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Fernsehserien : Etwas über uns

Das Fernsehen ist voller Polizisten, Irrer und Verbrecher. Aber das wahre Drama fehlt: Warum wir dringend Familienserien brauchen.

          Es gibt gerade nichts Langweiligeres im Fernsehen als amerikanische Serien. Es gibt gerade aber auch nichts, das glücklicher macht. „Homeland“, „Boardwalk Empire“, „Breaking Bad“ oder „House of Cards“, das sind zugleich Fortsetzungen und Verfeinerungen der Serien aus der Generation davor, von „The Wire“, den „Sopranos“ oder „West Wing“, die einen Sog auslösten, dem sich heute kaum einer entziehen kann. Keine Party, auf der nicht irgendjemand von seiner neuesten Entdeckung schwärmt, kennen Sie „The Shield“, müssen Sie sehen, wenn Sie „The Wire“ mochten! Oder die schönsten Szenen mit Walter oder Tony oder Brodie und Carrie nacherzählt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber was da seit einigen Jahren geschieht, ist nicht nur eine Verfeinerung des erzählenden Fernsehens: Es ist auch eine Homogenisierung seiner Stoffe. Und da wird es dann eben langweilig. All diese Serien gruppieren sich mehr oder weniger um drei Konfliktherde – Kriminalität, Spionage, Politik. Aus „24“ führt ein Weg zu „Homeland“, aus „West Wing“ zu „House of Cards“, aus den „Sopranos“ zu „Boardwalk Empire“ (über die Abzweigung zur Geschichte) oder „Breaking Bad“ (das wäre dann die Abfahrt zur Psychose). Die neuen Serien steigern dabei, was die alten erfanden, nur ist das offenbar zum Wettbewerb geworden, und so gibt es für jede Serie, die glückt, ein Dutzend anderer, die es grotesk vermasseln und deswegen eingestellt werden: noch kaputtere Ermittler, noch abgefucktere Kriegsheimkehrer, von den Vampir-Serien, Zombie-Serien, Werwolf-Serien ganz zu schweigen, und auch von den Spurensicherern und Pathologen, mit jeder Saison kommen neue hinzu.

          Wo ist der Nachfolger der „Drombuschs“?

          Aber wo bleibt bei alledem die komplexe, clevere, kluge Familien-Serie? Wo bleibt, um in der Systematik zu bleiben, der Nachfolger von „Six Feet Under“? Da liegt ein riesiger Konfliktherd brach, aber offenbar traut sich niemand heran.

          Familienaufstellung: Die Fishers aus „Six Feet Under“

          „Six Feet Under“ erzählte in fünf Staffeln die Geschichte der kalifornischen Familie Fisher am Anfang des 21. Jahrhunderts: Der Vater, ein Beerdigungsunternehmer, stirbt bei einem Unfall, sein Sohn Nate muss nun den Laden übernehmen, in dem dessen jüngerer Bruder David schon seit längerem arbeitet, pflichtbewusst und unglücklich. Die Mutter hat Angst vor der plötzlichen Freiheit, in die sie dann mit immer weiter geöffneten Armen hineinrennt. Ihr jüngstes Kind, Claire, ist ein großes Talent der Aufsässigkeit. Um die Fishers herum gruppieren sich die Partner der Familie und deren Familien, und eine Beerdigung pro Folge käme dann auch noch dazu, und das Ganze endet in einem Finale, bei dem Claire im Auto in die Zukunft der Serie aufbricht, die nicht mehr auserzählt wird: Das gehörte zu den poetischsten neun Minuten, die es im Fernsehen je gab.

          Die Herausforderung aber, da weiterzumachen, hat bislang niemand angenommen. Man könnte übrigens genauso fragen: Wo ist der Nachfolger von den „Drombuschs“, die manche für ein Echtzeit-Experiment in Langweiligkeit hielten und andere für eine Offenbarung bundesrepublikanischer (okay, hessischer) Mentalitätsgeschichte. Mitte der neunziger Jahre gab es auch mal eine Vorabendserie namens „Aus heiterem Himmel“, da ging es um eine Patchwork-Familie, lange bevor es den Begriff überhaupt gab, ein alleinerziehender Vater, der mit drei Kindern und seinem besten Freund in einem Haus am Starnberger See lebt, und schon wieder passiert irgendwas.

          Verbrechen als Brandbeschleuniger

          Aber wenn es heute alleinerziehende Väter im deutschen Vorabend gibt, dann sind es zum Beispiel verwitwete Pfarrer wie beim „Herzensbrecher“ im ZDF: ein vierzigjähriges Supermodel, das vier Supermodel-Jungs hat und dessen Konflikte supermodelliert sind, eine Folge Theodizee, in der nächsten ist dann der Islam dran, man glaubt kein Wort. „Türkisch für Anfänger“ wirkt inzwischen wie ein „Tatortreiniger“ des Familienfernsehens, ein schöner, unwahrscheinlicher Zufall, ein Solitär.

