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ZDF-Comedy „Fett und Fett“ : Erstens kommt es anders und zweitens gibt es nicht

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Was erzählst Du mir da? Jakob Schreier und Svenia Bayer in „Fett und Fett“. Bild: ZDF und Johannes Brugger

In der ZDF-Comedy „Fett und Fett“ sind zwei Anfangdreißiger auf Sinnsuche. Ihre Tour durchs Leben kommt wie ein verfilmter Laber-Podcast daher. Aber in der Beiläufigkeit liegt echter Tiefgang. Das hat was.

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          Feiern, Praktika, Liebe, Studium, Beziehungen – für viele wird es kompliziert, in „Fett und Fett“ mit Anfang dreißig. Wenn der bis dahin einwandfrei funktionierende Lustprinzip-Antrieb ins Stottern gerät und mit der Frage „Wozu?“ auf Kriegsfuß gerät. Wenn Jugendliche, denen man im Morgengrauen beim Alkoholkauf an der Tanke begegnet, einen siezen, wie in der Folge „Für immer“. Nicht einmal der angeberische Hinweis, dass man gerade zu einer Sexparty unterwegs sei, zieht bei den Kids. Sie finden zwar das Oberteil von Jaksch (Jakob Schreier) scharf, aber nicht seine müde Haltung.

          Auch Jakschs Begleitung Svenia (Svenia Bayer) wartet ab. Passiert heute noch was? Bis jetzt war das gemeinsame Swinger-Abenteuer so lala. Von Sex keine Spur. Erst haben beide die ganze Nacht vor der Location durchgequatscht, dann ging Jaksch der Tabak aus, dann wurde es hell, und Svenia erzählte von dem Typen, mit dem sie jetzt zusammen ist und der ihr nach sechs Wochen einen Heiratsantrag gemacht hat. Jaksch findet es krass oder verstörend, jedenfalls beredenswert. Die beiden streifen durch München, bekommen Kaffee mit Schuss aus dem Fenster einer illegal betriebenen Seniorenkneipe gereicht, drinnen scheint die Post abzugehen. Irgendwie wissen Svenia und Jaksch nicht mehr, was sie eigentlich bei dem lockeren Event wollten. Oder wissen es auf verdruckste Weise allzu genau. Was Abgefahrenes machen. Sich etwas beweisen. Beim Reden darüber wird es immer spießiger. Wie Mutti und Vati in Netzkluft von Beate Uhse. Also lassen? Oder extra hingehen? Es bleibt kompliziert. Wahrscheinlich hat der Laden auch schon zu.

          Sinnsuche im Alltagschaos

          Vor drei Jahren lief die erste Staffel der ursprünglich von Chiara Grabmayr und Jakob Schreier als Webserie ersonnenen Comedy „Fett und Fett“, bekam unter anderem eine Grimme-Nominierung. In den ersten sechs Folgen begegneten Jaksch und sein Freund Bulli (Bulgan Molor-Erdene) in München und Berlin in ihrem sinnsucheunterwanderten Alltagschaos den unterschiedlichsten Leuten, deren einzelne Geschichten auf erzählerische Abwege führten. Zu Beginn der sechs Folgen der zweiten Staffel läuft es für Jaksch gerade super. Mit der Architektin Amara (Samira El Ouassil) hat er trotz, wie er findet, ersten körperlichen Verfallserscheinungen bei sich selbst eine absolute Traumfrau als Freundin. Leider möchte die, dass er bei einer Vernissage ihren Ehemann, den dauerlächelnden Fotografen Georg (Philipp Mühlbauer), kennenlernt. Begeisterung sieht anders aus. Auch wenn Jaksch Fan ihres Ehe-Blogs „Brutalistische Architektur in Italien“ ist. Er macht Schluss.

          Serientrailer : „Fett und Fett“ Staffel 2

          Wer nicht zur hier dargestellten Kohorte der Anfang Dreißiger gehört, mag bei „Fett und Fett“ und den Protagonisten statt an Lifestyle und Zeitdiagnose mehr nostalgisch an das Antiheldenpor­trät von Larry David in „Curb Your Enthusiasm“ oder eine Dramaturgie auf Nebengleisen à la „Tristram Shandy“ denken. Jedenfalls sind die Verbindungen unübersehbar. Die Form freilich gleicht einem beifällig gefilmten „Laber-Podcast“, in dem sich Jaksch und Bulli allerlei Gäste einladen. Der Humor setzt nicht auf Pointe, sondern biegt immer wieder in Wort und Tat um die Ecke.

          Jaksch, der als Dramaturgieassistent endlich sein Theaterwissenschaftsstudium gebrauchen kann, erschöpft seine Kreativität einstweilen darin, dem männlichen Hauptdarsteller von Tschechows „Drei Schwestern“ eine Langhaarperücke aufs Haupt zu schwatzen. Sein eigenes Stück kommt über den Titel (Rausch? Das Rauschen? Im Rausch? Fett, kursiv, welche Schriftgröße?) nicht hinaus. Bei der Beerdigung seines Onkels im bayerischen Kaff zeigt ihm Cousin Flo (Anton Fatoni Schneider) das Leben der ehemaligen Dorfjugend: Zocken, Drohnen abschießen, Fastfood, Amateurpornos drehen. Auch keine Alternative. Die Alternative der Alternative? Keine Ahnung. Aber wenn er den Bus verpasst, ruft Jaksch immer noch Mama Evi (Eva Schreier) an.

          Bulli, dem die Trennung von der Freundin schwer zu schaffen macht, lernt bei einer drogenumnebelten Tanzparty in der Folge „Auseinander fallen“ eine völlig verpeilte Amerikanerin auf dem Atemtherapietrip kennen. Im Alltag ist sie Anwältin für Firmenfusionen und Joint Ventures. Nicht zu fassen. „Fett und Fett“ baut aus der Prämisse, dass am Ende immer alles anders kommt und dass vor allem das Aufregende langweilig ist und das Bekannte überraschend, planlose Comedy mit Tiefgang. Nicht nur für Leute Anfang dreißig.

          Sechs neue Ausgaben von Fett und Fett laufen von heute an, jeweils dienstags um 21.45 Uhr in Doppelfolgen bei ZDFneo. Alle Folgen sind in der ZDF-Mediathek abrufbar.

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