdrohung von dem Auftritt bei der Armee ab: „Die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten wird nicht ihren Mund halten.“ Etwas später flüstert sie einem Unterstützer zu: „Die Zeit der weißen Männer mittleren Alters ist vorbei.“

          Wo kommt Frank Underwoods Ring plötzlich her: Szene aus „House of Cards“ mit Robin Wright und Greg Kinnear (rechts).

          Im Weißen Haus sitzt also nicht nur eine Präsidentin, sondern eine Feministin, könnten wir denken, hätten wir Claire Underwood nicht anders kennengelernt. Sollte sie tatsächlich an etwas anderes glauben als an Macht um der Macht willen und ihren eigenen Aufstieg? Ist ihr Pathos ernst gemeint? Es scheint so, denn sonst würde dem Zuschauer das nicht vom ersten Dialogsatz an um die Ohren gehauen. Etwa wenn Claire, wie wir es von ihrem verstorbenen Mann gewohnt waren, aus der Szene tritt und ins Publikum spricht: „Glauben Sie kein Wort von dem, was Frank Ihnen in den vergangenen fünf Jahren erzählt hat. Ich sage Ihnen die Wahrheit.“

          Und die wäre? Die Wahrheit ist, dass Frank Underwood in Folge eins von „House of Cards“ einem auf der Straße schwerverletzten Hund die Luft abdrückt, um sein Leiden zu beenden. Es gebe Schmerz, den auszuhalten sich lohne, und sinnlosen Schmerz, sagte er uns. Seine Witwe sehen wir nun, wie sie einen kleinen Vogel, der sich in eine Wandverkleidung im Weißen Haus verirrt, befreit und davonfliegen lässt wie eine Friedenstaube. „Schmerz ist Schmerz“, sagt Claire, „ich bin fertig mit dir, Francis, keine Schmerzen mehr.“

          Das ist ein vielversprechender Auftakt für die finale Runde von „House of Cards“, aber er wirkt auch verlogen. Bislang haben uns die Chefproduzenten – zuerst Beau Willimon, dann Melissa James Gibson und Frank Pugliese – eine ganz andere Welt der Politik gezeigt, eine bis ins Mark verdorbene, in der die von Robin Wright gespielte Claire Underwood nicht als Lichtgestalt erschien, sondern als Gleiche unter Gleichen und schließlich als Giftmörderin. Ist nun alles Friede, Freude, Eierkuchen? Das wirkt auch als Verweis auf das Geschehen hinter den Kulissen fragwürdig. Schließlich musste die sechste Staffel von „House of Cards“ komplett umgeschrieben und die Figur des Francis „Frank“ Underwood beerdigt werden, weil ihr Darsteller Kevin Spacey im Rahmen der MeToo-Enthüllungen in Ungnade fiel: Acht – männliche – Mitarbeiter des Drehteams von „House of Cards“ hatten Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn erhoben. Der Schauspieler Anthony Rapp hatte zuvor in einem Interview davon berichtet, dass Spacey ihn als Vierzehnjährigen sexuell bedrängt habe, es folgten weitere Offenbarungen zu der Zeit, in der Spacey am Londoner Theater Old Vic war.

          Die Handlung von „House of Cards“ liest der Zuschauer nun unwillkürlich als Verweis auf diese Hintergründe mit. Von dem „vergifteten Arbeitsumfeld“, über das Teammitglieder berichteten, will die Schauspielerin Robin Wright nichts mitbekommen haben, wie sie kürzlich bei der Premiere der Finalstaffel in Washington sagte. Jeder Satz, der über Frank Underwood fällt, wirkt in gewisser Weise wie ein Kommentar zu Kevin Spacey. Je apodiktischer die Sentenzen ausfallen, mit denen sich Claire direkt an die Zuschauer wendet, desto seltsamer wird es, desto mehr beschleicht einen das Gefühl, dass einem hier etwas vorgespielt wird. Oder sollen wir Claire Underwood als Verkörperung der Präsidentin interpretieren, welche die Vereinigten Staaten dann bei der letzten Wahl doch nicht bekamen, dafür aber einen Mann wie Donald Trump im Weißen Haus, der im Fernsehen fast ausschließlich als Gegenstand der Satire taugt?

          Bei Frank Underwood wussten wir, wen wir vor uns haben – einen Menschen, der stets das Böse schafft und nur selten etwas Gutes will. Wäre sein Handlanger Doug Stamper (Michael Kelly) nicht noch am Leben und würde nicht aus der Psychiatrie entkommen, müsste man (zumindest nach Ansicht der ersten neuen Folgen) befürchten, „House of Cards“ wechsle ins Fach der politischen Didaktik. So aber besteht für die erste Serie, die der Streamingdienst Netflix selbst produzierte, für die er Preise und Kritikerlob bekam, von der man aber nicht weiß, ob sie tatsächlich nicht nur Insider interessiert, noch Hoffnung – dass am Ende doch alles so schlecht kommt, wie es kommen muss.

          House of Cards, heute, Freitag 2. November, um 22 Uhr bei Sky Atlantic HD.

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