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Serie „8 Tage“ bei Sky : Feiern, bis der Asteroid kommt

Ungleiche Freundinnen: Nora (Luisa-Céline Gaffron, links) und Leonie (Lena Klenke) zu Besuch auf der Endzeit-Party Bild: Sky

Das Ende ist nahe: Die Serie „8 Tage“ will von Elend und Freiheit im Angesicht der Apokalypse erzählen, entwickelt aber nur wenig Phantasie im Umgang mit dem Untergang.

          Fast dreitausend Jahre lang war er von der Bildfläche verschwunden, nun läutet der ägyptische Sonnen- und Falkengott in Form des Asteroiden „Horus“ das Ende ein. Nicht für die Welt, aber doch für ein Europa, wie wir es kennen. Einschlagsort des auf etwa 30.000 km/h beschleunigten astronomischen Kleinkörpers ist das südwestfranzösische Hafenstädtchen La Rochelle. Deutschland liegt damit in der sogenannten „Kill Zone“. Auch die mit Atomsprengköpfen bestückten Phönix-Abwehrraketen können Horus nichts anhaben. Wissenschaftler berechnen die Zeit bis zum Einschlag auf jene „8 Tage“, die dieser neuen Sky-Serie ihren Titel geben.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt, da der Einschlag unausweichlich bevorsteht, ergreifen Menschen in allen Ländern Europas die Flucht. Man kann diese grob zugespitzte, dystopische Umkehr als „Wehe, wenn“-Kommentar ruhig erst einmal annehmen – wenngleich der Asteroid all die menschgemachten Ursachen von Flüchtlingsbewegungen bequem unterfliegt. Doch Flucht ist in diesem präapokalyptischen Bilderbogen nur eines der zentralen Themen. Viel stärker haben es ihre Schöpfer, die Regisseure Stefan Ruzowitzky und Michael Krummenacher sowie die Autoren Peter Kocyla, Rafael Parente und Benjamin Seiler, darauf abgesehen, zu zeigen, wie der Mensch im Angesicht seiner drohenden Vernichtung mit dem körperlichen und seelischen Elend, aber auch mit der plötzlichen Überdosis an Freiheit umgeht.

          In der Praxis wissen Menschen mit Freiheit wenig anzufangen

          Zumindest eines gelingt der Serie schon recht früh: zu zeigen, dass diese Art vollkommener Freiheit aus dem gleichen Stoff ist, aus dem auch jene Regeln und Konventionen sind, die ihr Einhalt gebieten wollen: Sie existiert nur als Theorie. In der Praxis wissen die Menschen (anders als mit all ihren letztlich bequemen Regeln) wenig mit ihr anzufangen. Leider überträgt sich dieser Umstand auch auf die Serie selbst. Sie scheitert an der Frage, welche Bilder es braucht, um zu zeigen, dass nichts mehr gilt, es aber um alles geht. Eben weil es um alles geht, müssen – so der Einfall – die Figuren auch alles erdenkliche Leid und alle Lust (hier beschränkt auf Triebabfuhr) in diesen letzten Tagen beziehungsweise acht einstündigen Episoden erleben.

          Dieser Anforderung sind nicht alle Schauspieler gewachsen. Zu jenen, denen man das plötzliche Gefühl der eigenen Endlichkeit abnimmt, gehören Christiane Paul und Mark Waschke. Als Ärztin Susanne und als Physiklehrer Uli versuchen sie mit ihren Kindern Leonie (Lena Klenke) und Jonas (Claude Heinrich) mit Hilfe eines Schleppers über Polen nach Russland zu fliehen. Susannes Bruder, der „aufstrebende Politiker“ Herrmann (Fabian Hinrichs), versucht unterdessen, mit seiner – natürlich – hochschwangeren Frau Marion (Nora Waldstätten) über eine amerikanische Luftbrücke zu entkommen. Susannes und Herrmanns Vater Egon (Henry Hübchen) trinkt sich derweil durch seine alkoholhaltigen Ehren-Andenken aus „17 Jahren Volksarmee“.

          Möchte man vor der Apokalypse nicht begegnen: Devid Striesow

          Einem, dem man kurz vor, aber auch während der Apokalypse nicht begegnen möchte, Devid Striesow als Baumarkbesitzer Klaus, hat sich und seiner Tochter Nora (Luisa-Céline Gaffron) einen Bunker gebaut, in dem er sie dazu zwingt mit ihm „Bibi und Tina“-DVDs zu gucken. Murathan Muslu als dienstbeflissener Polizist und Susannes Liebhaber Deniz sowie David Schütter als bekehrter Sünder Robin runden die Sache nicht ab, sondern lassen sie noch weiter ausfransen. Zwar fasst die Kamera von Benedict Neuenfels und Jakob Wiessner sowie der Schnitt von Stine Sonne Munch die Handlung oft elegant und spielerisch zusammen, doch auch die einsam-elegische Gesangsstimme aus dem Off kann den Bildern nicht jenes Gewicht verleihen, das die Macher ihnen durch David Reichelts Kompositionen im Nachhinein zu verleihen trachten.

          Nach mehreren sehr plötzlichen und ebenso expliziten Gewaltausbrüchen, endlos in Szene gesetzter Saufereien und einer Berliner Endzeit-Elektro-Party-Villa, deren Innenleben vornehmlich vermittels rotem Strobo-Licht, allerlei Brüsten und hier und da auch einem verschämt hineingeschnittenen männlichen Glied präsentiert wird, kommt man doch irgendwann zu dem niederschmetternden Schluss: Wenn das alles sein soll, was uns im Angesicht der Apokalypse einfällt, dann ist das Ende nahe.

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