https://www.faz.net/-gsb-9tcl9

„The Man in the High Castle“ : Wenn die ganze Welt in Unordnung ist

Machthaber: Reichsmarschall John Smith (Rufus Sewell). Bild: Liane Hentscher/Amazon Studios

Historisch-philosophische Spekulationen, in einfache Bilder übersetzt: Wird es der Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ gelingen, die Erzählung, die Nazis hätten den Krieg gewonnen und herrschten in Amerika, plausibel zu Ende zu bringen?

          3 Min.

          In der zweiten Folge der vierten Staffel der Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ empfängt Helen Smith, Ehefrau des Reichsmarschalls John Smith, in ihrem Luxusapartment über den Dächern von New York, den Führer des Großdeutschen Reiches, Heinrich Himmler, mit seiner Gattin Margarethe zum Essen. Es ist das Jahr 1962: Hubschraubergeräusche vor den Fenstern, Schwarzweißfernsehen, Mercedes-Taxis auf den Straßen. Auf dem Mahagonibüfett im Hintergrund des Speisezimmers, in dem die Reichsmarschallin ihre Gäste bewirtet, prangt eine Stehlampe. Ihr Lampenschirm ruht auf einem großen, rund eingefassten Hakenkreuz aus blankpoliertem Messing. Es ist ein Objekt, von dem Sammler von Nazi-Devotionalien träumen können.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Von Anfang an hat die Serie, deren abschließende zehn Folgen heute freigeschaltet werden, mit den ästhetischen Schauwerten der Dystopie gespielt, die sie erzählerisch entwickelt. Das begann mit den Werbeplakaten, die eine Freiheitsstatue mit Hitlergruß zeigten und entsprechend Aufsehen erregten. Der Schauder über ein vom Nazi-Reich gekapertes Amerika verbindet sich in „The Man in the High Castle“ mit der Faszination für dessen visuelle Möglichkeiten. Der Vorspann der Serie zeigt eine Concorde mit Hakenkreuz-Insignien. Die Freiheitsstatue, deren rechter Arm doch weiter die Fackel hielt, wird am Ende der dritten Staffel zerstört, an ihrer Stelle reckt ein faschistisches Heldenpaar im Breker-Stil sein Siegeszeichen in den Himmel über Liberty Island. Wie ein urweltliches Monstrum taucht das Denkmal aus dem Dunkel auf. Die Produktionsdesigner wissen Amerikas Niederlage zu inszenieren.

          Die Vorlage der Serie, Philip K. Dicks gleichnamiger Roman, war nie mehr als ein Steinbruch für die Handlung. Aus dem rätselhaften, im Untergrund zirkulierenden Buch „Schwer liegt die Heuschrecke“, das bei Dick einen Ausweg aus der braunen Knechtschaft wies, wird in der Amazon-Serie ein Haufen Filmrollen, Nebenfiguren rücken ins Zentrum, Erzählfäden werden gekappt. Das hat den Vorteil, dass die Autoren mit dem Material, das ohnehin Fragment geblieben ist – von einer geplanten Fortsetzung hat Dick nur zwei Kapitel vollendet –, frei schalten können, aber es birgt auch das Risiko, dass sie sich verstolpern. Erst recht, wenn die Serie, wie jetzt, zum Ende kommen will.

          Die Lösung des Problems ergibt sich aus der Story selbst. „The Man in the High Castle“ kreist um die Idee paralleler Universen: Die eine Welt ist der Notausgang der anderen. Frank Spotnitz, der nach dem kreativen Interim von Eric Overmyer wieder als Kopf der Serie fungiert, macht sich dieses Konzept zunutze, indem er Juliana Crain und John Smith, die sich endgültig als Hauptkontrahenten der Geschichte herauskristallisiert haben, nach Bedarf zwischen den Universen hin- und herschickt. Die Entwicklungslogik des Dramas ist durch diese Entscheidung vorgegeben. Sie drängt zum Showdown.