          „Six Feet Under“ gehörte zur gleichen Generation wie „Sopranos“ und „West Wing“ – oder wie „Sex and the City“, eine Serie, deren Drama und Brisanz immer unterschätzt wurde, wie die amerikanische Fernsehkritikerin Emily Nussbaum vor einigen Monaten schrieb: weil da offenbar die Hierarchie wirke, alles, was stilisiert, lustig oder feminin sei und sich explizit mit Sex statt mit Gewalt beschäftige, nicht so ernst nehmen zu müssen. In der letzten Staffel habe „Sex and the City“ dann zwar leider vor dem Druck eines Happy-Ends kapituliert, bis dahin aber die Gegenwart moderner Frauen (und Männer auch) präzise beschrieben.

          Das tun Serien wie „Breaking Bad“ oder „House of Cards“ auf ihre Weise auch, das ist ja grade ihre Kunst: vordergründig vom Drogenhandel zu erzählen, eigentlich aber von der Emanzipation eines Mannes aus seinem Schicksal. Um eine Familienserie zu bitten, die weniger märchenhaft wäre als „Downton Abbey“, bedeutet ja außerdem nicht, gegen die anderen Serien zu sein. Aber um Konflikte zu entfachen, die eine Geschichte episch tragen, scheint es ohne den Brandbeschleuniger Verbrechen momentan nicht mehr gehen zu können. Und so komplex da erzählt wird: Eigentlich machen es sich diese amerikanischen Serien leicht. Eine psychotische Polizistin und ein Doppelagent, wie könnte das nicht spannend sein?

          Wo ist die nächste Kita?

          Im deutschen Serienfernsehen ist es noch eklatanter: Da hat der Krimi sämtliche Genres absorbiert und plattgemacht. Dabei muss man ja nur die Zeitung aufschlagen oder ins Netz gucken: Über kaum etwas wird derzeit so gestritten wie über das Kinderkriegen, über Erziehung, darüber, was eine Ehe ist oder wie eine Familie auszusehen hat. Wer wissen will, wie die Totalüberwachung wegen Terrorismus aussieht, kann sich die erste Staffel von „Homeland“ anschauen, inklusive Rechtsdebatten, ob die Ermittlerin paranoid ist oder ihre Grenzverletzungen legitim sind, im Dienst einer höheren Sache.

          Aber eine Serie über junge Paare, oder ältere, die sich den Kopf zerbrechen, wann der richtige Zeitpunkt wäre, ein Kind zu kriegen, und es dann trotzdem versucht? Und danach ständig vor Wände läuft? Wie geht es mit dem Job, wo ist die nächste Kita? Wenn das so öde wäre, warum sind die Leute dann nur jedes Mal so außer sich und schreiben endlose Kommentare ins Netz, wann immer es um so etwas geht, egal in welchem Medium, von links bis rechts? Oder wenn es um gleichgeschlechtliche Beziehungen geht.

          Der Traum von der Kernfamilie

          Es gibt Familienserien natürlich immer noch. „Breaking Bad“ ist ja letztlich auch eine, „Modern Family“ (läuft bei uns auf RTL Nitro), die „Simpsons“ oder „Family Guy“ sind es genauso, in Komisch, deswegen nicht weniger wahr – aber ist das nicht der nächste Beleg dafür, dass es ohne Zutaten nicht mehr zu gehen scheint? Als die ARD im Herbst die zweite Staffel von „Weissensee“ ausstrahlte, war es fast zermürbend, wie wenig die Macher der eigenen Story trauten: Von einer Familie, wo der Vater den einen Sohn, der sich abgewendet hat, mehr liebt als den anderen, der um die Liebe seines Vaters kämpft, indem er ihm nacheifert, und für diese Liebe dann alles tut. Aber als wäre das nicht schon brutal und eklig genug, und angenehm kitschig auch, musste die arme Familie Kupfer dann noch sämtliche Konflikte der späten DDR auf sich nehmen: Doping, Bürgerrechtsbewegung, Zwangsadoption. Da war es einmal nicht der selbsterklärende Schock eines Verbrechens, sondern die didaktische Bedeutsamkeit der Zeitgeschichte, mit der eine Serie aufgeladen wurde, die schon so schwer genug war.

          Es heißt ja immer wieder, die Serie von heute sei das, was der Roman im 19. Jahrhundert war. Wenn das wirklich so wäre, müsste es doch eigentlich sehr viele Familienserien geben. Fontane beispielsweise hat ja eher selten Krimis geschrieben, aber dafür über Ehen und Affären, die kaum weniger mörderisch waren. Was aus dieser Zeit im deutschen Fernsehen erhalten blieb, ist der unverbesserliche Traum von der Kernfamilie. Der aber schon damals ständig geplatzt ist, mit ein paar der schönsten und lautesten Explosionen der Literaturgeschichte. Die modernen Konstellationen, unter denen Familien entstehen, mit denen sie ringen, hat diesen Stoff nur noch reicher gemacht. Und vor dem Fernseher säßen jede Menge Experten. Was die Ansprüche sehr hoch schraubt, es genau zu machen, authentisch, lebendig. Es wäre nicht nur weniger langweilig, es mal mit einer Familienserie zu versuchen, es wäre so naheliegend.

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