          Zuerst aber muss Smith (Rufus Sewell in der Rolle seines Lebens) in der Anderswelt von 1962 – in der die Alliierten den Krieg gewonnen haben und Amerika die ersten Soldaten nach Vietnam schickt – seinem Sohn wiederbegegnen, den er dem Euthanasieprogramm der Nazis geopfert, und seinem jüdischen Freund, den er nach Kriegsende an die braunen Sieger verraten hat. Juliana Crain (Alexa Davalos) dagegen darf in den vom Atomkrieg verstrahlten Ruinen Washingtons die Anhängerschaft sammeln, mit der sie den Kampf gegen Smith wiederaufnehmen kann. Die interessantere Figur in diesem Duell ist Smith, weil seine Seele buchstäblich zwischen zwei Welten zerrissen wird. Dennoch darf man vermuten, dass er am Ende für seine Taten bezahlen muss.

          Die Zwei-Welten-Mechanik, hier die Dystopie, dort die Realhistorie, läuft wie am Schnürchen. Trotzdem steht die vierte Staffel, eben weil sie die letzte ist, vor einem Dilemma. Die Nazi-Ästhetik war das visuelle Kapital der Serie; jetzt muss sie es liquidieren, ohne das Amerika, das übrig bleibt, allzu gewöhnlich aussehen zu lassen. Dabei kommt ihr zupass, dass Philip K. Dicks Roman an West- und Ostküste spielt, in New York und im japanisch besetzten San Francisco. Dort sind von den Hauptfiguren der ersten drei Staffeln nur noch der Geheimpolizist Takeshi Kido (Joel de la Fuente) und der Antiquitätenhändler Robert Childan (Brennan Brown) übrig. In den neuen Folgen geraten sie in die Feuerlinie der schwarzen Widerstandsbewegung, die in Gestalt von Bell Mallory (Frances Turner) in den Mittelpunkt des Geschehens rückt.

          Die Schwarzen kämpfen für ein eigenes Territorium und den Abzug der Japaner. John Smith wird auf seinen Ausflügen in die Anderswelt mit der Rassentrennung von 1962 konfrontiert. Die „repercussions“, die Rückkopplungen zwischen den Welten, von denen bei Dick viel die Rede ist, bilden sich so im Kopf des Betrachters ab. Das Geschick, historisch-philosophische Spekulationen in schlüssige Bilder zu übersetzen, ist eines der Betriebsgeheimnisse von „Man in the High Castle“.

          Ein anderes ist das Spiel mit Splittern der Populärkultur. Nach ihrer wundersamen Errettung sieht Juliana Crain in der Anderswelt den Film „Urteil von Nürnberg“ mit Spencer Tracy. Im San Francisco der Dystopie wird derweil der Hut des „singenden Cowboys“ Gene Autry versteigert. Im einen Fall dient der tote Fetisch als Symbol der Zurückgebliebenheit des besiegten Westens. Im anderen staunt man darüber, wie viel kathartische Kraft die Filmbilder von damals immer noch besitzen. Dass beides zusammengehört, Autrys Hut und Tracys Stimme, der Cowboy und der Demokrat, ist die verborgene Botschaft dieser auf schwankendem erzählerischen Boden gebauten Serie. Die Stehlampe mit dem Hakenkreuzständer hat in „The Man in the High Castle“ jedenfalls nicht das letzte Wort.

          Von diesem Freitag an bei Amazon Prime.

          Weitere Themen

          Vergewaltigung beim Vorsprechen

          MeToo-Welle in Griechenland : Vergewaltigung beim Vorsprechen

          Ein renommierter Theaterintendant soll Minderjährige vergewaltigt haben. Die Kulturministerin deckt ihn erst und verlangt jetzt eine kathartische Reinigung. Steht Griechenland am Rande einer Regierungskrise?

          Topmeldungen

          Allein joggen gehen? Unsere Autorin macht das nur bei Tageslicht (Symbolbild).

          Der Moment.... : ...in dem ich mich nicht mehr sicher fühlte

          In der Pandemie gibt es für unsere Autorin einen Zufluchtsort: den Weiher ums Eck. Dort ist sie fast täglich joggen oder spazieren. Und genau dort ist nun eine Frau vergewaltigt worden. Der Täter ist auf der Flucht, und das Joggen unserer Autorin? Ist ausgesetzt.
          Zinsen sind auch nicht mehr, was sie mal waren.

          Zahlen fürs Ersparte : Was tun, wenn die Bank Negativzinsen will?

          Immer mehr Bankkunden werden von ihrem Bankberater angerufen. Sie sollen ihr Geld umschichten oder ein Verwahrentgelt auf ihr Erspartes zahlen. Wie gefährlich ist es, einfach „Nein“ zu sagen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.